Die Online-Überdosis

André Anwar, 22. April 2012, 17:21
  • Jugendliche sind "always on" - auch beim Ausgehen.
    foto: olga meier-sander/pixelio.de

    Jugendliche sind "always on" - auch beim Ausgehen.

Die intensive Nutzung von Handy und Internet führt bei jungen Menschen zu Schlafstörungen, Depressionen und Stresserkrankungen, zeigt eine schwedische Studie

Eine neue Studie aus Schweden hat erstmals nicht mit den beunruhigend unerforschten Langzeitwirkungen von vermeintlich krebserregenden Strahlungsschäden durch drahtlose Internetverbindungen und Handynetze zu tun. Dem renommierten Göteborger Universitätskrankenhaus Sahlgrenska geht es in einer kürzlich teilveröffentlichten Studie stattdessen um die von Handy und Internet zunehmend strapazierte Seele des Menschen.

Das Ergebnis konkret: Vor allem junge Menschen, die das Internet und Mobiltelefone sehr häufig anwenden, leiden signifikant häufiger an Schlafstörungen, höherem Stressniveau und psychischen Krankheiten wie etwa Depressionen, permanente Unruhe oder Angstattacken, warnen die Göteborger Forscher.

Besonders Frauen mit intensiver Handynutzung sind besonders gefährdet, an einer Depressionen zu erkranken, bei Männern wurden eher Schlafstörungen beobachtet - ergaben die Studienergebnisse. Eine Kombination aus intensiver Internetnutzung am Computer und stundenlanger Handynutzung erhöht demnach die negativen Symptome. Die Untersuchung ist repräsentativ. Der quantitative Teil umfasste 4100 junge Menschen im Alter von 20 bis 24 Jahren. Im qualitativen Teil der Untersuchung wurden 32 Intensivnutzer von Handy und Internet detailliert über ihre Gewohnheiten befragt.

Demzufolge verhält es sich bei der Internetnutzung nämlich so: Obwohl sich online theoretisch das gesamte Leben mit ein paar Klicks organisieren ließe, verbringen die jungen Internet-User viel mehr Zeit online.

Im Info-Nirwana

Sie verzetteln sich, verbringen Stunden vor dem Bildschirm und führen endlose Recherchen durch. Zum Beispiel auch beim Kauf eines Fernsehers. Die überbordende Information auf tausenden Webseiten erschwert die Entscheidungen, und genau daraus ergibt sich schlussendlich auch ein erhöhtes Stressniveau. Der Gang ins Kaufhaus und eine kompetente Beratung vor Ort wären zeitsparender.

Die Internetnutzung ist aber auch ein Generationenproblem. Wer in den 1990-er-Jahren ein Teenager war, lebte meist ohne Handy und Internet. Heute ist diese Gruppe von Menschen fast ununterbrochen auf Empfang, feste Monatsabonnements der Handyanbieter haben das Telefonieren so billig gemacht, dass aus einem Gespräch immer öfter eine endlose Telefonkonferenz wird. Schweden ist nach den USA weltweit eines der Länder, in denen die Handy- und Internetnutzung sehr früh verbreitet war. Die Schweden sind nicht nur Pioniere, sondern für die Forscher des Göteborger Universitätskrankenhauses auch Testpersonen, um Schlüsse aus den vergangenen dreißig Jahren zu ziehen.

Am Universitätskrankenhauses Sahlgrenska wird nun in mehreren, recht umfassenden Teilstudien un-tersucht, ob und gegebenenfalls wie die Handy- und Internetnutzung die psychische Gesundheit von jungen Schweden beeinflusst. Die Forschungsleiterin Sara Thomée rief im schwedischen Radio SR jedenfalls zu einer neuen Begrenzungspädagogik bei der Nutzung auf. "Wir empfehlen aufgrund unserer Ergebnisse, mehr für eine gesundheitsbewusste Nutzung von Internet und Handy zu tun. Es gehe beispielsweise darum, die Wichtigkeit von Pausen wieder erkennen und schätzen zu lernen. "Den rauchenden Köpfen müssen handy- und internetfreie Regenerierungszeiten geboten werden", empfiehlt sie. Es gehe darum, Erreichbarkeit neu zu definieren, Limits zu setzen.

