Sarkozy vs. Hollande: Zappler gegen Schlafmittel

Kommentar der anderen20. April 2012, 18:22
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Im Kampf um den Élysée-Palast dominierte in den vergangenen Wochen zunehmend die Performance das Programm. Das Ergebnis könnte daher knapper ausfallen als vielfach vermutet.

Rousseau gegen Hobbes: Auf dem Titelblatt des französischen Magazins Philosophie waren die beiden führenden Kandidaten für die Präsidentenwahl, Amtsinhaber Nicolas Sarkozy und der sozialistische Kandidat François Hollande, in entsprechender Verkleidung abgebildet. " Das wahre Präsidentschaftsduell" spiele sich laut Philosophie zwischen der konsensualen gesellschaftsvertraglichen Vision Rousseaus (Hollande) und der rabiaten Vision Hobbes' (Sarkozy) ab, wonach "der Mensch dem Menschen ein Wolf" sei.

Die Interpretation in Philosophie enthält möglicherweise ein Körnchen Wahrheit, aber die Realität ist weit prosaischer - und viel weniger intellektuell. Um die Vielschichtigkeit des Wahlkampfs und Sarkozys jüngsten (immer noch relativen) Popularitätsschub zu verstehen, eignet sich ein Vergleich aus der Welt des Sports möglicherweise besser als die Philosophie.

Man betrachte Hollandes Strategie im Lichte eines Fußballspiels. Nach einem frühen Treffer (die Führung in Meinungsumfragen) verlegt er sich nun auf das "Catenaccio", die vor 20 Jahren angewandte Taktik italienischer Fußballtrainer - eine reine Defensivstrategie, die Sarkozy an einer Aufholjagd hindern soll. Es könnte funktionieren, aber diese Taktik trägt auch zu einer gewissen Monotonie in Hollandes Wahlkampf und einem Mangel an Begeisterung für seine Person bei.

Hollande war so erpicht darauf, seine "Normalität" im Vergleich zu Sarkozys maßloser Natur herauszustellen, dass er jetzt banal wirkt. Aus diesem Grund scheint er nun eingezwängt zwischen der kryptorevolutionären Aura des radikal-linken Kandidaten Jean-Luc Mélenchon und Sarkozys hyperaktiver Dynamik.

Lamento und Desinteresse

Auch Mohammed Merahs Mordserie in Toulouse im März hat sich zugunsten Sarkozys ausgewirkt, der froh war, die Wahlkampfdebatte von sozialer Ungerechtigkeit auf Sicherheitsfragen lenken zu können.

Aber obwohl Sarkozy momentan stärker erscheint als zu Beginn des Wahlkampfes, steht er immer noch vor gewaltigen Herausforderungen, die womöglich nicht zu überwinden sein werden.

Noch nie in der Geschichte der Fünften Republik hat eine Partei eine Präsidentenwahl öfter als dreimal in Folge gewonnen. Sarkozys Wiederwahl nach seinem Sieg im Jahr 2007 und Jacques Chiracs Triumphe der Jahre 1995 und 2002 würden den vierten Sieg in Folge für die gaullistische Rechte bedeuten. Angesichts der derzeitigen wirtschaftlichen Situation in Frankreich, Europa und der ganzen Welt wäre dies umso bemerkenswerter.

Jenseits dieser strukturellen und historischen Faktoren geht es aber auch um Persönlichkeiten. In dieser Hinsicht spielt sich das Rennen nicht so sehr zwischen Hobbes und Rousseau als vielmehr zwischen Bonaparte und Clement Attlee ab, dem berüchtigt langweiligen britischen Premierminister der Nachkriegszeit (von dem Churchill einmal sagte, dass " er sehr viele Gründe für Bescheidenheit" hätte).

Anders gesagt: Die Wahl könnte einfach auch zu einem Wettrennen zwischen der Ablehnung gegenüber Sarkozy und der mangelnden Leidenschaft für Hollande werden. Aus diesem Grund wäre es auch möglich, dass diesmal auch die - bei französischen Präsidentschaftswahlen normalerweise bemerkenswert niedrige - Wahlenthaltung eine wichtige Rolle spielt.

Unterdessen macht sich im gesamten politischen Spektrum ein Gefühl des Bedauerns breit. "Wenn wir nur einen präsentableren Kandidaten als Sarkozy hätten", murrt man bei den Konservativen. "Wenn wir nur einen charismatischeren Kandidaten als Hollande hätten", lamentiert man im sozialistischen Lager.

Letztlich wird sich dieser Wahlkampf aufgrund des mangelnden Interesses an den Wahlprogrammen der Kandidaten als bemerkenswert erweisen. Die Franzosen sehen keinen echten Unterschied zwischen einem Amtsinhaber, der seine Versprechen nicht gehalten hat, und einem Herausforderer, dessen Versprechen nicht zu halten sind.

Die Kandidaten und ihre Anhänger scheint eine selbstmörderische Verleugnung der Realität zu einen, die sich am besten folgendermaßen zusammenfassen lässt: "Während des Wahlkampfes meidet ihr ernste Themen wie die Staatsverschuldung, dann werden wir auch nicht erwarten, dass ihr diese Probleme in Angriff nehmt, wenn ihr an der Macht seid."

Man denke an das jüngste Titelbild des Economist, auf dem Sarkozy und Hollande als die beiden Männer in Manets berühmtem Gemälde Déjeuner sur l'herbe (Frühstück im Grünen) dargestellt sind. Umgeben von nackten Frauen sollen sie die "französische Lebensart" symbolisieren, die sich Frankreich nicht mehr leisten kann.

Wo sind Churchill und seine Aufforderung, zu den Waffen zu greifen, Anstrengungen zu unternehmen und Opfer zu bringen? Bereitet sich Frankreich darauf vor, ungeachtet des Wahlergebnisses noch weitere fünf Jahre zu verschwenden?

"Wahl der Versäumnis"

Bei starkem Sturm und schwerer See kommt es natürlich auf die Erfahrung des Schiffskapitäns an. Doch angesichts der Probleme der französischen Wirtschaft und der Zwänge der Europäischen Union - von denen der Weltwirtschaft in einem globalisierten Zeitalter ganz zu schweigen - verfügt kein Präsident über großen Spiel-raum.

Die Franzosen werden daher größtenteils auf Grundlage der Persönlichkeit und des persönlichen Stils entscheiden und weniger auf Basis der Wahlprogramme der Kandidaten. Obwohl Hollande noch immer bessere Chancen hat, könnte das Ergebnis knapper als erwartet ausfallen.

Dennoch wird es hauptsächlich eine "Wahl durch Versäumnis", bei der ein einschläfernder Herausforderer, der den Angriff scheut, und ein impulsiver Amtsinhaber, der sich am liebsten selbst in die Ecke boxt, gegeneinander antreten. (Dominique Moisi, DER STANDARD, 21./22.04.2012)

Autor

Dominique Moisi ist Politikwissenschafter, Buchautor und Gründungsmitglied des Französischen Instituts für Internationale Beziehungen in Paris; zuletzt erschien von ihm: "Der Kampf der Emotionen".

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    Präsident Nicolas Sarkozy (oben) und sein sozialistischer Herausforderer François Hollande (unten) bei letzten Mobilisierungsbemühungen vor dem Wahlsonntag.

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    Entertainment will gelernt sein.

  • Politologe Moisi: "Selbstmörderische Verleugnung der Realität."
    foto: standard/newald

    Politologe Moisi: "Selbstmörderische Verleugnung der Realität."

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