Die Grande Dame ist besser als ihr Image

23. April 2012, 16:51
15 Postings

In Marseille führen ehrenamtliche "Greeter" Touristen durch ihre Lieblingsviertel

Anne Chabot atmet tief ein, wenn sie ihr Lieblingsgeschäft "Saladin" betritt. Schon am Eingang erwartet sie ein Feuerwerk der Gerüche. Erst schießen Zimt und Sternanis in die Nase, gefolgt von Kardamom und Koriander. Drinnen kommen andere unbekannte orientalische Gewürze dazu. Auf dem Boden reihen sich dutzende Kübel mit Nüssen, Pistazien und Feigen. "Das Beste sind die Datteln - riesengroß und sehr gut", sagt Anne. So gut, dass sie an diesem Tag schon ausverkauft sind.

Seit 70 Jahren vereinen sich im "Saladin" nicht nur Gewürznationalitäten. Auch die Kunden kommen aus der ganzen Welt. Schließlich ist die Grande Dame Marseille die älteste Stadt in Frankreich und blickt auf 2600 Jahre Geschichte als Hafen- und Einwanderungsstadt zurück, als Scharnier zwischen Orient und Okzident. Einst von Griechen gegründet und aus 120 Dörfern zusammengewachsen, entwickelte sie sich zur zweitgrößten Stadt im Land. Noch heute hat jeder Stadtteil sein eigenes Profil.

"Marseille ist wie Paris am Meer, sagen viele, aber das stimmt nicht", meint Anne, die aus Lyon kommt. "Hier sind die Menschen viel entspannter, und man spürt die Kluft zwischen Arm und Reich nicht so extrem wie in der Hauptstadt". Die 27-Jährige mit hochgestecktem Haarschopf und sympathischem Lachen arbeitet ehrenamtlich als "Greeter". So nennen sich die Einheimischen, die seit letztem Herbst Fremde durch die Stadt führen. Sie geben Einkaufs- und Restauranttipps und zeigen ihre Lieblingsplätze. Dabei setzen sie unterschiedliche Schwerpunkte, je nachdem ob man sich für Mode, Fußball, Architektur, Kino oder Kulinarisches interessiert. Annes Herz schlägt besonders für das arabische Viertel.

Paris und Nordafrika

Der Weg dorthin ist eine Weltreise durch die Kulturen. Am alten Hafen herrscht europäisches Mittelmeerflair. Die Luft ist salzig und feucht. An kleinen Ständen kaufen Marseiller fangfrischen Fisch für die heimische Bouillabaise. Ein paar Schritte weiter steht man dann doch irgendwie mitten in Paris. Die Einkaufsstraße Canebière verquirlt Menschen und Autos zu einem geschäftigen Mix. Früher wurde hier Hanf (canebe) zur Herstellung von Schiffstauen angebaut. Später entwickelte sich ein prachtvoller Boulevard, der heute einen morbiden Charme hat. Unaufhörlich nagen Wind und Sonne am Putz der Häuser in Marseille und rösten die schmiedeeisernen Balkongeländer. Doch das stört hier niemanden. Schließlich beginnt an der nächsten Straßenecke schon Nordafrika. Marokkaner in bunten Gewändern hocken auf Plastikstühlen und warten auf Käufer für geschnitzte Holzfiguren.

Das Tor an der Porte d'Aix - dem Marseiller Arc de Triomphe - führt direkt in den Nahen Osten. Vor der "Bar du soleil" duftet es nach Minze, Araber im Anzug schlürfen hier ihren Tee. Aus einer Moschee dringen die Gebetsrufe der Muslime. Mit Küsschen links, Küsschen rechts begrüßt Anne auf dem Marché Noailles den Inhaber eines Teehauses. Sogleich stellt er Tisch und Stühle für ihre Gruppe mitten auf den Platz und serviert Minztee. Rundherum wuseln Menschen. "Hier bin ich gern, es ist das absolute Zentrum" sagt Anne.

Gewaltfreie Filmkulisse

Sie hat in Heidelberg Tourismus studiert und spricht perfekt Deutsch. Die Touren für Touristen macht sie, um die Sprache nicht zu verlernen, aber auch um Besuchern zu zeigen, dass Marseille viel besser ist als sein Image. Und die beiden bewaffneten Polizisten in der Rue du Bon Pasteur? "Die wollen nur zeigen dass sie da sind!", beruhigt Anne. Sie fühlt sich hier sicher und hat bisher nicht eine kriminelle Szene erlebt. Das gilt auch für Adif Bazaou. Der Mann mit den ebenmäßigen Gesichtszügen kommt aus Tanger und betreibt im Zentrum ein kleines Hotel im marokkanischen Stil.

Die vielen Rundbögen, verschnörkelte Eisendekore, und kissenreichen Sofas lockten ein Filmteam für eine Szene her, die in Marokko spielen soll. Das Schmuckstück ist der Innenhof - eine Oase in der Stadt: Es sprießen Palmen und Farne. In einem alten Brunnen plätschert Wasser aus einem steinernen Fischmaul. Für eine ehrenamtliche Tätigkeit als Greeter hätte Adif keine Zeit, denn nebenbei kocht er Couscous und andere marokkanische Gerichte für angemeldete Gruppen. Seine Küche ist kaum größer als eine Kajüte. Doch das Essen schmeckt so gut, dass ihn der Restaurantführer Gault Millau mit einer Auszeichnung ehrte. (Monika Hippe, Album, DER STANDARD, 21.4.2012)

Share if you care.