Kraft aus Offline

Früher, also vor dem Aufkommen der digitalen Datenübertragung, seien diese Unterbrechungen vollkommen normal gewesen. "Man muss in Bezug auf Handy, Computer und Internet Grenzen setzen, um seelische Probleme zu vermeiden", sagt Thomée und erinnert damit an die gesellschaftlich um einiges kritischer betrachtete Ausbreitung des Fernsehens in den 1960er- und 1970er Jahren.

Interessant bleibt, was solche Studien zur arbeitnehmergerechten Gestaltung von Arbeitsplätzen beitragen könnten. Wollte man die Sichtweise der Forscher weitertreiben, dann ist das Internet das, was das Fließband in der Industriellen Revolution einmal war. (André Anwar, DER STANDARD, 23.4.2012)

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Schlafstörungen?

Bei mir höchstens wegen den nächtlichen SMS, auf die ich fast immer auch reagiere und dann wegen der hohen Handyrechnung...
Es lohnt sich finanziell eigentlich gar nicht mittels Handy eine rein virtuelle Freundschaft zu pflegen.

"Der Gang ins Kaufhaus und eine kompetente Beratung vor Ort wären zeitsparender."

Das hat früher funktioniert, als man sich noch auf andere verlassen konnte. Mittlerweile denken Verkäufer bloss gewinnmaximierend und die objektive Beratung bleibt auf der Strecke.

aha, und wie wurde der Drahtloseffekt ausgeschalten?

Wer mehr verwendet, ist auch staerkerer Strahlenbelastung ausgesetzt. Wie wurde denn das in der Studie ausgeblendet? Hat man einen Strahlengenerator neben die nicht spielenden gestellt?

das Gleiche tun, ist das noch lange nicht dasselbe

Ich hoffe, diese Aussagen treffen nur auf die private Nutzung zu, da ich meinen gesamten Arbeitstag vor dem Rechner verbringe: Ich nutze Intranet-Tools, schreibe E-Mails, recherchiere im Internet, verfasse und erhalte SMS/MMS - telefonieren muss ich auch noch. Wenn ich mich damit einer Gesundheitsgefahr aussetze, muss ich mich zwischen Krankheit und Arbeitslosigkeit entscheiden. Ach, jetzt lese ich es: Nur über jungen Menschen schwebt dieses Damoklesschwert. Jetzt bin ich erleichtert.

Gott sei dank betrifft mich das nicht....

.... ich bin ja schon 25 Jahre alt ;)

Ich hab mich selber erkannt... nicht gut. Aber das ist wohl der erste Schritt zu einem langen Prozess (der Kindesweglegung namens Handy)

Wer den Volltext der Studie lesen möchte: http://www.biomedcentral.com/1471-2458/11/66

Screenshot, or it didn't happen.

Ansonstn, netter Versuch liebe Gruftspione, aber 4100 Menschen, von denen nur 32 detailliert befragt wurden? Eine Korrelationsuntersuchung auf Depressionen in einem der Länder mit der höchsten Selbstmordrate in Europa? Geschlechtsspezifischer Bias, obwohl Männer nachweislich genauso oft depressiv werden wie Frauen? Und als Sahnehäubchen werkeln wir die Informationsflut als Grund zusammen, owohl mehr als 2 Drittel des Traffic von Unterhaltungsdiensten verursacht werden?

Come on...ich meine, ich bin beeindruckt dass die '29er Generation sich noch am Trolling versucht, aber schiebt doch Grosspapa bitte aus der Webredaktion und zurück in die Geriatrie.

Ich glaub ich stell das mal auf 4chan...

