Langstreckenrakete absolviert Erstflug

19. April 2012, 15:26
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Reichweite über 5.000 Kilometer - "Agni 5" kann von mobiler Abschussrampe aus starten

Bhubaneswar/Neu Delhi - Indien hat am Donnerstag eine neue atomwaffenfähige Langstreckenrakete getestet. Die 17 Meter lange und 50 Tonnen schwere Rakete vom Typ Agni V mit einer Reichweite von mehr als 5.000 Kilometern sei um 8.05 Uhr Ortszeit (4.35 MESZ) von dem Testgelände Wheeler's Island vor der Küste des östlichen Bundesstaates Orissa abgefeuert worden, hieß es aus Militärkreisen. Damit könnte sie ganz China sowie theoretisch auch Ziele in Europa und im Nahen Osten erreichen.

Der Test sei "ein hundertprozentiger Erfolg" gewesen, sagte ein Sprecher der zuständigen Behörde des Verteidigungsministeriums (DRDO), die die Agni V entwickelt hat. "Alle Ziele und Parameter der Mission sind erreicht worden."

Ein erfolgreicher Test wäre ein bedeutender Fortschritt für die Atommacht Indien, die derzeit massiv in Rüstung und die Modernisierung ihrer Streitkräfte investiert, insbesondere angesichts der technologisch fortgeschrittenen Raketensysteme Chinas. Bisher verfügen nach gesicherten Erkenntnissen nur die fünf ständigen Mitglieder des UNO-Sicherheitsrats, China, Großbritannien, Frankreich, Russland und die USA über ausgewiesene ballistische Interkontinentalraketen (ICBM). Vergangene Woche hatte ein gescheiterter Raketentest Nordkoreas für internationale Aufregung gesorgt. Anders als das kommunistische Land in Ostasien gilt Indien als größte Demokratie der Welt als berechenbarer und verantwortungsvoller Staat.

"Abschreckung und Verteidigung"

Indien verfolgt keine Erstschlag-Doktrin und betont stets, die Atomwaffen dienten nur der Abschreckung und Verteidigung. Das Raketenprogramm wird vor allem mit der möglichen Bedrohung durch China begründet. Bisher war die Reichweite der leistungsstärksten indischen Raketen (Agni III und Agni IV) auf 3.500 Kilometer beschränkt. Damit war bereits das gesamte benachbarte Pakistan abgedeckt, das ebenfalls über Atomwaffen verfügt. Die Erzfeinde Indien und Pakistan haben seit ihrer Unabhängigkeit 1947 drei Kriege gegeneinander geführt.

Die Agni V muss nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Neu Delhi mindestens viermal erfolgreich getestet werden, bevor sie voraussichtlich 2014 oder 2015 an die Streitkräfte übergeben werden kann . Die feststoffgetriebene Dreistufenrakete ist 17 Meter lang und 50 Tonnen schwer und kann mehrere Nuklearsprengköpfe mit einem Gesamtgewicht von eineinhalb Tonnen tragen. Ihre Entwicklung kostete umgerechnet rund 370 Millionen Euro.

Da die Rakete auch von einer mobilen Startrampe aus abgefeuert werden kann, eignet sie sich für Vergeltungsschläge nach einem nuklearen Angriff, der auf die Ausschaltung stationärer Abschussrampen, deren Standorte bekannt sind, zielen würde.

Nato sieht keine Bedrohung

Anders als bei dem in der vergangenen Woche missglückten Raketentest Nordkoreas blieb diesmal scharfe internationale Kritik aus. Denn Indiens Programm wird vom Westen zumeist stillschweigend gebilligt, obwohl das Land nicht dem Atomwaffensperrvertrag beigetreten ist. Erst am Mittwoch hatte die Nato erklärt, dass von Indien, das dank seiner boomenden Wirtschaft auch im Kreis der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) immer mehr an Bedeutung gewinnt, keine Gefahr ausgehe. Die US-Regierung äußerte sich ähnlich und forderte Indien lediglich zu Zurückhaltung auf.

Pakistan reagierte zunächst nicht auf das indische Muskelspiel. Indien und Pakistan haben seit der Unabhängigkeit von Großbritannien drei Kriege geführt. Selbst China äußerte sich moderat. Beide Länder sollten an einer freundschaftlichen, strategischen Kooperation arbeiten, um gemeinsam Frieden und Stabilität in der Region zu sichern. "China und Indien sind große Schwellenländer. Wir sind keine Konkurrenten sondern Partner", sagte ein Sprecher des Außenministeriums in Peking.

Ein Kommentar in der nationalistischen Zeitung "Global Times", die dem kommunistischen Parteiorgan "Renmin Ribao" ("Volkszeitung") gehört, schlug aber deutlich härtere Töne an: "Indien sollte seine Stärke nicht überschätzen", hieß es darin. "Selbst wenn sie eine Rakete haben, die fast alle Teile Chinas erreicht, heißt das nicht, dass sie etwas gewinnen, wenn sie in Streitigkeiten mit China arrogant auftreten."

Einem Bericht des staatlichen Fernsehsenders CCTV zufolge bestehen aber Zweifel an der Transportfähigkeit der "Agni 5", weil die Rakete über 50 Tonnen wiegt.

Grenzkrieg 1962

Indien und China haben 1962 einen Grenzkrieg geführt. Zwar haben sich die Beziehungen mit wachsender wirtschaftlicher Zusammenarbeit verbessert, es kommt aber immer wieder zu Spannungen. Beide Länder haben ihre Budgets für Militärausgaben zuletzt erhöht: China um fast elf Prozent auf 106 Milliarden Dollar, Indien um 17 Prozent auf mehr als 40 Milliarden Dollar (30,5 Milliarden Euro). Bei Waffenkäufen im Ausland liegt Indien mittlerweile auf dem ersten Platz.  (APA/Reuters/red, derStandard.at, 19.4.2012)

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    Die Agni-V soll über 5.000 Kilometer weit fliegen.

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    Die Rakete wurde von Wheeler Island aus gestartet, im indischen Staat Odisha.

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