"Bin 25 Jahre unter Tag, brauch kein Navi"

Reportage21. April 2012, 14:24
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20 Bergleute arbeiten pro Schicht unter Tag in Österreichs größter Magnesitgrube. Oft arbeiten Vater und Sohn zusammen

Graz/Breitenau - Die erste Partie fährt um sechs Uhr Früh in den Stollen. An diesem Morgen sind es 17 Männer, die in Bussen zu ihrem Arbeitsplatz im Innern des Bergs gekarrt werden. Proviant und Getränke hat jeder selbst dabei. Die nächsten acht Stunden kommen die Bergleute an keinem Kiosk, bei keinem Geschäft vorbei. Sie sind gefangen in der Dunkelheit, nur spärlich erhellt von künstlichem Licht - und das auch nur dort, wo es ohne gar nicht geht.

"Eigentlich arbeiten 20 Männer pro Schicht", sagt Thomas Drnek, Werksleiter der RHI in der Breitenau, bei einem Lokalaugenschein des Standard. "Dass alle da sind, kommt selten vor." Seine Leute seien aber mit Sicherheit nicht öfter krank als Büroangestellte, die in der Regel doch in einer etwas freundlicheren Umgebung ihrer Arbeit nachgehen könnten." Die Männer sind voll motiviert. Teilweise waren schon ihre Väter, Großväter und Urgroßväter im Berg", sagt Drnek.

Die Breitenau im steirischen Bezirk Bruck/Mur ist einer der größten Ober- und Untertagebergbaue Österreichs. Seit mehr als 100 Jahren wird hier Magnesit gewonnen. Es dient als Rohstoff für die Stahl- und Feuerfestindustrie.

Fünf Kilometer in die Tiefe

RHI, eines der weltweit führenden Unternehmen bei der Herstellung hitzebeständiger Auskleidungen für die Stahl- Glas- oder Zementindustrie, beschäftigt am Standort rund 170 Mitarbeiter. In Breitenau werden pro Jahr 430.000 Tonnen Rohmagnesit gewonnen, etwa 80 Prozent unter Tag. Der zu 190.000 Tonnen Sintermagnesia verarbeitete Rohstoff wird unter anderem im nahegelegenen Werk Veitsch zu Feuerfeststeinen verarbeitet.

Vom Stolleneingang bis zum tiefsten Punkt im Berg sind es etwa fünf Kilometer. Der Fahrweg schraubt sich mit einem durchschnittlichen Gefälle von etwa zwölf Prozent das Berginnere hinunter. Links und rechts der Hauptwendel zweigen immer wieder Stollengänge ab. Wie ein Emmentalerkäse ist der Berg im Innern, durchzogen von Wegen, Hohlräumen und Verbindungsgängen. Alles zusammen ergibt das eine Strecke von etwa 50 Kilometern.

"Ein halbes Jahr dauert es schon, bis man sich im Berg zurechtfindet", sagt Helmut Harrer. Er ist Meister, hat die Oberaufsicht über die Schicht und gehört zu den "alten" Hasen im Berg. "Ich bin inzwischen 25 Jahre unter Tag, ich brauche kein Navi mehr", sagt er.

Die heutige Schicht ist auf Ebene vier im Einsatz, 480 Meter über Seehöhe, weit drinnen im Berg. Hie und da klatschen Wassertropfen auf die roten, gelben und weißen Helme.

Wasser sei hier kein Problem, sagt Werkleiter Drnek. Die Lagerstätte sei von einer Schiefersteinhülle umgeben, und die sei total dicht. Was heruntertropfe sei Oberflächenwasser, das vom Tagbau 600 Meter darüber durchsickere. Drnek: "Dort wurde das Schiefergestein abgetragen, weil wir es als Versatzmaterial brauchen." Dieses dient dazu, jene Hohlräume, aus denen kein Magnesitgestein mehr herausgebrochen werden kann, zuzuschütten. Auf diese Weise soll Einstürzen vorgebeugt werden.

Einsturzgefahr und Sonnenentzug

Damit auch während dem Abbau nichts einstürzt, bohrt Günter Klammer, auf einer Hebebühne nahe der Felsendecke stehend, an zuvor markierten roten Stellen im Gestein Löcher hinein. In diese werden etwa 3,5 Meter lange Stahlanker versenkt und fixiert. Die Traglast jedes Ankers beträgt 20 Tonnen und dient zur Stabilisierung des Gesteins.

Klammer ist 33 Jahre bei der Firma, 27 davon unter Tag. "Ich bin der Dienstälteste in der Schicht", sagt er. Ob in all den Jahren kein gröberer Einsturz passiert sei? "Nein", antwortet Klammer, "das nicht. Dennoch habe ich, seit ich hier arbeite, vier Kollegen verloren. Wenn dich von oben ein Stein trifft, kann das fatal sein", sagt Klammer und fährt mit der Hand von der Decke zum Boden,

In einem Nebenstollen werfen unterdessen die Scheinwerfer eines Schaufelladers Schattenfiguren an die nackte Felswand. Bernd Fürst fährt seit sechs Jahren mit dem schweren Gerät. Knapp zehn Tonnen passen in die Schaufel, wobei darauf zu achten ist, dass kein Versatzmaterial vom Boden aufgeladen wird. Fürst: "Sind Verunreinigungen drinnen, kann man die ganze Charge vergessen." Als "Schmerzensgeld" für den Sonnenentzug gibt es 1900 bis 2200 Euro netto im Monat.

Um 14 Uhr ist Ablöse. Bis zehn Uhr abends setzt die Spätschicht das fort, was die Frühschicht begonnen hat - Montag bis Freitag, jahraus, jahrein.

Wenn der Tag aus ist, gibt es einen lauten Knaller. Jeden Abend um 21.45 Uhr wird gesprengt - neue Arbeit für die Frühschicht, die um sechs Uhr beginnt. (Günther Strobl, DER STANDARD, 21./22.4.2012)

  • Zehn Tonnen Magnesitgestein passen in den Schaufellader, der im Bergwerk in Breitenau im Einsatz ist. Wenn sich ungewollt Versatzmaterial vom Boden dazumischt, ist die ganze Charge zu vergessen.
    foto: stro

    Zehn Tonnen Magnesitgestein passen in den Schaufellader, der im Bergwerk in Breitenau im Einsatz ist. Wenn sich ungewollt Versatzmaterial vom Boden dazumischt, ist die ganze Charge zu vergessen.

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