Pro Ring-Umbenennung: Geschichte schreiben

Kommentar |

Geschichtsaufarbeitung muss auch selbstbewusste Akte der Distanzierung und Neuschreibung beinhalten

Geschichte soll und darf nicht nur "ertragen" werden nach dem Motto: Dieses problematische Relikt der Vergangenheit ist nun mal da, jetzt muss es für immer da bleiben. Nein, muss es nicht! Geschichtsaufarbeitung muss auch selbstbewusste Akte der Distanzierung und Neuschreibung beinhalten. Die neue Beschriftung von prominenten Adressen ist so ein souveräner Akt.

Am Lueger-Ring lässt sich das Abarbeiten an der Geschichte auch gut illustrieren, denn dieses Straßenstück hat schon einige Umbenennungen hinter sich. Der kaiserliche Franzensring wurde 1919 anlässlich des Tags der Ausrufung der Republik zum "Ring des 12. November" und 1934 schließlich im autoritären Ständestaat dem Antisemiten Karl Lueger gewidmet. Ausgerechnet da stehen bleiben?

Man muss nicht alle stummen Zeichen historischer Einschreibungen in eine Stadt gleichgültig und quasi gleich gültig nebeneinander stehen lassen. Eine nachdenkende Gesellschaft mit historisch-reflektiertem Bewusstsein muss auch offen sagen, wovon sie sich nachdrücklich, und sei es nur nachträglich, symbolisch distanzieren und wozu sie sich stattdessen bewusst bekennen will.

Zu den Universitäten ist eine gute Idee. Noch mutiger und radikaler in der Wirkung wäre etwas anderes gewesen: Die Sichtbarmachung von wissenschaftlich exzellenten Frauen im öffentlichen Gedächtnis. Es gab sie. Noch sind sie nur viel zu oft unsichtbare Vergessene der Geschichte. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 20.4.2012)

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