Meister der Erinnerung

19. April 2012, 19:36
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Raben haben ein erstaunlich gutes Langzeitgedächtnis: Auch noch nach drei Jahren ohne Kontakt konnten sie bei Artgenossen Freund und Feind unterscheiden

Wien - Dass einige Säugetierarten über ein phänomenales Gedächtnis verfügen, ist gut dokumentiert. Nicht nur Elefanten vergessen wenig, auch von Schafen weiß man beispielsweise, dass sie sich nach zwei Jahren an Gesichter von Artgenossen erinnern können. Wie aber ist das bei den Vögeln? Verfügen etwa auch Raben, die Intelligenzbestien unter den Federtieren, über ein ähnlich gutes Erinnerungsvermögen?

Um diese Frage zu beantworten, mussten die Wiener Kognitionsbiologen Markus Böckle und Thomas Bugnyar langfristig planen: Die Forscher vom Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien und der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau im Almtal zogen zwölf Tiere gemeinsam auf und gaben sie dann an unterschiedliche Zoos weiter.

Drei Jahre nachdem die Raben getrennt wurden, überprüften die Wissenschafter, ob sich die Tiere noch an ihre ehemaligen Kumpane erinnern konnten - und womöglich auch, und in welchem Verhältnis sie zueinander gestanden sind. Zur Beantwortung der Fragen spielten Böckle und Bugnyar den Tieren die Rufe ihrer Exkameraden vor sowie von unbekannten Artgenossen vor.

Wie die Forscher im Fachblatt "Current Biology" berichten, reagierten die Raben unterschiedlich auf die Rufe und konnten damit gut zwischen bekannten und unbekannten Tieren unterscheiden. Auf bekannte Artgenossen reagierten sie mit mehr Rufaktivität.

Böckle und Bugnyar gingen aber noch einen Schritt weiter: Sie wollten auch noch wissen, ob sich die Tiere auch noch daran erinnern konnten, ob die Erinnerungen positiv oder negativ waren. Tatsächlich zeigte sich ganz klar, dass die Raben "unterschiedliche Rufe geäußert haben, je nachdem, ob sie damals freundlich oder feindselig zueinander gestanden sind", wie Dissertant Markus Böckle sagt. "Und diese Form der Langzeiterinnerung konnten wir erstmal im gesamten Tierreich dokumentieren."

Stimmliche Variationen

Dabei machten die Forscher freilich en passant noch eine weitere Entdeckung: Die Raben verändern je nach ehemaligem Freund oder Feind ihre Stimmlage: Gegenüber feindlichen und unbekannten Individuen versuchen sie einen langgestreckten Hals zu machen und dadurch tiefer zu klingen. Menschen und Hirsche machen das übrigens auch so. "Damit versuchen sie, ihre akustisch wahrnehmbare Körpergröße zu übertreiben", so Böckle. Hören Raben hingegen einen Exfreund, dann rufen sie "mit freundlicher Stimme" zurück. (tasch, APA/DER STANDARD, 20.4. 2012)

  • Raben vergessen nicht, welcher Artgenosse vor Jahren freundlich zu ihnen war und wer feindlich.
    foto: m. böckle

    Raben vergessen nicht, welcher Artgenosse vor Jahren freundlich zu ihnen war und wer feindlich.

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