Zeit für Taten, nicht für Märchen

20. April 2012, 19:11
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Die israelische Autorin Zeruya Shalev spürt im Roman "Für den Rest des Lebens" Konsequenzen einer Erziehung im Kibbuz nach

Was "Für den Rest des Lebens" noch zu erwarten bleibt, ist in der Regel eine Frage des Alters. Junge, ältere und alte Menschen begegnen uns im neuen, vielschichtigen Roman der israelischen Autorin Zeruya Shalev, die allesamt an einem Wendepunkt ihres Lebens angelangt sind. Menschen mehrerer Generationen einer Familie, die einander schicksalhaft nahestehen und dennoch fremd sind; die sich nach Liebe sehnen, aber sich nicht aus den Schlingen der Wut, Trauer und Enttäuschung winden können.

Die jugendliche Nizan, angeekelt von den Launen der Erwachsenen, entfremdet ihrer Mutter Dina, die einen obsessiven Wunsch nach einem weiteren Kind entwickelt und das biedere Wohl ihrer Familie gefährdet. Avner, Dinas Bruder, läuft kopflos Versäumnissen hinterher; er empfindet die Heirat mit seiner ersten Freundin als armseligen Ersatz für die wahre Liebe. Seiner und Dinas Mutter Chemda Horowitz kommt die Zeit, die ihr für den Rest des Lebens noch zusteht, "absurderweise wie eine Ewigkeit vor".

Shalevs pathetisch-nüchterner Familienroman, der von der bekannten Kinderbuchautorin Mirjam Pressler in ein wunderbar fließendes und leichtfüßiges Deutsch übertragen wurde, fokussiert auf das Innenleben der Figuren; das Private steht im Mittelpunkt. Es geht um Muttersein, um die Weitergabe von Fehlern und Ängsten an die Kinder, Zu- und Abneigungen sowie um die fast hoffnungslose Institution Ehe.

Dass das Ausleuchten der Innenansichten dennoch unmittelbar an den Staat Israel, sogar an die Grundpfeiler seiner Gründung, geknüpft ist, machen die Prägungen und Konsequenzen von Geburt und Erziehung in einem Kibbuz deutlich, jener solidarisch organisierten Dorfgemeinschaft, in der ursprünglich alle Mitglieder gleichgestellt und unabhängig von Ausbildung, Herkunft und Geschlecht mit kollektivem Eigentum und in basisdemokratischen Strukturen zusammenlebten.

Die Erinnerungen an ihr Erwachsenwerden in einem Kibbuz sind für die Mutter und Großmutter Chemda Horowitz weder idealistisch noch idyllisch. Chemda, das sonderbare Mädchen mit den vorkämpferischen Eltern, fügte sich nicht der kollektiven Erziehung in den Kinderhäusern. Das empfand der "in grausamer Strenge" agierende Vater als persönliche Niederlage: "Das ist jetzt keine Zeit für Märchen, es ist eine Zeit für Taten." Er nötigte sie zum Fischen bei Kälte und Regen und verhöhnte das fantasiereiche Kind, das traumversunken mit dem See Gespräche führte. Sie war voller Geschichten, doch See und Sümpfe mussten ausgetrocknet werden, man brauchte Ackerland. Die händische Arbeit genoss in Kibbuz-Gemeinschaften höchste Achtung, nicht das Erzählen.

Jetzt, am Beginn des über 500 Seiten langen Romans der studierten Bibelwissenschafterin Zeruya Shalev, die selbst 1959 in einem Kibbuz am See Genezareth geboren wurde, liegt Chemda in ihrem Bett und schöpft Erinnerungen aus dem sprechenden See, der verschwinden sollte. Sie ist ein Pflegefall, ihr Bewusstsein schwindet. Die melancholischen Rückblicke kreisen um kindliche Entbehrungen, eheliche Abgründe, fatale Fehler bei der Erziehung ihrer ungleich geliebten Kinder und um den Umzug aus dem "aufsaugenden, lebenswichtigen Wesen Kibbuz, das zugleich beraubt und nährt", in eine kleine Siedlung nahe Jerusalem, wo sich das eigeninitiierte Leben jedoch nicht zum Besseren verkehrte.

Dina und Avner besuchen ihre Mutter Chemda regelmäßig. Die Leben der beiden desillusionierten Geschwister bilden die Haupterzählstränge, ihre Beziehung tändelt zwischen Groll und Verlangen; obwohl sie sich gegenseitig stützen wollen, sind sie einander entfremdet. "Sie waren die Kinder derselben Eltern, doch im Kibbuz bedeutete das nichts, sie wuchsen mit ihren Altersgenossen heran, nicht mit ihren Familienmitgliedern, und erst als sie den Kibbuz verließen, hatten sie die Chance, Geschwister zu sein."

Doch die beiden verbindet wenig. Dina, Historikerin, Mitte vierzig, versucht den Mangel an Liebe durch ihre Mutter sowie den Tod ihres vor der Geburt gestorbenen Sohnes mit der Adoption eines Kindes zu kompensieren. Sie möchte Liebe spüren und setzt nicht nur die Liebe ihrer Tochter Nizan aufs Spiel. Die Ausgestaltung ihrer Wechseljahre-Depressionen gerät gegen Ende hin langatmig, wenn immer aufs Neue tosend-assoziative Gedankenstürme durch die Zeiten fegen.

Avners Geschichte hingegen liest sich in dem perfekt durchkonstruierten Roman besonders schön, ab und zu humorvoll und skurril. Der Rechtsanwalt und Verteidiger der Hilflosen sehnt sich aus seinem braven Familienleben hinaus und verstrickt sich in Midlife-Crisis-Abenteuer. Zufällig wird er Zeuge einer scheinbar wahren Liebe und begibt sich auf die Suche nach einem unbekannten Toten. Durch seine Arbeit als Anwalt taucht der Leser auch ins gegenwärtige Israel ein.

Der schnell wechselnde personale Erzählstil, weite Zeitsprünge sowie lange und metaphernreiche Sätze, innerhalb derer geschickt die Perspektiven gewechselt werden, sorgen für abwechslungsreiches Lesevergnügen. So ernsthaft und eindringlich die in Jerusalem lebende Shalev, die seit ihrem Bestseller Liebesleben (2000) als international herausragende Autorin der modernen hebräischen Literatur gilt, seelischen Tiefen, schicksalhaften Verbindungen und alltäglichen Zufälligkeiten nachspürt, so schwerelos und zeitweilig komisch gelingt ihr der Zugang zur Komplexität menschlicher Verhaltensmuster. (Sebastian Gilli, Album, DER STANDARD, 21./22.4.2012)

Zeruya Shalev, "Für den Rest des Lebens". Roman. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. € 23,60 / 500 Seiten. Bloomsbury, Berlin 2012

Hinweis
Zeruya Shalev liest am 23. 4. um 20 Uhr im Theater am Nestroyhof - Hamakom (Nestroyplatz 2, 1020 Wien) aus dem besprochenen Band.

 

  • Das Sehnen nach Liebe und die Schlingen aus Wut, Trauer und Enttäuschung: Zeruya Shalev.
 
    foto: sueddeutsche zeitung photo

    Das Sehnen nach Liebe und die Schlingen aus Wut, Trauer und Enttäuschung: Zeruya Shalev.

     

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