Kritik an "zahnlosem Tierversuchsgesetz"

24. April 2012, 09:28
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Kritiker fordern Reduktion von Tierversuchen und Förderung von Ersatzmethoden - Oft fehlt ethische Bewertung von Versuchen

Am 24. April wird weltweit der "Internationale Tag zur Abschaffung der Tierversuche" begangen. Jährlich werden Millionen Versuchstiere zur Entwicklung von Arzneimitteln, Erforschung von Krankheiten sowie zur Herstellung von Agrar- und Industriechemikalien herangezogen. Kritiker prangern seit langem an, dass es sich dabei um sinnlos zugefügte Qualen und Tötungen handelt, denn die Ergebnisse lassen sich oft nicht mit der nötigen Sicherheit auf den Menschen übertragen.

Heuer steht der Tag im Zeichen der erforderlichen EU-weiten Umsetzung der im Jahr 2010 in Brüssel verabschiedeten Tierversuchsrichtlinie. Gerda Matias, Präsidentin des Internationalen Bundes der Tierversuchsgegner (IBT), kritisiert, dass das Wissenschaftsministerium offiziell noch keinen Behördenentwurf vorgelegt hat, obwohl die neuen Regelungen für die Versuchstiere im November 2012 umgesetzt sein müssen.

Ethische Bewertung von Tierversuchen gesetzlich verankern

Die Grünen fordern in einer Aussendung eine gesetzliche Verankerung der ethischen Bewertung von Tierversuchen: "Minister Töchterle muss gesetzlich sicherstellen, dass ein unabhängiges Gremium die Notwendigkeit eines Tierversuches prüft. Es muss endlich auch inhaltlich überprüft werden und nicht nur, ob die Formulare richtig ausgefüllt sind."

Kernstück eines solchen Genehmigungsverfahrens müsse eine gewissenhafte ethische Bewertung anhand eines noch zu erstellenden Kriterienkatalogs sein, sagt die grüne Tierschutzsprecherin Christiane Brunner. Die Grünen wollen, dass die Genehmigungsverfahren im Sinne des Tierschutzes verschärft, die Ersatzmethoden zu Tierversuchen stärker gefördert werden und die Anzahl der Tierversuche EU-weit deutlich verringert wird.

Tierversuchsfreie Methoden anwenden

"Viele Tierversuche sind nicht notwendig, weil es bereits Alternativen zum Tierversuch gibt, zum Beispiel mit Zellkulturen und Computersimulationen. Diese Methoden sorgen für mehr Sicherheit ohne zusätzliches Tierleid. Wir fordern die verpflichtende Anwendung tierversuchsfreier Methoden bei Verfügbarkeit und nicht erst, wenn die Methode nach Unionsrecht anerkannt ist, was Jahre oder Jahrzehnte dauern kann", so Brunner.

Alexander Willer von der Tierschutzstiftung meint dazu: "Versuche an lebenden Tieren bringen auch wissenschaftlich wenig, da das Tiermodell nicht eins zu eins auf den Menschen übertragbar ist. Umwelteinflüsse, Ernährung, Stress, genetische Prädisposition, all diese komplexen Zusammenhänge können bei der simplen Untersuchung am Versuchstier nicht berücksichtigt werden."

Wenn Österreich wirklich innovativ im Sektor Biotechnologie tätig sein wolle, sei es an der Zeit, die Alternativmethoden im Reagenzglas (in-vitro) oder am Computermodell (in-silicio) gehörig zu fördern, sagt Willer. Was bislang in diese Richtung geschehe, habe den Charakter einer Alibihandlung.

Balluch: "Zahnloses Tierversuchsgesetz"

Die erst im 19. Jahrhundert aufgekommene Praxis der Tierversuche in der Wissenschaft wurde in Österreich bereits 1885 durch den Vivisektionserlass geregelt, der im Wesentlichen alle Versuche zuließ, die von anerkannten wissenschaftlichen Institutionen "zur Linderung menschlichen Leidens" oder "zu ernsten Forschungs- und Unterrichtszwecken" durchgeführt werden.

"Nachdem durch die Verfassung der Zweiten Republik der Tierschutz in die Kompetenz der Länder fiel, diese aber Tierversuche nicht regelten, kam es 1974 zum ersten Tierversuchsgesetz in Österreich, das aber völlig zahnlos blieb", sagt Martin Balluch, Obmann des Vereins gegen Tierfabriken (VgT).

Im März 1986 habe man zwar eine europäische Übereinkunft zum Schutz von Versuchstieren getroffen, die aber von Österreich weder unterzeichnet noch ratifiziert worden sei. "Stattdessen wurde 1989 eine Reform des Tierversuchsgesetzes beschlossen, die bis heute Gültigkeit hat", kritisiert der VgT-Obmann.

Protestaktion von Vier Pfoten vor dem Wissenschaftsministerium

"Trotz der Behauptung von Wissenschaftern, dass Tierversuche nur noch bei tatsächlichem Bedarf durchgeführt werden, steigt die Anzahl der Experimente nach wie vor", kritisiert die Tierschutzorganisation Vier Pfoten in einer Aussendung. Am Dienstag versammelten sich AktivistInnen mit Tiermasken vor dem Wissenschaftsministerium am Minoritenplatz im ersten Wiener Gemeindebezirk um auf das Leid von Labortieren aufmerksam zu machen.

"Millionen Euro werden zu Tier-Forschungszwecken jährlich aufgebracht, nur wenig Geld fließt in alternative Methoden. Medikamente, die an Tieren getestet werden, sind weiterhin zu alarmierenden 90 Prozent nicht auf den Menschen anwendbar. Und nach wie vor leiden Tiere völlig sinnlos bei gesundheitsschädlichen oder tödlichen Experimenten für banale Produkte wie Kosmetika oder Haushaltsartikel", heißt es weiter.

Mahnwache vor dem Museumsquartier

Um 12 Uhr beginnt vor dem Wiener Museumsquartier gegenüber dem Volkstheater eine Mahnwache. Zusätzlich informieren Aktivisten der Bundeszentrale der Tierversuchsgegner und der Gruppe Animal Spirit Passanten an Infoständen. Der Gedenktag geht auf den Geburtstag von Lord Hugh Dowding, einem Mitglied des britischen Oberhauses, zurück, der sich besonders für Tierschutz engagiert hatte. (jus, derStandard.at, 24.4.2012)

  • Anlässlich des Aktionstags gegen Tierversuche versammelten sich AktivistInnen der Tierschutzorganisation Vier Pfoten vor dem Ministerium für Wissenschaft.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    Anlässlich des Aktionstags gegen Tierversuche versammelten sich AktivistInnen der Tierschutzorganisation Vier Pfoten vor dem Ministerium für Wissenschaft.

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