Downloads "nichts anderes, als dass man uns ins Gesicht pinkelt"

Urheberrecht im Internet: Das Thema ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint

Die Wasser, Gas und elektrischer Strom von weither auf einen fast unmerklichen Handgriff hin in unsere Wohnungen kommen, um uns zu bedienen, so werden wir mit Bildern oder mit Tonfolgen versehen werden, die sich auf einen kleinen Griff (...) einstellen und uns ebenso wieder verlassen", schrieb der französische Lyriker und Essayist Paul Valéry (1871-1945) in seinem Aufsatz "Die Eroberung der Allgegenwärtigkeit" (1928).

Valérys Vermutung, kommende technische Innovationen würden den Kunstbegriff auf "zauberhafteste Art" verändern, erweist sich nun, etwas mehr als 80 Jahre später, als zutreffend. Jedoch in einer unerwarteten Art - und nicht für alle. Wie Walter Benjamin, der sich 1936 in seiner Studie Das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit auf Valéry bezog, ging es dem Franzosen um den sich wandelnden Wert künstlerischer Produkte und das Verhältnis zwischen Kunst und Gesellschaft.

Gratiskultur

Um diese beiden Punkte dreht sich auch einiges in der gegenwärtig heftig geführten Debatte um das Urheberrecht im Internet. So formierte sich zu Beginn des Jahres in Österrech die von zahlreichen Kunstschaffenden unterstützte Initiative "Kunst hat Recht". Es sei zu leicht geworden, sich Kunst gratis aus dem Internet herunterzuladen, so die Initiatoren (u. a. Gerhard Ruiss, Karl-Markus Gauß, Mercedes Echerer, Harald Sicheritz, Willi Resetarits, Joesi Prokopetz). Und: Die zunehmende Gratiskultur im Internet führe dazu, dass wenige Kulturschaffende von ihrer Arbeit leben können. So verdienen österreichische Kulturschaffende gemäß einer Studie des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur durchschnittlich 4500 Euro pro Jahr. Mehr als die Hälfte muss mit weniger als 1000 Euro pro Monat auskommen.

Ins Gesicht pinkeln

Ähnlich wie "Kunst hat Recht" argumentierte in Deutschland auch Sven Regener, Sänger der Band Element of Crime und Romanautor, vor einigen Wochen, als ihm in einer Radiosendung bezüglich Gratisdownloads der Kragen platzte: "Es wird so getan, als ob Kunst ein exzentrisches Hobby sei. Und das Rumgetrampel darauf, dass wir so uncool seien, wenn wir darauf beharren, dass wir diese Werke geschaffen haben, ist im Grunde genommen nichts anderes, als dass man uns ins Gesicht pinkelt."

Stoppschilder

Anders als in Österreich, wo vergangene Woche bei einer Pressekonferenz zum heutigen Welttag des Buches Bundes ministerin Claudia Schmied eine Novellierung des Urheberrechts in Form einer Festplattenabgabe forderte und Autoren-, Verleger- und Verwertungsgesellschaftsvertreter (sie verteilen das lukrierte Geld) geeint auftraten, verlaufen die Bruchlinien in Deutschland radikaler. Vor allem, weil die Piratenpartei das Thema nach anfänglicher Indifferenz enterte.

Keine Stoppschilder im Internet

Die Piraten, die das Chatten, Skypen und Herunterladen mit der Muttermilch eingesogen haben, wollen nämlich keine Stoppschilder im Internet, sie malen den Teufel als Big Brother, der alles überwacht, an die Wand und verknüpfen die Diskussion mit dem Thema Vorratsdatenspeicherung. Die Kopierbarkeit von digital vorliegenden Werken, so die Piraten in ihrem Parteiprogramm, lasse sich technisch nicht sinnvoll einschränken, daher soll das nichtkommerzielle Kopieren gleich freigegeben werden.

Das sehen Verlage, Plattenlabels und Filmfirmen etwas anders. Während in Frankreich seit drei Jahren das Netzsperrengesetz Loi Hadopi in Kraft ist (nach drei Vorwarnungen wird bei illegalen Downloads der Internetzugang gekappt), wird in Deutschland den Downloadkids gegenwärtig ein ganzes Heer von Abmahnanwälten an den Hals geschickt. Die deutsche Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger spricht von 750.000 Abmahnungen wegen Filmpiraterie - pro Jahr. Ein gutes Geschäft. Nicht primär für die Urheber, sondern für die Juristen.

Keine Kriminalisierung von Usern

In Deutschland denken viele Kunstschaffende dasselbe, was Regener ausspricht, sie schweigen allerdings aus Angst vor Sanktionen und Boykotten der Netzgemeinde. Aus gutem Grund fordert in Österreich die Initiative "Kunst hat Recht" keine Kriminalisierung von Usern, sondern eine Art Warnsystem (wie immer das funktionieren soll), um User-Bewusstsein für Urheberrechte zu stärken, denn dass das Antipiraterie- und Markenschutzabkommen Acta zur globalen Durchsetzung und Sanktionierung von Urheberrechten nun nicht ratifiziert wird, ist mehr als ein Hinweis darauf, dass für breite Bevölkerungsschichten der Zugang zu digitalen Daten als politisch systemrelevant gewertet wird.

Doch was nun? Viele fordern, die Auseinandersetzung nicht weiter eskalieren zu lassen, und erinnern an die Komplexität des Themas, das ökonomische, juristische, gesellschaftspolitische und kulturelle Fragen betrifft. Unabhängige Köpfe der Branche halten zudem das illegale Filesharing nicht für das Hauptproblem. Von all den Streitereien profitieren nämlich in erster Linie Monopolisten wie Google, Amazon oder Apple. Deshalb ist auch der Konflikt, den die deutsche Verwertungsgesellschaft Gema mit der Google-Tochter Youtube um Musiktantiemen ausficht, so zentral. Das führende Videoportal ist ein Aufmerksamkeitsnadelöhr im Netz. Für viele Musiker ist es nahezu unverzichtbar geworden, hier präsent zu sein.

Gema gegen Youtube

Gerade vergangenen Freitag musste Youtube nach einem Urteil des Landesgerichts Hamburg sieben von zwölf von der Gema zur Sperrung geforderte Musikstücke vom Netz nehmen, da Urheberrechte der Künstler verletzt werden. Darüber hinaus muss Youtube auch zukünftige Rechtsverstöße verhindern, wenn die Gema sie auf Verletzungen des Urheberrechts aufmerksam macht. Bereits hochgeladene Videos des Onlinearchivs muss Youtube jedoch nicht auf Verstöße durchforsten.

Ist Kunst eine Ware?

Die Diskussion darüber, wie Urheberrechte im Internet auszusehen haben, ist erst richtig lanciert. Zu klären ist nicht nur die Frage der Gewinnverteilung durch Kulturflatrates (auf jeden Computeranschluss) oder Festplattenabgaben, gefordert ist eine Auseinandersetzung mit dem gewichtigeren Problem, dass Kunst keine Ware wie jede andere ist. Das Internet gibt einerseits dem, der schon hat. So kann es sich der Pelé der brasilianischen Literatur, Paulo Coelho, leisten, als Marketingmaßnahme die Übersetzungen seiner Bücher zeitweise kostenlos ins Netz zu stellen, doch auch unbekannteren Künstlern sind zuweilen Klicks lieber als Tantiemen. Gratis ist im Internet übrigens fast gar nichts, denn damit zahlt man auch auf Youtube und Google ganz sicher: mit Zeit und oft auch seinen persönlichen Daten. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 23.4.2012)

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