Zum Thema Selbstmordrate in Eropa sei Ihnen folgender Link ans Herz gelegt:

http://en.wikipedia.org/wiki/List... icide_rate

Wieso glauben Sie, daß Informationsflut und Unterhaltungsdienste ein Widerspruch ist?

Für die Belastung des Gehirns macht es wenig Unterschied, welches Mascherl die hereinstürzenden Inhalte tragen.

Das glaub ich nicht nur, das ist eine neurologische Tatsache.

Dinge die dich interessieren, die du gerne liest, die für dich wichtig sind setzten bei der Informationsaufnahme völlig andere Neurotransmitter frei als solche mit denen du dich befassen MUSST.

Das ist zb. auch der Grund warum es Menschen gleicher Intelligenz gibt, von denen der eine Sprachen so problemlos lernt wie er mit den Augen zwinkert, gleichzeitig aber kein Interesse an zb. Physik hat, ein anderer wieder ist ein tausendsassa in Biologie, hat aber grösste Probleme mit Mathe, ein dritter merkt sich Zitate aus Filmen die er einmal gesehn hat Jahrelang und vergisst Französischvokabeln 2 Tage nach der Klausur, usw.

Das mag ja alles sein

Aber es sagt nichts über die Reizüberflutungsschwelle aus. Wenn Sie sich sechs Ihrer Lieblingsfilme gleichzeitig reinziehen und versuchen, bei allen dranzubleiben, wird Sie das überfordern, obwohl es Unterhaltung ist.

Depressionsrate im Norden

Ist es denn nicht auch durch eine Studie bewiesen, dass die Menschen im Norden Europas mehr zu Depressionen neigen (wegen wenig Sonnenlicht im Winter)? Dadurch das diese Studie hier aus Schweden kommt und wahrscheinlich Schweden befragt/untersucht wurden?

wohl eher nicht ....

"We find that depressive symptoms are most prevalent in Mediterranean and Eastern European countries, whereas Sweden and Denmark have the lowest prevalence."
Kok R, et al. (2012) Soc Indic Res, 105(2) 191-210.

Auch fuer Sie:

http://en.wikipedia.org/wiki/List... icide_rate

Österreich und viele andere mitteleuropäische Länder liegen weit vor den Skandinaviern. Laut dieser Statistik jedenfalls.

"Der Gang ins Kaufhaus und eine kompetente Beratung vor Ort wären zeitsparender"

"Kaufhaus" und "kompetente Beratung" in einem Satz ist echt gut.

klingt gut,

liegt aber an der Übersetzung. "Geschäft" statt "Kaufhaus" wäre besser formuliert.

Und da setzt der Teufelskreis ein:
Warum kaufen alle im Internet? Weil es keine Beratung gibt.
Warum gibt es keine Beratung? Weil alle im Internet kaufen.
...

*g* Das in einer Online-Zeitschrift zu bringen, ist in etwa dasselbe wie morgens um zwei ins tiafste Beisl zu marschieren und "Bier mocht bled!" zu schreien...

Die Reaktionen darauf sind jedenfalls hochinteressant. Einige klingen tatsächlich so, als würden sie den Verantwortlichen am liebsten an die Gurgel gehen.

Kill the messenger. :-)

Wenn Sie eine Zeitung kaufen würden, wäre ihnen aufgefallen, dass dieser Artikel auch in der Printausgabe von heute gedruckt ist...

Und was ändert das an meiner Aussage? :-)

depressive erkrankungen wegen zuviel handy und internet? dann einfach mehr COMPUTER SPIELEN - steht in der studie gleich nebenan!

Dachte ich zuerst auch - es geht aber um ein bestimmtes Spiel.

so eine Studie wäre vor 20 Jahren noch für Bergbauarbeiter dringend notwenig gewesen.

SO EIN SCHWACHSINN

kausalinterpretation bei einer blabla studie.

nicht genügend.

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