Homophobe Begriffsverwirrung

Kommentar der anderen23. April 2012, 19:19
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Pädophilie und Homosexualität sind nicht dasselbe

Betrifft: Leopold Federmairs Album-Essay "Meine grausame Kindheit", DER STANDARD, 21.4.2012

Seit einigen Jahren beschäftigt sich die Öffentlichkeit weltweit intensiv mit dem Thema Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche. Und das vollkommen zu Recht! Zu lange wurden diese Fälle verschwiegen und verdrängt. Bis zur Verjährung. Was Missbrauch ist, ist sehr einfach zusammenzufassen: Ein (oder mehrere) Menschen zwingen einen (oder mehrere) Menschen zu einer sexuellen Handlung, die nicht freiwillig erfolgt. Wenn das Opfer dann auch noch ein Kind ist, ist dieser Missbrauch umso verabscheuungswürdiger.

Für mich und viele, viele Mitstreiter/-innen, die seit Jahren für die gesellschaftliche Akzeptanz und die rechtliche Gleichstellung von Lesben, Schwulen, intersexuellen und Transgender-Menschen kämpfen, war es ein gefühlter Sieg, dass Medien, die Öffentlichkeit und die Politik endlich verstanden hatten, dass Pädophile - also die sexuelle Anziehung zu Minderjährigen - und Homosexualität zwei grundverschiedene Dinge sind.

Die Berichterstattung der vergangenen Jahre hat hier klar differenziert. Und das war und ist auch gut so. Zudem war immer klar, dass es freiwilligen einvernehmlichen Sex (übrigens auch selbstbestimmt bei Jugendlichen) auf der einen Seite gibt und Missbrauch auf der anderen. Und dass beides unterschiedlich bewertet und behandelt werden muss.

Doch zwischendurch gab und gibt es auch immer wieder Texte und Medienhypes, die den Unterschied ignorier(t)en. Etwa als die sogenannten Skandale aus dem St. Pöltner Priesterseminar bekannt wurden:

Da hatten Seminaristen doch tatsächlich rituelle Homo-Ehen zelebriert. Es handelte sich um erwachsene Männer, die sich gegenseitig das Ja-Wort gaben. So what? Die dürfen das! Es war freiwillig.

Der Skandal wäre ja eigentlich die überkommene Moralvorstellung der Kirche gewesen. Trotzdem wurden diese Begebenheiten als eines von vielen Verbrechen innerhalb der Kirche kommuniziert. Warum auch immer. Dem STANDARD als aufgeklärter und liberaler Zeitung hätte ich allerdings doch zugetraut, die Differenzierung zwischen Pädophilie und Homosexualität zu begreifen. Doch dann erscheint der Text von Leopold Federmair.

Der Autor war Klosterschüler in Kremsmünster und wurde Opfer pädophiler Übergriffe, vor allem seitens eines Fußballtrainers, den Federmair in seinem Text kontinuierlich als "schwul" bezeichnet.

Beispiel gefällig? "Eine Zeit lang litt ich unter Leistenzerrungen: gefundenes Fressen für einen schwulen Betreuer, der gern die Penisse seiner Schützlinge betrachtet und manchmal betastet." So ein Satz ist schlicht unerhört, auch wenn er von einem Missbrauchsopfer stammt. Denn es handelte sich eindeutig um einen pädophilen Betreuer!

Und dann stellt der Autor auch noch die These in den Raum, die erwachsenen "Schwulen" würden die Minderjährigen zum Schwulsein "bekehren" wollen! Dieses Argument wurde jahrzehntelang (übrigens auch seitens der katholischen Kirche) verwendet, um Schwule und Lesben zu stigmatisieren, zu diskriminieren und ihnen jede Vereinsgründung, jede Öffentlichkeit und jegliches Recht zu nehmen. Obwohl die Wissenschaft die These, Erwachsene könnten Kinder zur Homosexualität "verführen", längst widerlegt ist! Noch in den 1990er- und 2000er-Jahren begründete die ÖVP damit ihre Ablehnung einer Abschaffung des § 209, der für schwulen Sex andere Mindestaltergrenzen festlegte als für Heteros und Lesben. Was unter Experten schon damals nur Kopfschütteln auslöste.

Mir tut Herr Federmair aufrichtig leid. Sein Versuch, Missbrauchserfahrung in der Jugend literarisch zu verarbeiten, ist begrüßenswert. Der Versuch scheiterte aber kläglich, denn er wurde auch Opfer von Vorurteilen und mündet in blanke, wütende und blinde Homophobie. (Marco Schreuder, DER STANDARD, 24.4.2012)

Autor

Marco Schreuder ist Bundesrat der Grünen und Sprecher der Grünen Andersrum.

  • Marco Schreuder: Missbrauch hat nichts mit Schwulsein zu tun.
    foto: regine hendrich

    Marco Schreuder: Missbrauch hat nichts mit Schwulsein zu tun.

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