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vergrößern 600x400Inge Kaindlstorfers Mund nähert sich Valeska Gert im Buch - ein choreografischer Comic der Gruppe Lux Flux bei Im_Flieger.
Wien - Mit viel Inszenierung versucht das Infotainment in TV und Internet, aus der Realität eine Fiktion zu machen. Im zeitgenössischen Tanz passiert gerade das Gegenteil. Da wird die Wirklichkeit durch Arbeit an der Erfindung wiederhergestellt. Das jedenfalls verbindet die Installation Villareal von Michikazu Matsune und Paul Wenninger mit einem choreografischen Comic für Valeska der Gruppe Lux Flux.
Villareal im Tanzquartier Wien: Jedem der etwa 20 Besucher wird ein Platz auf der Bühne zugewiesen. Auf einer Kloschüssel zum Beispiel oder in einem Auto, hinter Musikinstrumenten, auf einem Siegerpodest. Eine Stimme vom Band listet Verschiedenheiten unter den Menschen auf, in wertungsfreier Nüchternheit. "Manche Leute gehen rückwärts. Manche schneiden Zwiebeln. Manche Leute spielen Trommel, als würde heute die Welt untergehen."
Manche Leute, das sind wir. Auf die Liste folgt eine Komposition aus Sounds und Lichtwechseln. Alle Besucher kommen ins Scheinwerferlicht. Aus der Kloschüssel quillt Theaterrauch. Schwer, da sitzen zu bleiben. Also wechselt der umnebelte Zuschauer zu einer Hängeschaukel. Das ist es. Wir könnten etwas tun, aber wir sind nicht unbefangen genug.
Man fürchtet, sich zu blamieren, denn Kunst ist ein unsicheres Terrain. Alles Mögliche kann passieren, wenn der Theaterraum zur schwer einschätzbaren Umwelt wird, mit jedem Anwesenden zu spielen beginnt und die Fiktion so zur Realität macht. Kaum haben wir einigermaßen gelernt, uns im Cyberspace zu bewegen, schon lädt die Performance zur Navigation im Realraum ein. Am Ende ist Villareal das, was das Sample an Besuchern der inszenierten Struktur dazugibt - ein Lächeln, eine Geste, ein Gitarrenriff, ein Orts- oder Blickwechsel. Eine Kunst des Handelns.
Zu einer solchen macht bei Im_Flieger das Wiener Lux-Flux-Kollektiv die Bildergeschichte. Comic für Valeska ist die Übersetzung der Geschichte der legendären deutschen Grotesktänzerin und Kabarettistin Valeska Gert (1892-1978) in ein choreografisches Geschehen. Inge Kaindlstorfer verkörpert die Ausnahmekünstlerin dabei mit einer offensiven Expressivität, wie sie seit Jahrzehnten auf der Tanzbühne ein absolutes No-Go gewesen ist.
Nichts ist heute so tot wie der Ausdrucksschwulst alter Schule. Aber Gert galt in ihrer Radikalität als singuläre, unpathetische Erscheinung und eignet sich heute ganz offensichtlich wieder als Projektionsfläche. Lux Flux nutzt Gert zur Untersuchung des Abweichenden und Aberwitzigen im Verhalten des Performers. Meisterhaft zieht Kaindlstorfer zusammen mit David Ender und Jack Hauser ihre Figur herüber in die Gegenwart. Dabei achtet das Trio streng auf witzige Einmischungen: Josephine Baker schwindelt sich herein, und Gert als Comicfigur kann es sich leisten, den Hexentanz der Mary Wigman zu persiflieren, bevor Jack Hauser im Boden versinkt.
Mit diesem "ersten Band" ihres Performance-Comic hat die Gruppe Lux Flux, die in den 1990ern eine der wichtigsten Formationen der avancierten choreografischen Performance war, wieder ein kräftiges Lebenszeichen von sich gegeben. Band 2 wird im Mai bei Tanz*Hotel im Nestroyhof aufgeblättert. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 23.4.2012)
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