Rektor trifft Studenten: "Sie schreien, aber ich höre Sie nicht"

23. April 2012, 21:06
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Trotz verhärteter Fronten einigten sich Studenten und Rektorat der Uni Wien bei einer Dikussion auf ein gemeinsames Ziel

Rektor Heinz Engl seufzt. Die Studierenden im Hörsaal U10 wird er heute nicht mehr von seiner Studiengebühren-Strategie überzeugen. "Bitte, glauben Sie mir auch einmal was. Ich weiß wirklich nicht, wie wir das sonst lösen sollen", sagt er. Der Hörsaal ist bis auf den letzten Platz besetzt. Manche Studierende stehen, andere sitzen auf den Stufen. Auch sie sind ratlos. Sie wissen nicht, was sie mit den Argumenten des Rektors der Uni Wien anfangen sollen. "Warum gehen Sie nicht mit uns auf die Straße?", ruft eine Studentin. 

WEGA räumte Audimax

Am Montagabend hatte die Uni Wien die Studierenden und Lehrenden zu einem Gespräch über die finanzielle Lage der Hochschule geladen. Der Anlass dafür war die spontane Besetzung des Audimax am vergangenen Donnerstag. Die Studierenden hatten damit gegen die Abschaffung des Bachelorstudiums Internationale Entwicklung, gegen die Studieneingangsphase sowie gegen die autonomen Studiengebühren protestiert. Das Rektorat bot den Studierenden eine Informationsveranstaltung zu Studiengebühren sowie eine Diskussion über das Studium der Internationalen Entwicklung an, wenn sie die Besetzung aufgeben würden. Das taten sie nicht - die WEGA räumte den größten Hörsaal der Uni Wien noch am selben Abend. 

Verhärtete Fronten

Genau das sorgt bei der Diskussion zwischen den Studierenden und dem Rektorat nun für verhärtete Fronten. Die Studierenden blicken von den Sitzreihen hinunter auf die drei Vertreter der Universität. "Jetzt machen Sie hier einen auf kollegial und davor lassen Sie uns mit der WEGA aus dem Hörsaal tragen", schreit ein junger Mann empört. Applaus brandet auf, die Studenten stehen auf. Engl, Vizerektor Heinz Fassmann und Vizerektorin Christa Schnabl sitzen zurückgelehnt und mit verschränkten Armen da. "Sie schreien, aber ich höre Sie nicht", sagt Engl. "Das Gespräch ist ergebnislos, weil sie nur mit reflexartigen Argumenten kommen", wirft Fassmann den jungen Leuten vor.

"Teilen Sie den Kuchen auf"

Die beiden Seiten beschuldigen sich gegenseitig der Gewalttätigkeit. "Die Leute sind verprügelt worden", schreit eine Studentin in den vorderen Reihen. Sie versteht nicht, warum der Rektor den friedlich besetzten Hörsaal von der Polizei räumen ließ. Engl wiederum erzählt von einer Sekretärin, die bei der Besetzung seiner Büroräume Abschürfungen erlitten hat. Später gibt er aber zu, dass es nicht nötig gewesen wäre, die Uni nach der Besetzung zwei Tage lang zuzusperren. Beide Seiten hören einander kaum zu. Eine Studentin bringt dem Rektor einen Kuchen, einige Sekunden lang herrscht Spannung - wird sie ihn Engl ins Gesicht knallen? Nein, sie fordert ihn nur dazu auf, den Kuchen gerecht aufzuteilen, den er durch seine Machtposition bekommt. "Ich habe keine Machtposition", sagt der Rektor resignierend.

15 Millionen Euro Schulden

Eingangs hatte Engl versucht, den verärgerten Besetzern die finanzielle Situation seiner Uni darzulegen. "Man merkt noch nicht, wie ernst die Lage ist", führt er aus. Die Hochschule müsse im Jahr 2012 ein Minus von 15 Millionen Euro in Kauf nehmen. Er setzt seine Hoffnungen auf die "Töchterle-Milliarde", wie er die 750 Millionen Euro nennt, die Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle für die Unis in Aussicht gestellt hat. "Wir wissen nicht, nach welchen Kriterien das Geld vergeben wird", erklärt Engl. 

Rechtliche Lage klären

Töchterle wünscht autonome Studiengebühren, weil er sich mit der SPÖ auf keine Studiengebühren-Regelung einigen kann. Schon am Freitag hat Universitätsleiter Engl von "Druck aus dem Ministerium" gesprochen. Ihm gehe es "vor allem um eine schnelle Klärung der Rechtslage", sagt er bei der Diskussion. Derzeit ist nämlich unklar, ob die Universitäten selbst Studiengebühren einheben dürfen. Das kann nur der Verfassungsgerichtshof entscheiden.

Engl will die Gebühren einführen, um die Frage endgültig zu klären und nicht länger ein "Spielball" zwischen ÖVP und SPÖ sein zu müssen. Mit dieser Erklärung sind die Studierenden allerdings gar nicht zufrieden. "Warum hebt man nicht einfach nur symbolische zehn Cent Studiengebühren ein?", fragt eine junge Frau. So könne man schließlich die rechtliche Frage auch klarstellen. "Ich muss ehrlich sagen, auf diese Idee ist noch niemand gekommen", gibt Engl zu. Empörtes Gelächter im Saal. 

Gemeinsames Ziel: Mehr Geld

Ein wichtiges gemeinsames Ziel konnten Studenten und Rektorat im Laufe der Diskussion aber doch finden: mehr Geld für die Uni. Eine Studentin fragt am Ende: "Was können wir tun, um Ihre Position in den Verhandlungen zu stärken?" - "Aufhören, Gegner sein zu wollen", antwortet Engl. Was die Studierenden konkret für ein höheres Budget machen können, weiß er aber auch nicht. (Lisa Aigner, derStandard.at, 23.4.2012)

Update: In einer früheren Version des Artikels haben wir die Diskussion fälschlicherweise in den Hörsaal C1 verlegt. Wir bedauern!

  • Die Teilnehmer der Diskussion protestierten gegen die Audimax-Räumung.
    foto: derstandard.at/lis

    Die Teilnehmer der Diskussion protestierten gegen die Audimax-Räumung.

  • Christa Schnabl, Heinz Engl und Heinz Fassmann (v. li.).
    foto: derstandard.at/lis

    Christa Schnabl, Heinz Engl und Heinz Fassmann (v. li.).

  • Geknebelt und gefesselt legten sich die Studenten vor das Rektorat.
    foto: derstandard.at/lis

    Geknebelt und gefesselt legten sich die Studenten vor das Rektorat.

  • Der Rektor bekam einen Kuchen, wurde aber nicht getortet.
    foto: derstandard.at/lis

    Der Rektor bekam einen Kuchen, wurde aber nicht getortet.

  • Der Hörsaal U10 war bis zum letzten Platz besetzt.
    foto: derstandard.at/lis

    Der Hörsaal U10 war bis zum letzten Platz besetzt.

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