Rambo Amadeus in Baku

    Analyse23. April 2012, 10:30
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    Montenegros Beitrag zum Song Contest in Aserbaidschan lässt den europäischen Gedanken auf etwas eigenwillige Weise aufleben

    Noch lange bevor die EG und später die EU gegründet wurde, gab es ein Medienereignis, das massenwirksam die europäische Idee zelebrierte: den Eurovision Song Contest. An einem langen Abend im Jahr saß ganz Europa vor der Flimmerkiste, fieberte mit der eigenen Vertretung mit, führte sich die Nummern anderer Länder zu Gemüte, sah sich Kurzvideos zahlreicher europäischer Städte an und verfolgte die Punktevergabe Land für Land mit. Gerade beim letzten Teil des Vergnügens ging es häufig mehr um politisch-historische Loyalitäten als um musikalisch-gesangliche Qualitäten, und das macht(e) den Song Contest doppelt spannend: Welches Land würde dem eigenen Land hilfreich zur Seite stehen und welches ihm die kalte Schulter zeigen?

    Grassierende Ideenlosigkeit

    Je stärker Europa politisch und wirtschaftlich zusammenwuchs, desto schlechter wurde der Eurovision Song Contest. Dem europäischen Publikum ging allmählich die Puste aus, den Veranstaltern ebenso, und heutzutage braucht man viel (Selbst)ironie, um dem Song Contest die hehre europäische Idee abzuringen. Folkloristische Elemente sind mehr denn je "in", was den einzelnen Nationen gewissermaßen Respekt zollen soll, in Wahrheit jedoch mehr dazu angetan ist, die grassierende Ideenlosigkeit auf kreativer Ebene zu kaschieren und darüber hinwegzutäuschen, dass das goldene Zeitalter des Eurovision Song Contests definitiv in der Vergangenheit zu suchen ist.

    "Rock Me, Baby"

    In den 80er Jahren war das alles jedenfalls noch ganz anders, zumindest in Jugoslawien. Der Sieg der jugoslawischen Vertretung im Jahr 1989 mit dem betont modernen Schlager "Rock Me, Baby" sorgte in dem von Zerfallserscheinungen und Wirtschaftskrisen gezeichneten Land für Euphorie und einen Schub an Selbstbewusstsein. Bereits zwei Jahre später fand sich Jugoslawien mit exakt einem Punkt auf dem vorletzten Platz wieder, gefolgt lediglich von Österreich, dessen Beitrag "Venedig in Regen" sagenhafte null Punkte erzielte.

     

    Eurovision 1989, Riva mit "Rock Me" für Jugoslawien

    Rambo Amadeus singt für Montenegro

    Eines der jugoslawischen Nachfolgestaaten, Montenegro, schickt heuer keinen Geringeren ins Rennen als den legendären Sänger und Songwriter Rambo Amadeus, der zwar seit mehr als zwei Jahrzehnten abseits des Mainstreams agiert, dort aber Kultstatus genießt. Sein in einem rudimentären Englisch gehaltenes Lied "Euro Neuro" beschäftigt sich unmittelbar mit Europa und dessen derzeitigen Befindlichkeiten.

     

    Eurovision 2012, Rambo Amadeus mit "Euro Neuro" für Montenegro

    Mann mit Esel

    Der Sänger inszeniert sich darin als ein Bewohner des ärmeren, südlichen Teils unseres Kontinents, der mit seinem Esel durch die Lande tingelt auf der Suche nach einer "neuen Poetik, Ästhetik und Dialektik". Ob auf dem Markt, am Strand, im Fitness-Studio oder auf einer luxuriösen Yacht - Mann und Esel gehen in ihrem Tempo dahin und kommen dabei mit urbanen, ruralen, reichen und armen, jungen, schönen, alten, freundlichen und weniger freundlichen Menschen in Kontakt. "I don't like snobism, nationalism, puritanism, I am different organism, my heroism is pacifism, altruism, I enjoy bicyclism, liberalism, tourism, nudism, optimism, it's good for rheumatism", singt Rambo in Anspielung auf die schlimmsten Geißeln und die besten Errungenschaften der europäischen Geschichte und Gegenwart. Im Hinblick auf die allgegenwärtige Schuldenkrise heißt es etwa: "Need contribution from the institution to find solution for pollution".

    Man darf gespannt sein, ob in Baku eher gesellschaftspolitische oder emotionale Themen Hochkonjunktur haben werden und ob die wirtschaftliche und politische Krise ihren Niederschlag in diesem kollektiven Ereignis finden wird. Für die Krise hat der vielseitige Montenegriner jedenfalls nur eine Regel parat: "I got only one rule, always stay cool like a swimming pool." (Mascha Dabić, daStandard.at, 23.4.2012)

    • "I don´t like snobism, nationalism, puritanism, I am different organism, my heroism is pacifism, altruism...", singt Rambo Amadeus.
      foto: ''mapa'' - montenegro advertising and production agency

      "I don´t like snobism, nationalism, puritanism, I am different organism, my heroism is pacifism, altruism...", singt Rambo Amadeus.

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