Negative Nachrichten positiv überbringen

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  • Bevor der Arzt den Patienten mit der Diagnose konfrontiert, sollte er im Gespräch Informationen einholen.
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    Bevor der Arzt den Patienten mit der Diagnose konfrontiert, sollte er im Gespräch Informationen einholen.

  • Monika Keller: "Offenheit von beiden Seiten hilft beiden Seiten."
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    Monika Keller: "Offenheit von beiden Seiten hilft beiden Seiten."

Die deutsche Psychoonkologin Monika Keller trainiert onkologisch tätige Mediziner in professioneller Kommunikation

Diagnose-Gespräche gehören besonders für Onkologen zu den schwierigsten Situationen zwischen Arzt und Patient. Die deutsche Psychoonkologin Monika Keller schult Mediziner in der "wichtigsten medizinischen Intervention" überhaupt - der Kommunikation.

derStandard.at: Wie bringt man einem Patienten bei, dass er an einer lebensbedrohlichen Krankheit leidet?

Keller: Das Vermitteln von schlechten Nachrichten fällt leichter, wenn man sich zunächst einen Eindruck von den Kenntnissen oder Befürchtungen des Patienten macht - also nicht gleich mit der Diagnose ins Gespräch gehen. Informationen einzuholen, bevor man sie gibt, ist wohl das Entscheidende. Für den Arzt bedeutet das, immer erst einmal zu fragen, bevor man anfängt zu reden, zu wissen, mit wem man es zu tun hat, was die Patienten sich schon für Gedanken gemacht haben. An die Antwort kann man dann gut anknüpfen. 

Genauso wichtig ist es, Informationen nicht in medizinischem Slang zu geben und die begrenzte Aufnahmefähigkeit zu berücksichtigen: Nur etwa 40 Prozent der Information kommen an, man sollte also kurze und prägnante Aussagen treffen.

derStandard.at: Nur ein Teil des Diagnosegesprächs dringt zum Patienten durch, der Rest geht in der traumatisieirenden Situation unter. Wie können Ärzte diese Schranke überwinden?

Keller: Selbst kluge, selbstbewusste Menschen werden in so einer Situation ganz klein mit Hut; beispielsweise kommen sie gar nicht auf die Idee nachzufragen. Für den Arzt ist es entscheidend, herauszubekommen, wie die Information angekommen ist. Am besten geht das mit vorsichtigen Nachfragen wie: "Wollen Sie mir auch sagen, was Sie jetzt zu Hause erzählen?" Damit nimmt man der Situation auch das Beschämende.

derStandard.at: Inwieweit ist der Patient geneigt zu hören, was er hören will? Ist die Eigeninterpretation ein Schutzmechanismus, den man aufbrechen muss?

Keller: Wir haben alle das gute Recht, Dinge, die uns im Augenblick unerträglich erscheinen, zu verdrängen oder einfach zu vergessen. Die Patienten haben uns gelehrt, dass auch eine schlimme Nachricht den Menschen nicht so tief trifft, dass er sich das Leben nimmt. Wir Menschen haben alle die Fähigkeit, auch mit schlimmen Gewissheiten zurechtzukommen. Da verfügen wir über einen "eingebauten" Bewältigungsmechanismus. Die allermeisten Patienten finden innerhalb relativ kurzer Zeit zu ihren inneren Fähigkeiten und Ressourcen zurück. Selbst eine schlimme Gewissheit ist besser als anhaltende Ungewissheit, denn dafür haben wir Menschen keine Modi.

derStandard.at: Wie können sich Patienten auf ein solches Gespräch vorbereiten, was raten Sie den Betroffenen?

Keller: Als Betroffener sollte man sich ein Herz nehmen und sich bewusst machen: Es geht um mich, und es ist wirklich wichtig, dass ich alle Infos, die ich im Augenblick brauche, auch bekomme. Man sollte einen nahestehenden Menschen mitnehmen, denn vier Ohren hören mehr als zwei. Auch eine Liste mit Fragen ist hilfreich - in der Regel vergisst man die Hälfte, weil man in einer Ausnahmesituation ist. Weitere Fragen kommen sowieso im Lauf der Zeit. Das Diagnosegespräch ist der Beginn eines Prozesses, der lange andauert, und das weiß man auch als Arzt. 

