Katholische Blunzengröstl-Reform

23. April 2012, 10:36
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Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Papst aus Bayern mit Liebe zum benachbarten Österreich schon das eine oder andere Blunzengröstl verputzt hat. Jetzt nach der Fastenzeit würde es ja passen - und zu den Geburtstagsfeiern mit heimatlichen Schuhplattlern erst recht. Christen finden, sofern sie keine Vegetarier sind, gemeinhin nichts dabei, ein blutiges Steak zu verspeisen, Schlachtplatten detto. Blickt man in die Heilige Schrift der Christen, sollte man das eigentlich bleiben lassen.

Eine der ersten Streitfragen nämlich (merke: Konflikte gab es von Anfang an), die die Apostel zu klären hatten, bezog sich darauf, ob Heiden, die sich zum Christentum bekannten, den jüdischen Gesetzen folgen mussten - Beschneidung, Speisegebote und Schächtungsvorschriften inklusive. Die Kompromissformel fand Jakobus:

"Darum halte ich es für richtig, den Heiden, die sich zu Gott bekehren, keine Lasten aufzubürden; man weise sie nur an, Verunreinigung durch Götzen (Opferfleisch) und Unzucht zu meiden und weder Ersticktes noch Blut zu essen" (Apg 15, 19f.).

Das mit dem Blutgenuss hat sich offensichtlich nicht durchgesetzt.

Wie ist das möglich, dass in dieser so traditionsreichen Kirche ein Gebot, das direkt auf die Apostel zurückgeht, einfach ignoriert wird?

Eine andere Versammlung erklärte ausführlich, warum das Blunzengröstl kein Problem darstellt - wenn auch erst rund 1.400 Jahre nach der Zusammenkunft der Apostel in Jerusalem. Manchmal dauert es eben ein wenig. Das Konzil von Florenz hielt am 4. Februar 1442 fest, dass das Blutverbot "für jene Zeit angemessen war, als aus Juden und Heiden, die zuvor mit verschieden Zeremonien und Sitten lebten, die eine Kirche im Entstehen war ..." Da den Juden der Blutgenuss als ein Gräuel galt, sollten die anderen um der Gemeinschaft willen darauf Rücksicht nehmen. Zur Zeit des florentinischen Konzils waren Judentum und Christentum längst völlig getrennt. Also zog das Konzil die Schlussfolgerung, "da hörte, weil die Ursache für jenes Verbot der Apostel aufhörte, auch die Wirkung auf".

Das ist doppelt bemerkenswert: Zum einen rekonstruierte das Konzil von Florenz einen Grund, der so in der Überlieferung gar nicht zu finden ist (war dann auch das Verbot der Unzucht nur ein zeitbedingtes Zugeständnis an die Pharisäer?). Zum anderen nahm sich die Synode die Freiheit, Zeitbezogenes zu ändern. Aus diesem Blickwinkel haben die Apostel keine zeitlosen Normen aufgestellt, sondern einen angemessenen Kompromiss gefunden. Der eben auch veränderbar ist.

Die florentinische Blunzengröstl-Reform könnte gerade Traditionalisten eine Grundlage dafür zu finden, Reformen der Kirche nicht als abwegig zu betrachten. In der Kirche hat Reform nämlich Tradition.

So hatte auch das Konzil von Florenz genug Zeitbezogenes zu bieten. Außerhalb der Kirche gebe es kein Heil, hieß es beispielsweise. Man war der Überzeugung, dass keine Außenstehenden, "auch keine Juden oder Häretiker und Schismatiker, des ewigen Heiles teilhaftig werden können, sondern dass sie in das ewige Feuer wandern werden ..." Gott sei Dank folgten noch weitere Konzile, um diese Sichtweise zu ändern. In diesem Sinn würde ein baldiges Konzil der Kirche vielleicht gut tun, um den Reformstau aufzulösen. Das Konzil von Konstanz legte schon 1417 mit dem Dekret Frequens fest, dass es der beste Weg der Kirchenreform sei, alle zehn Jahre ein Konzil abzuhalten. Nachfolgende Päpste wussten das leider zu verhindern. Ein bisschen ungehorsam ist das schon.

PS: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig. (Wolfgang Bergmann, derStandard.at, 23.4.2012)

Autor

Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling "Die kleinere Sünde" (Czernin Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.

  • Symbolbild: Himmlisches Blunzengröstl.
    montage: derstandard.at

    Symbolbild: Himmlisches Blunzengröstl.

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