Pro Ring-Umbenennung: Geschichte schreiben

Kommentar | Lisa Nimmervoll
19. April 2012, 18:48

Geschichtsaufarbeitung muss auch selbstbewusste Akte der Distanzierung und Neuschreibung beinhalten

Geschichte soll und darf nicht nur "ertragen" werden nach dem Motto: Dieses problematische Relikt der Vergangenheit ist nun mal da, jetzt muss es für immer da bleiben. Nein, muss es nicht! Geschichtsaufarbeitung muss auch selbstbewusste Akte der Distanzierung und Neuschreibung beinhalten. Die neue Beschriftung von prominenten Adressen ist so ein souveräner Akt.

Am Lueger-Ring lässt sich das Abarbeiten an der Geschichte auch gut illustrieren, denn dieses Straßenstück hat schon einige Umbenennungen hinter sich. Der kaiserliche Franzensring wurde 1919 anlässlich des Tags der Ausrufung der Republik zum "Ring des 12. November" und 1934 schließlich im autoritären Ständestaat dem Antisemiten Karl Lueger gewidmet. Ausgerechnet da stehen bleiben?

Man muss nicht alle stummen Zeichen historischer Einschreibungen in eine Stadt gleichgültig und quasi gleich gültig nebeneinander stehen lassen. Eine nachdenkende Gesellschaft mit historisch-reflektiertem Bewusstsein muss auch offen sagen, wovon sie sich nachdrücklich, und sei es nur nachträglich, symbolisch distanzieren und wozu sie sich stattdessen bewusst bekennen will.

Zu den Universitäten ist eine gute Idee. Noch mutiger und radikaler in der Wirkung wäre etwas anderes gewesen: Die Sichtbarmachung von wissenschaftlich exzellenten Frauen im öffentlichen Gedächtnis. Es gab sie. Noch sind sie nur viel zu oft unsichtbare Vergessene der Geschichte. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 20.4.2012)

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Alles eine Frage des Masses !

WIr haben ja auch keinen "Adolf-Hitler-Platz" mehr. Und Hitler war ein ideologische Schüler von Lueger. Wobei sich letzterer auf noch frühere, okkulte Obskuranten des Antisemitismus berief (List). Das Lueger-Denkmal würdeich z.B. nicht abreißen - aber es mit einer erklärenden Tafel versehen: "Wiens kommunaler Erneuer UND Antisemit !"

Deserteursring

auch so eine Zeit-geist Sache

schließlich kann ja auch die Republik Österreich ihren Soldaten nicht wirklich erklären, dass dessertieren was Positives ist ....

UND nachher ist man meistens klüger .....

Die Deserteure beider Weltkriege gehören auch geehrt, aber den Lueger-Ring würde ich dennoch lieber nach jemand anderen (um-)benennen.

RING DES NIEGELUNGEN

Wär mein Vorschlag. Zwar nicht neu, nicht von mir, aber vielleicht endlich mal verwendbar.

Danke für den Artikel - genau so ist es.

Und ewig grunzt das Murmeltier!

Wie weit zurück, will man heute denn noch "Geschichte" nach Gegenwartswertvorstellungen "aufarbeiten". Lueger auf dieselbe Stufe mit Verbrechern zu stellen, um ihn unsichtbar machen zu können, ist weit überzogen.
Wenn nicht, dann halt auch Weg mit dem Karl ("Der Anschluss") Renner Ring!

Es sind nur die Wunschvortellung einzelner Personen oder kleiner Interessengruppen.

Unabhängig das ein Teil des Ringes als Universitätsring eine stattliche Bezeichnung für eine europäische Großstadt abgibt.

Wie so immer. Die grüne Damenriege möchte halt alles in Aktionismus und Populismus umsetzen. Würden dies in allen europäischen Ländern angenommen werden aus ihrer Vergangenheit die Namen zu tilgen, müssten 30-40% einer Umbenennung zugeführt werden.

danke, seh ich ähnlich.

i a

um keinen zu (über) vorteilen

wäre eine benennung nach den himmelsrichtungen doch praktisch: Ost-Ring, Süd-Ring, West-Ring, Nord-Ring

so lernen die kinder gleich die geografischen richtungen mit :-)

Brauchen Sie wirklich den Ring,

um Ihren Kindern beizubringen, wie sie Osten Süden, Westen und Norden auseinanderhalten können?
Schreiben'S Ihren Kindern doch folgendes Sprücherl ins Schulheft:
"Die Sonne geht im Osten auf,
im Süden steigt sie hoch hinauf,
im Westen will sie untergehn,
im Norden ist sie nie zu seh'n!"

ps: Im Norden sehen sie bei wolkenlosen Himmel den Polarstern;-))

Die Ringstrasse brauchen'S aber für die Himmelsrichtungen sicher nicht;-)))))

Wenn diese linke Gemeindeführung anfängt,

Menschen wegen ihrer Schattenseiten aus dem Gedächtnis zu verbannen, dann hätte sie ein weites Betätigungsfeld. Denn da finden sich noch deutlich dunklere Flecken.