Ich möchte Patienten ermutigen, sich nicht auf das zu verlassen, was der Doktor ansprechen sollte. Für den Patienten ist es wichtig, anzusprechen, was ihn beschäftigt, und weder seelische noch körperliche Leiden zu verschweigen. Ärzte brauchen solche Informationen von ihren Patienten, besonders auch, was seelisch los ist. Wir wissen, dass viele Patienten Beschwerden verschweigen aus Sorge, den Arzt ungeduldig zu machen.

derStandard.at: Warum ist ein gut geführtes Gespräch, eine gute Kommunikation für den Patienten so wichtig?

Keller: Auch die beste Kommunikation macht aus einer schlechten Nachricht keine gute. Aber sie schafft die Basis für Offenheit und Vertrauen - die sind für beide Seiten ganz wichtig. Es ist eine ganz persönliche Sache, ob ich einem Arzt vertraue. Wenn ich merke, das wird mit dem nicht gehen, sollte man sich selbst mit seinen Bedenken ernst genug nehmen. Mit nahen Personen darüber sprechen, vielleicht auch einen anderen Arzt konsultieren. So viel Zeit ist da, auch wenn es um die Entscheidung über die Therapie geht: Bin ich hier in guten Händen?

Das Vertrauen der Patienten brauchen auch die Ärzte. Sonst geht vieles schief, oder es passieren Komplikationen, die man sich nicht erklären kann, und das hat oft mit mangelndem Vertrauen zu tun.

derStandard.at: Was man leicht übersieht: Die Situation, die tägliche Konfrontation mit Krankheit oder Tod ist auch für den Arzt belastend. Wie hilft gute Kommunikation den Medizinern?

Keller: Auch dem Arzt fällt so ein Gespräch alles andere als leicht, man fühlt sich immer auch mitverantwortlich für die schlechte Nachricht. Verantwortlich ist man nicht für die Diagnose, wohl aber dafür, wie man sie vermittelt. Und das kann man lernen, beispielsweise in einem guten Kommunikationstraining. Aber das ist nicht die Verantwortung der Patienten, die dieses Unbehagen mit ihren feinen Fühlern spüren. Als Patient muss ich mir nicht den Kopf des Arztes zerbrechen und bitte nicht so freundlich sein. Offenheit von beiden Seiten hilft beiden Seiten.

derStandard.at: In der Schweiz ist Kommunikationstraining für Onkologen verpflichtend - inwieweit ist das eine Hilfe für die Ärzte?

Keller: Es wird immer argumentiert, die Ärzte hätten zu wenig Zeit für gute, ausführliche Gespräche. Und unsere Empfehlungen klingen oft umständlich und nach wahnsinnigem Zeitaufwand. Aber ein effektives Gespräch mit einer Struktur, mit einem Ziel vor Augen, das spart tatsächlich Zeit. Die trainierten Ärzte haben uns das bestätigt, sie sind schneller beim Patienten und tun sich auch leichter mit dem Überbringen schlechter Nachrichten.

derStandard.at: Sind das Erfahrungen, die Sie durch das "KoMPASS"-Training, das Sie speziell für onkologisch tätige Ärzte mitentwickelt haben, gewonnen haben?

Keller: Ja, das Training war in Deutschland sehr erfolgreich. Wir haben an die 400 Ärzte trainiert und durchwegs das Feedback bekommen, das sei die beste Fortbildung, die sie bisher gemacht haben. Die Deutsche Krebshilfe hat das Training finanziert, weshalb es für die Ärzte kostenlos war. Leider möchte es die Krebshilfe jetzt nicht mehr weiterfinanzieren. In Deutschland hat sich der Gedanke noch wenig durchgesetzt, dass professionelle Kommunikation eine der wichtigsten ärztlichen Interventionen mit vielen unzureichend genutzten Potenzialen ist. Das versuchen wir zu ändern. (Gabriela Poller-Hartig, derStandard.at, 20.4.2012)

Monika Keller ist Internistin und Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin. Sie leitet die Sektion für Psychoonkologie an der Klinik für Psychosomatische und Allgemeine Klinische Medizin am Uniklinikum Heidelberg.

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