Jason küsst Mary und Jane

    19. April 2012, 17:57
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    Die britische Band Spiritualized veröffentlicht "Sweet Heart, Sweet Light". Mastermind Jason Pierce raucht sich einen an

    Spiritualized ist eine jener wenigen Bands, bei denen Stillstand eine Auszeichnung bedeutet. Das gilt im Pop als Paradoxon, heißt es doch, es muss immer weiter, vorwärtsgehen, aber das war nie der Ansatz von Jason Pierce alias J Spacemen.

    Sein etwas bescheuerter Aliasname verweist auf seine Vergangenheit bei Spacemen 3. Das war eine Art Selbsthilfegruppe von drogensüchtigen Engländern, die in den frühen 1980er-Jahren bereits so ermattet waren, dass sie ihre Konzerte im Sitzen absolvierten. Logisch. Rutscht man vom Sessel, ist die Fallhöhe weniger gefährlich als wenn man mit dem Kopf aus dem Stand auf den Boden knallt.

    Aus dem Jahr 1990 stammt das Album Taking Drugs To Make Music To Take Drugs To, das den Kreislauf des Schaffens der Band manifest benannte, kurz, Spacemen 3 war eine sehr, sehr ungesunde Band.

    Von Beginn an verschwendeten die Stammmitglieder Pierce und Peter Kember keine besondere Energie darauf, ihre Musik zeitgeistig aufzumascherln. Das Werk von The Velvet Underground sowie einiger Psychedelic-Bands der 1960er-Jahre brachen Spacemen 3 auf zwei, drei Akkorde herunter und wiederholten diese so lange, bis daraus hypnotische Mantras entstanden, fertig. Irgendwann löste sich dann die letzte vorhandene Bandchemie auf, und Pierce und Kember gingen getrennte Wege.

    Pierce gründete die Band Spiritualized und beschloss, den mit Spacemen 3 eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Im Laufe der Zeit und nach Alben wie dem heute kultisch verehrten Arzneimittelmissbrauchsklassiker Ladies And Gentlemen We Are Floating in Space (1997) reicherte er den Sound der Band um Gospel und Größenwahn an.

    Den diesbezüglichen Höhepunkt markierte das bis heute beste Spiritualized-Album Let It Come Down aus dem Jahr 2001. Mit großem Orchester samt üppigem Gospelchor pochte Pierce an Gottes Tor.

    Von ganz oben geht es naturgemäß bergab, aber Pierce, der Mitte der Nullerjahre eine schwere Lungenentzündung überstehen musste, stagniert immerhin auf einer Wolke in höheren Sphären. Nach dem rockistischen Amazing Grace und dem rekonvaleszenten Songs in A&E veröffentlicht er nun das Album Sweet Heart, Sweet Light.

    Darauf formt er aus den mittlerweile zur Stammbesetzung gewordenen Zutaten Rockband und Damenchor einmal mehr Songs zwischen verdrogtem Irrsinn und erleuchteter Erhabenheit. Beides trifft sich in einem Song wie I Am What I Am. Ein Titel wie ein Schicksal.

    Dröhnende Gitarren, Ein-Finger-Piano und Handclaps überlagern sich turmhoch, der Chor antwortet auf Pierces einsilbige Behauptung, ab der Mitte des Songs entgleitet das Stück dann in süßen Lärm: Hausmarke.

    Zu dieser gehört naturgemäß auch ein Song wie Mary. Der Name benennt eher eine Rauchware denn eine reale Figur. Er durchzieht das Gesamtwerk Pierce' und drückt schwer auf dessen Lider. Gleichzeitig obsiegt Pierce über diesen Druck, quengelt sich frei und schält Stücke frei, in denen ein Streichersatz die Gnade des Herrn illustriert.

    So richtig entfaltet sich dieses Album gegen Ende, der Weg dorthin wird einem mit vergleichsweise konventionellen Material wie dem Opener Hey Jane - einschlägig! - aufbereitet.

    Der 46-Jährige fügt seinem Lebenswerk mit Sweet Heart, Sweet Light eine zwar wenig überraschende, aber überzeugende Arbeit hinzu. Den Rausch besorgt die Endlosschleife, in der Mary und Jane zu Jasons Musik ihr Haar im Wind wiegen. Dieser küsst derweil den Himmel. (Karl Fluch, Rondo, DER STANDARD, 20.4.2012) 

    • Spiritualized: Sweet Heart, Sweet Light (Double Six Records)
      foto: double six records

      Spiritualized: Sweet Heart, Sweet Light (Double Six Records)

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