Am Rand zeigt sich nur vermeintlich die Peripherie

Anne Katrin Feßler
23. April 2012, 18:00

"Passion of the real ": Iris Andraschek im Atelierhaus der Akademie

Wien - Der Wald dämpft die Sonnenstrahlen, entrückt die Szene auf der Kühlerhaube des angerosteten blauen Nissan der Realität. Die barbusige Pose der Freiheit erinnert ebenso an die tragische Romantik in Wedekinds Frühlings Erwachen wie an Sofia Coppolas Film The Virgin Suicides.

Es ist keine reine Inszenierung der Künstlerin Iris Andraschek. Diese Bilder ihrer Serie Canada / Wait until the night is silent (2002) sind vielmehr Resultat eines Aufeinander-Zugehens, Sich-in-Beziehung-Setzens mit den Porträtierten. Eine Praxis der "wechselseitigen Annäherung und des Dialogs" nennt es Barbara Steiner und beschreibt damit auch eine Charakteristik der gemeinsam mit Hubert Lobnig realisierten Arbeiten für den öffentlichen Raum.

Inspirierend war in Kanada auch der Schauplatz: ein See im Wald, abgestorbene Zedern, Feuerplätze, Hütten und Boote. "Mit dem richtigen Ort, den richtigen Menschen und Utensilien formieren sich die Bilder mit einigen Anweisungen wie von selbst", sagt Andraschek.

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Iris Andraschek (geb. 1963) zeigt im ehemaligen Semperdepot Arbeiten aus den letzten zehn Jahren. Passion of the real ist keine Retrospektive, sondern entspricht eher dem gegenwärtigen Geist des Gebäudes, dem Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste: Statt festgezurrt und einsortiert zu sein, gehen die Werke mit anderen neue Verbindungen ein. Das lässt allerdings auch viel, teils sogar zu viel, interpretativen Spielraum.

Auch das Projekt selbst, das auf Kunst mit gesellschaftskritischen, oft feministischen Anliegen fokussiert, ist hier nicht fest verankert, sondern macht temporär Station: Georg Folian zeigt heißt die Marke - dahinter steht der im Immobiliensektor tätige private Kunstmäzen Georg Folian (64). Andraschek, die ebenso im Medium Zeichnung arbeitet, richtet ihre Kamera oft auf Protagonistinnen: auf sympathische Außenseiterinnen, die für ihr Leben einen weniger ausgetretenen Pfad gewählt haben. Die Künstlerin M. Jung gehört dazu, die sich entschloss, ein Leben als Köchin zu führen. Andraschek begleitete sie über mehrere Jahre.

Ähnlich wie bei der jüngsten Serie über Roma-Frauen in Nordungarn taucht in Gesprächszitaten der Wunsch auf, aus dem Kreislauf der lebensbestimmenden Routinen auszubrechen.

Es sind Realitätssplitter, die Andraschek teils in unspektakulären, fragmentierten Perspektiven einfängt. Foto-Text-Bücher halten sie zusammen und geben den Aufnahmen im Durchblättern etwas Verbindliches.

"Ränder und Übergangszonen inspirieren mich besonders", sagt Andraschek, die auch krassere und brutaler anmutende Szenen auf Zelt- und Feuerwehrfesten, Raves und Bikertreffen dokumentiert hat. Sie zeigen nur eine vermeintliche Peripherie. Denn die Rituale und Verhaltensweisen in diesen Szenen sind Indikatoren für die weitere Entwicklung unserer Gesellschaft.   (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 24.4.2012)

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