Ode ans Unkraut

Gregor Fauma
25. April 2012, 17:46
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    foto: peter freitag / www.pixelio.de

Jetzt beginnt das Rätselraten, was da Knospen treibt: Warum auch der Warzige Krähenfuß und der garstige Eiterzahn ihr Gutes haben

Es hat längst begonnen. Seit gut einem Monat schieben sich Blätter aus dem Erdreich, entfalten sich Knospen, und aus ausgetrockneten Augen schwellen frische Triebe saftig-pelzig an. Voll Freude stehen Gärtnerin und Gartler in ihren Outdoorschlapfen in den Beeten und freuen sich über jedes frische Grün, das die einsetzenden Frühjahrsbedingungen ermöglichen.

Bei mir setzt aber auch das jährliche Rätselraten ein. Ein Rätselraten, das an den Rand des Abgrunds treibt, das einen Nervenzusammenbruch wahrscheinlich macht und in der Folge aus einem Tau einen Strick werden lässt. Was zum Teufel wird das, das da wächst? Alles, wirklich alles dreht sich um diese eine Frage. Natürlich, nach der letzten großen Lieferung vom unsäglichsten aller Pflanzenversandhäuser voriges Frühjahr, hatte ich einen Plan angelegt, wo welche Pflanzen denn eingesetzt wurden. So einen Plan braucht man wie einen Bissen Brot, denn schnell verliert sich der Gartler in seinen ständigen Zukäufen.

Mitnichten. Es ist eine Kunst, den Überblick zu bewahren. Es wäre hingegen keine Kunst, kleine Schildchen in die Erde zu stecken, welche qua Beschriftung an unterirdisch Schlummerndes erinnern. Aber Schildchengärten waren noch nie meins. Darüber hinaus erhöht sich Woche für Woche die Zahl der schnell einmal mitgenommenen Pflanzen, die eingesetzt werden wollen, für die Platz gefunden werden muss und wo man dann keine Zeit hat, lang über Pflanzplänen zu brüten, um Lösungen zu finden. Für Spontanitäten muss immer Raum sein. Das Problem - es sind letztes Jahr nicht alle Pflanzen gekommen, die hätten kommen sollen. Sie blieben womöglich unterirdisch.

Unkraut, Beikraut, Wildkraut

Mit anderen Worten, man weiß nun im Frühjahr nicht, ob diese saftig grüne Blattrosette, welche sich da auf das Herrlichste entfaltet, eine Wunschpflanze ist oder gar ein stolzer Pionier, der sich von Acker zu Acker wehen lässt und auf Unkraut, Beikraut, Wildkraut oder sekundäre Begleitpflanze hört. Ratlos steht der Gartler vor einer Unzahl an Keimlingen und bereut es wieder einmal, letztes Jahr nicht per Foto und Beschriftung über dasselbe Problem Buch geführt zu haben. Gänsedistel, Frauenmantel, Rainkohl; Ampfer und Hirtentäschel, was darf es sein, gnädiger Herr? Diese Pflanzen findet man nicht beim Krepeler in Penzing, diese Pflanzen stehen nicht bei der Kreiner in Döb-ling - aber sie standen in meinen Beeten, en masse. Und nun stehe ich in meinen Beeten und rätsle, welch Natur die Keimlinge denn sind.

Kommt da ein Warziger Krähenfuß, das Gemeine Kreuzkraut oder gar der Garstige Eiterzahn? Und wie wird meine Rose Joelle-Annabelle reagieren - neben diesen Vulgärlichkeiten? Hier hilft eine Website, gibt Rat und spricht Mut zu. Sie führt 130 Unkräuter an, zeigt Fotos von Keimblättern, frühen und späteren Laubblättern und führt den geneigten User systematisch durch die Dickichte professioneller Pflanzenbestimmung.

Best-of-Unkraut

Blattformen, Blattbasen, Blattspitzen, Nervatur, Blattfarben, Blattbehaarung und so weiter und so fort werden beschrieben, und flott wird man durch die Bestimmungsmerkmale geführt, um letztendlich zum Beispiel beim Dreiteiligen Zweizahn zu landen. Je tiefer man in die Unkräuter eintaucht, desto faszinierender werden sie.

Allein schon der Namen wegen sollte man ein Best-of-Unkraut im Garten führen, was sich bei einer Führung besonders gut macht: "Hier der Stachelige Wurmlattich links, dort sehen sie den Zurückgekrümmten Amarant nebst Gattin und Erdmandelgras ..." Ja, je mehr ich es mir überlege, desto mehr kippt der Anlass, die Pflanzen zu bestimmen. Ich will wissen, welche Keimlinge hochgezüchtete, proletenbunte Bakker-Stauden werden, damit ich sie rechtzeitig raushauen und damit Platz für die entzückenden Unkräuter schaffen kann. So schaut's nämlich aus.

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8 Postings

Der Begriff "Unkraut" ist ganz und gar faschistisch. Impliziert er doch den Begriff "Kraut".
Kraut ist lebenswertes Leben, Unkraut dagegen ist nicht lebenswert und muss vernichtet werden.

Ich verstehe nicht warum die Bestimmung der Pflanzen den Autor so belastet.
Warum lässt er es nicht einfach wachsen? Man wird schon sehen, was sich daraus entwickelt.

link

danke für den link, der ist großartig! "suche" sowas schon länger.

im gegensatz zu manch teuer gekauften gärtnereipflanzen (wie meine dritter und jetzt auch garantiert LETZTER bambus) sind unkräuter wenigstens robust und grün. hat auch sein gutes ;-)

Also, seitdem unser Nachbar diese Pest freigesetzt hat, ist Bambus bei uns das größte Unkraut überhaupt. :-((

die sogenannten "unkräuter" sind oft die besseren pflanzen! morgen gibt es brennesselspinatpasta, schmatz. auch löwenzahn-und die blüten!- geben einen herrlichen salat, usw.

der beitrag sieht ganz nach sommerloch aus.

Unkräuter gibt's nicht, nur "Beikräuter". Ein 'Hoch!' auf die Natur!

zu bildbeilage: hilfsmittel

http://tinyurl.com/73zj9ht

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