Erstmals zwei österreichische Filme im Wettbewerb von Cannes

Michael Haneke und Ulrich Seidl konkurrieren mit "Amour" und "Liebe" um Goldene Palme

Cannes/Wien - Erstmals stehen zwei österreichische Filme im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes. Michael Hanekes "Amour" und Ulrich Seidls erster Teil der "Paradies"-Trilogie, "Liebe", konkurrieren von 16. bis 27. Mai um die Goldene Palme, den renommiertesten Filmkunstpreis, teilte die Austrian Film Commission (AFC) mit.

In Cannes wurden am Donnerstag Wettbewerbsteilnehmer der 65. Filmfestspiele bekanntgegeben. Neben Haneke und Seidl ist auch David Cronenbergs "Cosmopolis" mit Robert Pattinson vertreten, ebenso Ken Loachs "The Angels' Share" und Walter Salles' Kerouac-Adaption "On the Road". Dazu kommen neue Filme der Franzosen Alain Resnais, Jacques Audiard und Leos Carax, des Iraners Abbas Kiarostami, des Dänen Thomas Vinterberg und des Rumänen Cristian Mungiu. Mit Sangsoo Hong und Sangsoo Im sind auch zwei südkoreanische Regisseure in der Auswahl (volle Auflistung siehe unten).

Bernardo Bertolucci stellt in Cannes seinen neuen Film "Io e te" ("Ich und Du") außer Konkurrenz vor. Die Verfilmung des Romans des Schriftstellers Niccolo Ammaniti  ist seine erste Arbeit seit "The Dreamers" aus dem Jahr 2003.  Als Eröffnungsfilm stand Wes Andersons "Moonrise Kingdom" schon fest, als außer Konkurrenz laufender Abschlussfilm wurde der letzte Film des verstorbenen französischen Regisseurs Claude Miller bekanntgegeben, "Therese D.", eine Adaption des Romans "Therese Desqueyroux" von Francois Mauriac. Als Zeremonienmeisterin wird heuer Berenice Bejo ("The Artist") durch Eröffnung und Abschied führen.

Zwei Projekte über die Liebe

Sowohl Haneke als auch Seidl beschäftigen sich in ihren jüngsten Produktionen mit der Liebe. Haneke, der 2009 bereits mit "Das weiße Band" in Cannes triumphierte, inszeniert mit "Amour" eine Bewährungsprobe für einen Musikprofessor im Ruhestand, seine Gattin und deren Tochter. Als die Frau eines Tages einen Schlaganfall erleidet, wird die gesamte Familie in Mitleidenschaft gezogen. Für die österreichisch-französisch-deutsche Koproduktion standen Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva und Isabelle Huppert vor der Kamera.

Seidl, der seine "Paradies"-Trilogie bereits in Ausschnitten bei der vergangenen Viennale vorstellte, wurde mit dem ersten Teil - "Liebe" benannt - in den Wettbewerb eingeladen. Seidl, der 2001 in Venedig den Großen Preis der Jury für "Hundstage" erhielt, wirft darin einen Blick auf ältere europäische Frauen, die an den Stränden Kenias junge schwarze Männer für Liebesdienste aufgabeln. Die österreichisch-deutsch-französische Koproduktion mit Margarethe Tiesel, Peter Kazungu und Dunja Sowinetz erzählt laut Seidl "von Ausgebeuteten, die ihrerseits andere Ausgebeutete ausbeuten".

"Haneke gegen Seidl - wie sie Film denken und sprechen, wie sie Filme machen, unterscheidet die beiden prägendsten Regisseure des österreichischen Kinos grundsätzlich", erklärte Martin Schweighofer von der AFC. Dass nun beide in den Wettbewerb an der Croisette geladen wurden, ist für Schweighofer "ein Feiertag für den österreichischen Film".

Seidl: "Gibt nichts Besseres"

Ulrich Seidl, nach "Import Export" 2007  erneut im Wettbewerb vertreten,  freut sich über "die höchste Disziplin, die man erreichen kann". Hatte der Regisseur ursprünglich angedacht, seine gesamte "Paradies"-Trilogie in einem Event zu präsentieren, wird nun der erste Teil, "Paradies: Liebe", an der Croisette für sich alleine stehen. Unglücklich gibt er sich darüber keineswegs: "Ich glaube, es gibt nichts Besseres, als wenn eine Trilogie in Cannes im Wettbewerb startet".

In den vergangenen Tagen habe sich bei ihm ohnehin der Wunsch gefestigt, die drei Filme auf diverse Festivals zu verteilen, "weil man dann eine größere Breitenwirkung erzielt, als wenn man alle Filme auf einmal zeigt". Mögliche weitere Stationen seien Venedig, Toronto, Berlin oder San Sebastian. "So werde ich möglicherweise Interessenten und Zuschauer über einen längeren Zeitraum hin beschäftigen, weil die drei Filme innerhalb eines halben Jahres oder länger präsentiert werden", meinte Seidl, "das ist auch von der Vermarktung und vom Vertrieb her vernünftiger." Im Herbst soll vorerst "Paradies: Liebe" im Stadtkino Filmverleih in den österreichischen Kinos starten.

Mit seinen 21 Konkurrenten im Wettbewerbsprogramm habe sich Seidl bisher noch nicht beschäftigt, der Regisseur probt derzeit in München sein Theaterstück "Böse Buben / Fiese Männer", das auf Texten von David Foster Wallace basiert und am 5. Juni bei den Wiener Festwochen Premiere feiert.  Dass mit Hanekes "Amour" nun beide heimischen Beiträge die "Liebe" im Titel tragen, sei "natürlich ein Zufall":  "Ich wusste gar nicht, dass Hanekes Film so heißen soll".

Dass Österreich erstmals doppelt in Cannes vertreten ist, kommentierte Hanekes Produzent Veit Heiduschka  als "äußerst erfreulich". Dies spreche "für die heimischen Filmproduzenten und Regisseure".  (APA, 19.4.2012)

Die Bewerber um die Goldene Palme

- "Amour" von Michael Haneke
- "Paradies: Liebe" von Ulrich Seidl
- "Moonrise Kingdom" von Wes Anderson
- "Holy Motors" von Leos Carax
- "Cosmopolis" von David Cronenberg
- "On the Road" von Walter Salles
- "The Paperboy" von Lee Daniels
- "The Angels' Share" von Ken Loach
- "Killing Them Softly" von Andrew Dominik
- "Reality" von Matteo Garrone
- "Lawless" von John Hillcoat
- "De rouille et d'os" von Jacques Audiard
- "In Another Country" von Sangsoo Hong
- "Taste of Money" von Sangso Im
- "Like Someone in Love" von Abbas Kiarostami
- "Beyond the Hills" von Cristian Mungiu
- "Baad el Mawkeaa (Après la bataille)" von Yousry Nasrallah
- "Mud" von Jeff Nichols
- "Vous n'avez encore rien vu" von Alain Resnais
- "Post tenebras lux" von Carlos Reygadas
- "Jagten (The Hunt)" von Thomas Vinterberg
- "Im Nebel" von Sergei Loznitsa

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