Die Online-Überdosis

22. April 2012, 17:21
32 Postings

Die intensive Nutzung von Handy und Internet führt bei jungen Menschen zu Schlafstörungen, Depressionen und Stresserkrankungen, zeigt eine schwedische Studie

Eine neue Studie aus Schweden hat erstmals nicht mit den beunruhigend unerforschten Langzeitwirkungen von vermeintlich krebserregenden Strahlungsschäden durch drahtlose Internetverbindungen und Handynetze zu tun. Dem renommierten Göteborger Universitätskrankenhaus Sahlgrenska geht es in einer kürzlich teilveröffentlichten Studie stattdessen um die von Handy und Internet zunehmend strapazierte Seele des Menschen.

Das Ergebnis konkret: Vor allem junge Menschen, die das Internet und Mobiltelefone sehr häufig anwenden, leiden signifikant häufiger an Schlafstörungen, höherem Stressniveau und psychischen Krankheiten wie etwa Depressionen, permanente Unruhe oder Angstattacken, warnen die Göteborger Forscher.

Besonders Frauen mit intensiver Handynutzung sind besonders gefährdet, an einer Depressionen zu erkranken, bei Männern wurden eher Schlafstörungen beobachtet - ergaben die Studienergebnisse. Eine Kombination aus intensiver Internetnutzung am Computer und stundenlanger Handynutzung erhöht demnach die negativen Symptome. Die Untersuchung ist repräsentativ. Der quantitative Teil umfasste 4100 junge Menschen im Alter von 20 bis 24 Jahren. Im qualitativen Teil der Untersuchung wurden 32 Intensivnutzer von Handy und Internet detailliert über ihre Gewohnheiten befragt.

Demzufolge verhält es sich bei der Internetnutzung nämlich so: Obwohl sich online theoretisch das gesamte Leben mit ein paar Klicks organisieren ließe, verbringen die jungen Internet-User viel mehr Zeit online.

Im Info-Nirwana

Sie verzetteln sich, verbringen Stunden vor dem Bildschirm und führen endlose Recherchen durch. Zum Beispiel auch beim Kauf eines Fernsehers. Die überbordende Information auf tausenden Webseiten erschwert die Entscheidungen, und genau daraus ergibt sich schlussendlich auch ein erhöhtes Stressniveau. Der Gang ins Kaufhaus und eine kompetente Beratung vor Ort wären zeitsparender.

Die Internetnutzung ist aber auch ein Generationenproblem. Wer in den 1990-er-Jahren ein Teenager war, lebte meist ohne Handy und Internet. Heute ist diese Gruppe von Menschen fast ununterbrochen auf Empfang, feste Monatsabonnements der Handyanbieter haben das Telefonieren so billig gemacht, dass aus einem Gespräch immer öfter eine endlose Telefonkonferenz wird. Schweden ist nach den USA weltweit eines der Länder, in denen die Handy- und Internetnutzung sehr früh verbreitet war. Die Schweden sind nicht nur Pioniere, sondern für die Forscher des Göteborger Universitätskrankenhauses auch Testpersonen, um Schlüsse aus den vergangenen dreißig Jahren zu ziehen.

Am Universitätskrankenhauses Sahlgrenska wird nun in mehreren, recht umfassenden Teilstudien un-tersucht, ob und gegebenenfalls wie die Handy- und Internetnutzung die psychische Gesundheit von jungen Schweden beeinflusst. Die Forschungsleiterin Sara Thomée rief im schwedischen Radio SR jedenfalls zu einer neuen Begrenzungspädagogik bei der Nutzung auf. "Wir empfehlen aufgrund unserer Ergebnisse, mehr für eine gesundheitsbewusste Nutzung von Internet und Handy zu tun. Es gehe beispielsweise darum, die Wichtigkeit von Pausen wieder erkennen und schätzen zu lernen. "Den rauchenden Köpfen müssen handy- und internetfreie Regenerierungszeiten geboten werden", empfiehlt sie. Es gehe darum, Erreichbarkeit neu zu definieren, Limits zu setzen.

Kraft aus Offline

Früher, also vor dem Aufkommen der digitalen Datenübertragung, seien diese Unterbrechungen vollkommen normal gewesen. "Man muss in Bezug auf Handy, Computer und Internet Grenzen setzen, um seelische Probleme zu vermeiden", sagt Thomée und erinnert damit an die gesellschaftlich um einiges kritischer betrachtete Ausbreitung des Fernsehens in den 1960er- und 1970er Jahren.

Interessant bleibt, was solche Studien zur arbeitnehmergerechten Gestaltung von Arbeitsplätzen beitragen könnten. Wollte man die Sichtweise der Forscher weitertreiben, dann ist das Internet das, was das Fließband in der Industriellen Revolution einmal war. (André Anwar, DER STANDARD, 23.4.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Jugendliche sind "always on" - auch beim Ausgehen.

Share if you care.