Auf den Barrikaden

    19. April 2012, 17:59
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    Der britische Postpunk-Held Mark Stewart veröffentlicht mit "The Politics Of Envy" ein ganz und gar nicht altersmildes neues Album

    Vor einigen Jahren konnte man im Wiener Nachtleben oft einen Mann an den diversen Theken erleben, der nicht nur durch seine zwei Meter Kampfhöhe und Schuhe in Kindersarggröße beeindruckte.

    Eingedenk der Tatsache, dass große alte Bäume besonders schwer zu fällen sind, gefiel es dem Mann auch sehr, die Einheimischen auf diverse körperliche, kognitive sowie fremdsprachliche Defizite aufmerksam zu machen und dies mit grausamem Ziegenmeckern zu finalisieren.

    Österreicher sind Hunger, Durst, dick, fad und lästig. Sie können nicht gut Englisch. Aber sonst ist es ganz okay bei uns. Beleidigtwerden ist nicht schön. Wenn es aber andere trifft, kann das am Abend auch einmal ganz unterhaltsam sein. Wir merken uns, dieser Mann liebt die Kontroverse. Er sucht Streit. Streit gefällt ihm.

    Nebenher nahm der besagte Mark Stewart, so munkelte er selbst oft und gern, wieder einmal ein neues Album auf. Mit Edit, seinem ersten Album nach über einem Jahrzehnt Veröffentlichungspause und einem biografischen Loch als Weltenbummler und überzeugter Durchschnorrer, kam unter Mithilfe gar nicht einmal so sehr auf dem Cover erwähnter heimischer Elektronikmusiker wie Philipp Quehenberger oder Peter Rehberg 2010 ein beeindruckendes Comeback zustande.

    Es folgten Konzerte in der alten Konstellation Mark Stewart & The Maffia. Deren Musiker, Doug Wimbish, Skip McDonald und Keith LeBlanc arbeiteten unter anderem auch schon für James Brown, Madonna oder George Clinton und spielten als Backingband der Sugarhill Gang unter anderem den frühen HipHop-Klassiker Rapper's Delight ein.

    Gemeinsam mit Stewart stand allerdings die auf Klassikern wie As The Veneer Of Democracy Starts To Fade brutale Zerstückelung und Neuordnung von Disco und Funk mit den Mitteln der von Produzent Adrian Sherwood beaufsichtigten Dubtechnik auf dem Plan. Darüber wurden nervenzerrende Feedbacks gelegt, krachte ein Computerprogramm ratternd zusammen, ließ ein ins vierte Kellergeschoss gelegter Bass die Hosenbeine flattern.

    Mit quäkender Stimme und Megafoneffekten stieg dazu Mark Stewart auf die Barrikaden, um gegen den Überwachungsstaat, die Computerwelt und das Finanzsystem anzusingen. Schwarze Helikopter kreisen über unseren Köpfen, Mark Zuckerberg ist der jüngste Sohn Satans, Margret Thatcher hat sich zellgeteilt und heißt jetzt auch Barack Obama und Jean-Claude Juncker unterwandert unter dem Künstlerpseudonym Justin Bieber mit Welteroberungsplänen auch die Seelen unserer Kinder, damit diese sich dem Manchesterkapitalismus in den Rachen werfen und das sehr gern.

    Ende der 1970er-Jahre, zu jener Zeit, als Margaret Thatcher in Großbritannien Premierministerin wurde, spielte Stewart mit The Pop Group zu Hause in Bristol und später in London zentrale Klassiker des politischen Liedguts ein.

    Alben wie For How Much Longer Do We Tolerate Mass Murder und Songs wie We Are All Prostitutes gaben neben stilistisch strikter dem Punk verpflichteten damaligen Kollegen wie der Anarchistenband Crass bis heute unüberbietbare Blaupausen für den Zorn der Gerechten verbreitende Kampfmusik, die noch heute schwer zu konsumieren ist.

    Weißer Funk, mit schnalzenden Bässen und eingestreuten Free-Jazz-Ausbrüchen am Saxofon über zackigen Disco-Rhythmen und dazu jede Menge Amphetamine: The Pop Group ist einzigartig. Seit zwei Jahren gibt sie in Originalbesetzung nach 30 Jahren Pause auch hin und wieder Konzerte.

    Ein Album zur Wirtschaftskrise

    Nachdem Stewart die letzten Jahre in Berlin verbracht hatte, hat er jetzt in seiner neuen Zwischenheimat London das Album The Politics Of Envy ohne The Maffia fertiggestellt. Musikalisch ist es etwas eingängiger, weil auch dank der Mitwirkung seines alten Kumpels Bobby Gillespie von Primal Scream "rockiger" geworden. Die Quäkparolen sind geblieben.

    Die Songtitel dieses Album zur Wirtschaftskrise (Die Politik des Neids) lauten Autonomia, Gang War oder Baby Bourgeois. Dank einer Riege bekannter Freunde und Gäste herrscht höchste Diversifizität. Disco-Karaoke, TripHop, Dubreggae, Synthie-Wave. Die Gäste heißen Lee Scratch Perry, Kenneth Anger, Daddy G von Massive Attack, Richard Hell, Keith Levene, Factory Floor und Gina Birch von der legendären Frauenpunkband The Raincoats.

    Ein durchwirktes, aber wichtiges Album. Möglicherweise schuldet Stewart allen Beteiligten Geld. Verdammtes System. (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 20.4.2012)

     

    • Mark Stewart - The Politics Of Envy (Future Noise)
      foto: future noise

      Mark Stewart - The Politics Of Envy (Future Noise)

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