Hollande im ersten Wahlgang vor Sarkozy

Der Sozialist François Hollande hat den ersten Durchgang der französische Präsidentschaftswahlen gewonnen. Der amtierende Präsident verliert Stimmen an die Rechtsextremistin Marine Le Pen, die ein starkes Ergebnis vorlegt

François Hollande zieht mit rund 28 Prozent der Stimmen deutlich vor Nicolas Sarkozy (26 Prozent) in die Stichwahl ein und hat eine ernsthafte Option auf den Chefposten im Elysée-Palast: Das ist das wenig überraschende Hauptresultat des ersten Präsidentschaftswahlgangs in Frankreich. Hollande wehrte damit auch auf seiner Linken den Angriff des medialen Volkstribuns Jean-Luc Mélenchon ab, der mit weniger als zwölf Prozent ein eher enttäuschendes Ergebnis erzielt.

Der Christlichsoziale François Bayrou erzielte weniger als zehn Prozent und scheiterte zum dritten Mal in Folge, die Links-Rechts-Dialektik der französischen Politik aufzubrechen. Fast noch bemerkenswerter als Hollandes Etappensieg ist allerdings das Abschneiden der Rechtsextremistin Marine Le Pen: Wenn die ersten Hochrechnungen stimmen, dürfte sie rund 20 Stimmenprozent erzielt haben. Das wäre mehr als ihr Vater Jean-Marie Le Pen vor zehn Jahren erhielt - damals stach er im ersten Wahlgang den Sozialisten Lionel Jospin mit 16, 8 Prozent aus und kam gegen Jacques Chirac in die Endwahl (wo er dann keinerlei Chance hatte).

Merah-Affäre in Toulouse

In der Wahl 2012 scheint nicht ein Sozialist, sondern ein Bürgerlicher ein Opfer des Schreckgespenstes Le Pen zu werden: Um auf Hollande aufzuschließen, fehlen Nicolas Sarkozy in etwa jene Stimmen, die Marine Le Pen nun über die Umfrage-Prognosen, die bei rund 15 Prozent lagen, hinaus gemacht hat. Der Grund ist nicht weit zu suchen: Namentlich in der Merah-Affäre in Toulouse versuchte der amtierende Präsident dem Front National mit billiger Anbiederei Wähler abspenstig zu machen. Diese bevorzugen aber, um mit dem alten Fuchs Le Pen zu reden, stets das Original der Kopie.

Die Taktik des sonst so talentierten Wahlkämpfers Sarkozy ist damit nicht aufgegangen. Psychologisch ist das ein Zeichen, wie sehr die Aura des Tausendsassas gelitten hat. Strahlender Sieger des ersten Wahlgangs ist François Hollande. Der 57-jährige und wenig charismatische Sozialist ist persönlich kein Publikumsmagnet. Dass er gegen einen gewieften Wahlkämpfer wie Nicolas Sarkozy den ersten Platz mit 29 Prozent verteidigt, hat er seiner Zähheit und seinem taktischen Geschick zu verdanken: Obwohl er an sich der Herausforderer ist, parierte er dank einer fast perfekten Deckung alle Sturmangriffe seines rastlosen Rivalen - und wehrte auf seiner linken Flanke zugleich Mélenchon ab.

Geschickter Hollande

Geschickt aus der Verteidigung agierend, konnte Hollande zusehen, wie Sarkozy einmal mehr über seine eigenen Füße stolperte, und beendet die erste Hälfte der Präsidentschaftswahl mit klarem Vorsprung. Und das heißt auch mit guten Aussichten, in zwei Wochen ins Elysée einzuziehen. Sarkozy hätte den Spitzenplatz im ersten Wahlgang unbedingt gebraucht, um seiner wankenden Kandidatur neue Dynamik zu verleihen. Noch wichtiger wird aber die Stimmübertragung von Seiten der ausgeschiedenen Kandidaten Marine Le Pen rechts außen und François Bayrou in der Mitte sein.

Laut vertieften Studien der Meinungsforscher scheint aber höchstens die Hälfte dieser zwei Wählergruppen bereit, zu dem bei ihnen geradezu verhassten Bürgerlichen Sarkozy überzulaufen. So gerechnet, käme dieser in der Stichwahl nur auf 43 Prozent, während François Hollande dank den Übertragungen von linken und grünen Kandidaten (Eva Joly) auf 48 Prozent kommt. Um doch noch zu gewinnen, müsste Nicolas Sarkozy fast alle Zauderer und sonstwie Unentschlossenen auf seine Seite ziehen. Und damit liegt die Latte auch für den kleinen Tausendsassa im Elysée-Palast sehr hoch. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 23.4.2012)

Share if you care