Die Frau am Schlag und ihr Wissen um Endlichkeit

  • Sommers trug und ruderte Gabi Sinzinger Boote, winters war sie als Langläuferin erfolgreich. "Man hat mich nie zum Sport treiben müssen", sagt sie heute, da sie gerne auf dem Rad sitzt.
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    Sommers trug und ruderte Gabi Sinzinger Boote, winters war sie als Langläuferin erfolgreich. "Man hat mich nie zum Sport treiben müssen", sagt sie heute, da sie gerne auf dem Rad sitzt.

  • Gabi Sinzinger träumte von einem Café. Als Gabi Huth betreibt sie mit ihrem Mann fünf Lokale, aber kein Café. Ein sechstes Lokal steht für die vierfache Mutter auch gar nicht zur Debatte.
    foto: standard/lützow

    Gabi Sinzinger träumte von einem Café. Als Gabi Huth betreibt sie mit ihrem Mann fünf Lokale, aber kein Café. Ein sechstes Lokal steht für die vierfache Mutter auch gar nicht zur Debatte.

Als Sportlerin brannte Gabi Sinzinger wie eine zweiflammige Kerze- Als Wirtin und Frau Huth nimmt sie sich bewusst zurück

Wien - Man muss nicht im Leistungssport erfolgreich gewesen sein, um ein Wirtshaus führen zu können. "Aber der Ehrgeiz und die Ausdauer, ohne die es im Leistungssport nicht gegangen wäre, helfen mir heute sehr", sagt Gabriele Huth, die mit ihrem Mann Robert in Wien ein kleines Gastronomie-Imperium mit fünf Lokalen und fast 100 Angestellten führt.

Dieser Tage sitzt die 45-jährige Chefin vor allem im Haus der Musik am Schlag, wo die Huths im Dachgeschoß ein gehobenes Restaurant betreiben. Das heißt, sie gibt das Tempo vor, wie sie es einst als Ruderin tat, als sie noch Sinzinger hieß und zusammen mit Inge Niedermayer einen Doppelzweier bildete.

WM-Sechste als Höhepunkt

Den sechsten Platz, den das Duo 1986 bei der WM in Nottingham erreichte, nennt Gabriele Huth, zu der alle seit jeher Gabi sagen, ihren größten sportlichen Erfolg, obwohl sie auch einmal Dritte bei Juniorenweltmeisterschaften war. Das klingt alles nicht rasend spektakulär, war aber umso beachtlicher, als Österreichs Ruderei in ihrer vorerst letzten Blütezeit eher auf die männliche Abteilung setzte und mit ihr auch die schönsten Erfolge feierte.

Vom Ende der 1980er bis Mitte der 1990er ruderte Österreichs Flotte beständig in der Weltspitze. Die Siegerboote waren der Doppelzweier mit Arnold Jonke und Christoph Zerbst (WM-Gold 1990, Olympia-Silber 1992), der Leichtgewichts-Doppelzweier mit Walter Rantasa und Christoph Schmölzer (WM-Gold 1989) und der leichte Doppelvierer mit Rantasa, Schmölzer, Wolfgang Sigl und Gernot Faderbauer (WM-Gold 1993, 1994 und 1995).

Die Karriere der Leistungssportlerin Gabi Sinzinger war relativ kurz, weil besonders intensiv. Winters zählte die 1,75 Meter hohe Linzerin als Langläuferin zur österreichischen Elite, sommers als Ruderin zur erweiterten Weltklasse, zunächst im Einer, "für den man im Kopf schon sehr stark sein muss".

Kombi-Sportlerin

Der Kombination Langlauf/Rudern hatte schon Gabis Vater Karl senior, ein sportbesessener Schlosser, gefrönt, dessen Betrieb heute Karl Sinzinger junior führt, Gabis um ein Jahr älterer Bruder, der natürlich ebenfalls Ruderer war und zusammen mit Hermann Bauer bei der WM 1991 in Wien Silber im Zweier ohne Steuermann holte.

Für Gabi Sinzinger, Oberösterreichs Sportlerin des Jahres 1988, 24-fache Meisterin und eine der ersten Frauen, die von Red Bull finanziell unterstützt wurden, war diese WM im damals nagelneuen Ruderzentrum Neue Donau beinahe schon das letzte Hurra. "Ich habe ja mit 24 Jahren aufgehört." Der Trainingsaufwand wurde zu hoch, die körperlichen Verschleißerscheinungen ("Vor allem das eher unkontrollierte Krafttraining hat den Gelenken ziemlich geschadet"), die zwei Ausdauersportarten forderten, waren nicht mehr zu kaschieren. "Ich brauchte oft Physiotherapie, also hab ich das gleich selbst gelernt." Zum Beispiel auch bei Josef "Pepi" Flenner, dem legendären Masseur des österreichischen Fußballteams und etlicher Olympiamannschaften.

Ruder-Bekanntschaft

Gabi Sinzinger betreute die Fußball-Damen und natürlich Ruderer wie ihren Freund Christoph Schmölzer. Der Beziehung zum heutigen Mediziner entstammen Lisa (19) und Jakob (16), zwei der vier Kinder des Ehepaars Huth, das die Familie um Moritz (9) und Max (4) erweiterte. 

Kennengelernt haben sich Robert und Gabi beim WRC Pirat, einem der traditionsreichen Ruderklubs an der Alten Donau. Zusammen haben sie sich den Traum vom Einstieg ins Gastgewerbe erfüllt, zunächst mit einem Wirtshaus in der Wiener Innenstadt, das bald eine Haube schmückte. Gabi Huth führt die Auszeichnung nicht nur auf die Qualität der Verpflegung, sondern auch auf die Show zurück, die den Kritikern in den Anfangsphase des Lokals geboten wurde: "Es war viel Improvisation dabei." Es folgten ebenfalls in der Schellinggasse noch ein Beisl und ein Italiener namens Da Moritz, das Restaurant im Haus der Musik und seit neuestem das Eatalico in der Praterstraße.

Krebs besiegt

Die begnadete Köchin und geschickte Handwerkerin Gabi Huth ist selten nach 16 Uhr in einem ihrer Betriebe anzutreffen, "weil ich für ein Kindermädchen keine Kinder in die Welt setzen hätte brauchen". Nicht Tag und Nacht am Schlag zu sitzen ist ihr aber auch deshalb wichtig, weil sie weiß, wie schnell alles vorbei sein kann. 1999 wurde bei Gabi Huth Brustkrebs einer sehr aggressiven Form diagnostiziert. "Meine Prognosen waren düster. Als meine Werte einmal besonders schlecht waren, habe ich mich auf mein Rad gesetzt und bin wie eine Wahnsinnige einen Berg raufgefahren. Danach war alles viel besser, mein Arzt hat es kaum glauben können."

Ein Jahr lang durchlitt sie Chemotherapien, sie war eine der Ersten, die in Österreich mit Herceptin-Infusionen, einer Antikörper-Therapie, behandelt wurde. Heute gilt Gabi Sinzinger als geheilt. "Uns kann nichts mehr passieren, nichts erschüttern", sagt sie und bedauert, ihre Erfahrungen mit der Krankheit bisher nicht weitergegeben zu haben.

Sportlich schmerzt sie nur ein Versäumnis. "Inge Niedermayer und ich waren für Olympia 1988 in Seoul qualifiziert. Weil man uns aber zunächst nicht entsenden wollte, sind wir auch nicht gefahren, als man es sich anders überlegt hatte. Wir waren in einer Trainingspause. Das tut mir leid." (Sigi Lützow, DER STANDARD, 23.4.2012)

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