Windows 8 soll iPad in die Schranken weisen

19. April 2012, 11:40
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Noch 32 Windows-Tablets bis Ende 2012 erwartet. Hersteller setzen große Hoffnungen in Wintel

Mit dem Versprechen, ein Jahr der großen Produkte vor sich zu haben, konnte Microsoft seine Anleger seit Anfang des Jahres zufrieden stellen. Doch nun sind alle Augen auf Windows 8 gerichtet. Das Betriebssystem soll einerseits die Vormachtstellung des Konzerns bei PCs und Notebooks zementieren. Rund 90 Prozent aller konventionellen Computer laufen mit Windows. Und andererseits soll Windows 8 mit seinem hybriden Interface, das sowohl für die Maus/Tastatur als auch die Touchscreen-Eingabe ausgelegt ist, den von Apples iPad und Googles Android dominierten Tablet-Markt aufrollen. Vier Versionen für Heimanwender, Unternehmenskunden und Tablet-User werden für einen Start zwischen Oktober und November vorbereitet.

Goldgräberstimmung

Mangels geeigneter Software musste Microsoft die vergangenen Jahre zusehen, wie Apple den boomenden Tablet-Markt eroberte und heute fast zwei Drittel aller verkauften Geräte für sich verbuchen kann. Ebenso aufstrebend sind Hersteller, die auf Googles Mobile-System Android setzen. Zusammen konnten sie bisher knapp ein Drittel der Verkäufe verzeichnen. Die Prognosen der Analysten lassen Goldgräberstimmung aufkommen. Wie das "Wall Street Journal" Marktforscher von Gartner zitiert, soll sich der Tablet-Markt 2012 auf 118,9 Millionen Geräte verdoppeln.

Kritisches Unterfangen

Microsoft braucht daher dringend eine Antwort auf die mobilen Platzhirschen. Nicht zuletzt, weil Tablets dem Kerngeschäft des Softwareherstellers mit PC-Betriebssystemen das Wasser abgräbt. Im vergangenen zweiten Geschäftsquartal fielen die Einnahmen durch Windows-Produkte zum Vergleichszeitraum des Vorjahres um 6,3 Prozent auf 4,7 Milliarden US-Dollar zurück.   

Zwei Faktoren sind kritisch für die Etablierung von Windows 8 als Tablet-System. Zum einen darf sich Microsoft nicht zu lange Zeit lassen, um nicht Gefahr zu laufen, wie bei Smartphones mit Windows Phone eine teure und nach wie vor nicht von Erfolg gekrönte Aufholjagd antreten zu müssen. Zum anderen wird Microsoft von Anfang an mit günstigen Angeboten auf den Breitenmarkt abzielen müssen, um Apples 500 Dollar teures, aber enorm populäres iPad auszustechen.

Anzeichen für einen Knalleffekt

Dass Microsoft sich beiden Herausforderungen stellt, zeigt ein aktueller Bericht des Branchenportals DigiTimes. Taiwanischen Zulieferern zufolge arbeitet der Redmonder Softwarekonzern eng mit Chiphersteller Intel zusammen, um die iPad-Dominanz bis Mitte 2013 von fast 70 Prozent auf unter 50 Prozent zu drücken. Intel setzt derzeit selbst alles daran, um einen Fuß in den Mobile-Sektor zum bekommen. Tablets und Smartphones werden überwiegend mit Prozessoren des britischen Spezialisten ARM ausgestattet, der seine Chip-Architektur an Dritthersteller wie Samsung oder Apple lizenziert.

Zwar wird Windows 8 in der Version "Windows RT" auch ARM-Geräte unterstützen, das Wintel-Duopol wird jedoch versuchen, seine Finanzkraft zu bündeln. Bis Ende 2012 sollen noch 32 Windows-8-Tablets von Hewlett-Packard, Dell, Lenovo, Acer, Asus und Toshiba auf den Markt kommen. Lenovo und Acer wollen der Meldung zufolge den Einstiegspreis für ihre Angebote auf 300 US-Dollar drücken. Top-Modelle dürften mit rund 1.000 Dollar zu Buche schlagen.

Dennoch langsamer Start erwartet

Ob das billig genug ist, um auch die aufblühende Android-Konkurrenz zu bändigen, wird sich zeigen. Tablets mit Google-System wie Amazons Kindle Fire sind bereits für unter 200 Dollar zu haben. Nicht zuletzt deshalb geht Gartner von einem langsamen Windows-8-Start aus. Bis Ende 2012 sollen Tablets mit Windows 8 (mit Intel-Chips) oder Windows RT (mit ARM-Chips) gerade einmal vier Prozent des Marktes erobern.

Hardware-Hersteller sehnen Microsofts Einstieg in das Tablet-Segment trotz möglicher Startschwierigkeiten entgegen. In einem Interview mit dem WebStandard erklärten Samsung-Designer im Rahmen eines Konzernbesuchs Anfang April in Korea, dass man große Erwartungen an die Möglichkeiten des neuen Betriebssystems habe. "Wir setzen große Hoffnungen in Windows 8", sagen Junghwan Hong und Sangwon Yoon, die unter anderem für das Design der Ultrabook-Modelle der "Series 9" und Slate-PCs verantwortlich sind.

Wichtige Anreize

Die rasche Verbreitung von neuer Hardware ist auch deshalb wesentlich für Microsofts Tablet-Zukunft, da Software-Entwickler für die neue Plattform begeistert werden müssen. Windows 8 wird wie iOS und Android für die Touch-Eingabe optimierte Apps unterstützen. Der Aufbau eines florierenden Ökosystems und eines reichhaltigen Angebots an Mini-Programmen hat sich schon bei Smartphones als kritisch für den Erfolg oder Misserfolg von Plattformen erwiesen. Zumindest Windows-8-Tablets basierend auf Intel-Architektur werden immerhin den argumentativen Vorteil haben, dass auch alle aktuellen Windows-Programme auf ihnen laufen - Maus/Tastatur-Eingabe empfohlen.

Die Flexibilität des Systems solle sich nach Vorstellung der Designer auch in der Hardware widerspiegeln. Tablets könnten mit Hilfe von Docking-Stations und "echtem Windows" auch zum Desktop-Ersatz werden. Mit iPads und Android-Tablets ist dies nicht möglich. "Windows 8 wird das Spektrum dramatisch verändern", gibt sich Yoon zuversichtlich. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 19.4.2012)

(Video: Windows 8 am Tablet im Test)

  • Microsoft will mit Windows 8 den Tablet-Markt aufrollen.
    foto: microsoft

    Microsoft will mit Windows 8 den Tablet-Markt aufrollen.

  • Die Samsung-Designer Sangwon Yoon (re.) und Junghwan Hong setzen große Hoffnungen in Windows 8.
    foto: derstandard.at/zsolt wilhelm

    Die Samsung-Designer Sangwon Yoon (re.) und Junghwan Hong setzen große Hoffnungen in Windows 8.

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