Was ist etwa mit dem Herrn Marx und seinen antisemitischen Äußerungen, die alle den gleichen sozialagitatorischen oder wenn man so will klassenkämpferischen Hintergrund wie jene Luegers hatten? Die wirren Gedanken des Herrn Marx haben in der Folge jedenfalls rund 100 Millionen Menschen das Leben gekostet, darunter immer wieder auch gezielt vielen Juden.

Zwischen “aus dem Gedächtnis verbannen“ und “eine spezielle Ehrung berechtigterweise aberkennen“ ist ein HIMMELWEITER unterschied - warum kapiert ihr Rechtsrevisionisten das nicht?

Wie oft wollen sie diesen Unsinn noch posten?

Ist doch wurscht wie der Ring heißt.

Red Bull Ring!

"Universitätsring" ist meiner Ansicht nach ein schöner Kompromiss.

Politisch korrekt (und sicher auch im Sinne von Frau Nimmervoll) wär natürlich die Benennung nach einer strammen Sozialistin oder Kommunistin gewesen. Da hat man echt eine Chance verpasst! ;-)

Übrigens gibt es in Wien dutzende Straßen, die nach fragwürdigen linken Personen oder Politikern benannt sind. Eigenartig - daran stößt sich niemand. Aber auf diesem Auge sind ja verblendete Ideologen bekanntlich blind ;-)

Man/frau hätte zum Beispiel aus dem Dr.Karl Lueger-Ring

ja auch einen Angela lueger Ring machen können;-))

Dann hätte die ÖVP ihren Lueger-Ring ja behalten;-))))

Muß der Lueger , für eine "zeitgeistige" Tendenz alleine verantwortlich sein ??

Das die kleinen Handwerker und Grießler unter der "Zuwanderung" aus den Kronländern wirtschaftlich gelitten haben ... und ihre Frust in einem wirtschaftlich begründeten Antisemitismus geäußert haben,
war ein Teil von Lueger politschem Kalkül jedoch nicht sein "Verdienst"! .

Dass die Kirche ihren theolog. Antisemitismus ganz freizügig verteilte war "Teil des Systems" und hatte auch seine Wirkung.
Dass die DEUTSCH-GEsinnten aller Coleurs in den Juden einen unmittelbaren Feind ausmachten und ihre Nationalbegeisterung daran ausließen (aber auch an anderen Nationalitäten der Donaumonarchie ist auch evident.

Aber jetzt SCHLACHTEN wir den LUEGER,
wir sind nicht besser als die die wir verurteilen !

... wirtschaftlich begründeter Antisemitismus ...

danke, das genügt.

na ja

na ja
zwischen einer wirtschaftlich oder auch religiös begründeten Ablehnung

und einer rassistisch begründeten Ausrottung

sind doch WELTEN WELTEN .....

Das wird die Juden aber sicher freuen, wenn sie erfahren, warum sie seit 2000 Jahren vertrieben werden. Mal sind es wirtschaftliche, mal religiös verbrämte Ausreden.

Das sahen die kleinen Schuster, Schneider u.a. Handwerker anders

weil sie oft die 'Familien nicht ernähren konnten, weil die Zuwanderer - darunter auch viele Juden aus den östlichen Kronländern - die preise noch mehr drückten ....

"Mit vollen Hosen ist leicht stinken"
Mit vollen Mägen ist´s leicht über
Hunger zu diskutieren !

Ich hab Sie schon verstanden, was Sie gemeint haben. Dennoch ist dieser Antisemitismus nicht wirtschaftlich begründet.

Sie haben jetzt einfach das Phänomen Wettbewerb beschrieben. Was hätten die Handwerker gesagt, wenn es von ihnen einfach bloß mehr gegeben hätte, ohne dass sie gewusst hätten, welcher Konfession diese Vielen angehört hätten? Sie hätten einfach über den Wettbewerb gestöhnt. Die gedrückten Preise hatten ja nichts spezifisch Jüdisches an sich. Und somit zeigt sich wieder einmal, dass es für Antisemitismus keine seriösen Gründe gibt.

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