Ministerin will Männer verändern

Frauenministerin Fatma Sahin kämpft mit neuen Gesetzen gegen gewalttätige Ehemänner und frauenfeindliche Unternehmer an. Das Bild vom Mann sei das eigentliche Problem, sagt die AKP-Politikerin

Sie ist die einzige Frau im türkischen Kabinett, und nicht wenige Bürgerrechtler und Parlamentarier der Opposition sagen, dass sie politisch auch sonst recht allein in ihrer Partei steht, der seit bald zehn Jahren regierenden konservativ-muslimischen AKP. Fatma Sahin hat aber ein großes Projekt. Sie wolle die „mentale Veränderung" der türkischen Männer erreichen, sagte die Familien- und Sozialministerin dieser Tage in einem Gespräch in Ankara.

In keinem europäischen Land werden Frauen stärker vom Arbeitsleben ausgeschlossen und häufiger Opfer gewalttätiger Ehemänner oder Brüder als in der Türkei. Die Meldungen über Mord und Totschlag in den Familien stehen jeden Morgen auf Seite drei der türkischen Tageszeitungen. Vergangene Woche war ein 47-Jähriger aus der Schwarzmeerstadt Samsun dabei, der seine Frau offenbar aus Eifersucht umbrachte; Büsra Candan chattete im Internet, das missfiel dem Ehemann. Die Polizei zählte 28 Messerstiche.

In Izmir entließ zur selben Zeit ein Richter einen 18-Jährigen aus der Untersuchungshaft, der seine Frau niedergestochen hatte. Der junge Mann hatte geträumt, seine Frau würde ihn betrügen. Gewalt gegen Frauen habe es immer schon in der Türkei gegeben, sagt Familienministerin Sahin, dieses Phänomen sei nicht der AKP anzulasten. Im Gegenteil: „Wir sind dabei, eine offene Gesellschaft zu werden, ein Rechtsstaat. Einige Probleme, die früher verdeckt gehalten wurden, werden nun sichtbar."

Die Zahl der Morde bleibt stabil auf hohem Niveau - 45 Frauen sind allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres umgebracht worden. Sahin, eine Chemikerin und resolut auftretende langjährige Frauenpolitikerin aus der Industriestadt Gaziantep, weit im Südosten der Türkei, weist auf das jüngst erlassene Gesetz zum Schutz von Familienmitgliedern und der Vorbeugung von Gewalt gegen Frauen hin. Es sieht finanzielle Hilfen für Frauen vor, die den gemeinsamen Haushalt verlassen wollen; die elektronische Überwachung gewalttätiger Ehemänner oder eine zwingende U-Haft bis zur Verurteilung, um einen erneuten Angriff zu verhindern - der Fall des 18-jährigen Messerstechers in Izmir, der vorübergehend auf freien Fuß gesetzt wurde, widerspricht dem.

Der Gesetzesentwurf der Frauenministerin, monatelang ausgearbeitet mit Bürgerrechtsgruppen, war im Justizausschuss von den AKP-Männern verwässert worden. Ausländischen Gesprächspartnern gegenüber will Sahin das nicht zugeben. Das Bild vom Mann sei das eigentliche Problem in der Türkei, sagt sie. Die Ministerin drängte darauf, dass die Imame in den Freitagspredigten zur „guten Behandlung" von Frauen aufrufen. Polizisten wie Soldaten erhalten besonderen Unterricht und sollen ihren Teil bei der Eindämmung der Gewalt gegen Frauen leisten. Kopftuch tragen bezeichnet Sahin wiederum als „Teil der Menschenrechte".

Sahin betont auch ihre Bemühungen, die Benachteiligung der türkischen Frauen im Arbeitsleben zu verringern. Ein Abkommen mit den Arbeitgebern wurde geschlossen: Stellt ein Unternehmer eine Frau statt einem Mann ein, zahlt der Staat für fünf Jahre die Sozialabgaben. Frauen machen derzeit nur 27 Prozent der Arbeitnehmer aus - weniger als ein Drittel der türkischen Arbeitskräfte.

Landflucht weiterer Grund Die Gründe für die Benachteiligung der türkischen Frauen liegen im konservativen Gesellschaftsbild, aber auch in der massiven Landflucht; für viele Familien in den Städten ist es billiger, wenn die Frau zu Hause bleibt. Geht sie ebenfalls arbeiten, müssen teure Kindergartenplätze, vielleicht auch eine Haushaltshilfe bezahlt werden. Das Sahin-Ministerium hat etwas Erleichterung geschaffen: Der türkische Ehemann kann 16 Wochen Vaterschaftsurlaub nehmen, wenn die Frau nicht will. Theoretisch zumindest. (Markus Bernath aus Istanbul, DER STANDARD, 23.4.2012)

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