"Journalismus ist immer in der Krise"

9. April 2004, 16:03
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Hubert Feichtlbauer, ehemaliger Chefredakteur von "Kurier" und "Furche", über eitle Kollegen, wilde G’schichten und das journalistische Vorbild USA

Selbstdarstellung ist nicht das Metier von Hubert Feichtlbauer. Er sähe sich als "Older Writer" und nicht als "Elder Statesman", meinte er – und persiflierte damit das honorige Motto einer Veranstaltungsreihe des Wiener Publizistik-Instituts, bei dem Kapazunder der österreichischen Zeitungslandschaft Stellung zur Lage des Journalismus nehmen.

Aufbauschen der Sprache

Die übertriebene Selbstdarstellung der Journalisten sei ihm ohnehin ein Dorn im Auge: "Heute ist jede Kurznachricht namentlich gezeichnet. Dadurch haben die Autoren einen Ruf zu verlieren und greifen zu immer originelleren Formulierungen und wilderen G’schichten" führte der ehemalige Chefredakteur von "Furche" und "Kurier" aus. Das führe zum Aufbauschen der Sprache: "Es gibt keine Niederlage mehr sondern nur mehr Debakel. Jede schwierige Situation wird gleich zur Krise."

Und auch die Beschaffungsmethoden würden bedenklicher, so Feichtlbauer. Wenn sich „profil“-Journalisten – wie in der Groer-Affäre – in den Beichtstuhl setzen oder Boulevard-Kollegen als Handwerker getarnt die Klestil-Villa inspizieren, verstoße das gegen das journalistische Ethos. Denn: "Der Zweck heiligt nicht die Mittel."

"Viele Verbesserungen"

Ein allzu düsteres Bild zeichnet Buchautor Feichtlbauer jedoch nicht. Journalismus sei immer in der Krise, relativiert er. Außerdem gebe es auch viele Verbesserungen: "Die Wirtschaftsberichterstattung orientiert sich viel mehr am Konsumenten. Es gibt eigene Medienseiten in den Zeitungen. Das war früher ein Tabu, genauso wie die Kirche und die Gewerkschaft."

Was ihm missfalle, sei hingegen der Trend zur Personalisierung in der Berichterstattung. Das gehe soweit, dass "die Pensionsreform zur Frage degradiert wird: Hat Herr Neugebauer richtig gehandelt oder nicht?" Wichtige sachpolitische Fakten fielen dabei unter den Tisch.

Medienkonzentration

Zur Pressekonzentration in Österreich findet Feichtlbauer deutliche Worte: "Da haben alle versagt. Es sollte nicht nur der Armin Thurnher dagegen schreiben." Wichtig sei aber auch ein hinterfragender Konsument. Daher müsse Medienpädagogik Eingang in die Unterrichtspläne finden.

Seine (journalistische) Schule absolvierte der gebürtige Oberösterreicher übrigens in den USA. Ein "Durcheinandermantschen" von Nachricht und Meinung sei dort verpönt. Überhaupt habe er sehr profitiert von diesem Aufenthalt. Halb Staatsmann, halb kritischer "Writer" setzt er nach: "Es hat 50 Jahre gebraucht, bis ich eine amerikanische Regierung verteufelt habe."

Ansichtssache

"Elder Statesmen"
13. Juni: Hubert Feichtlbauer


Von Stefan Hackl.

Der Autor ist Teilnehmer der Lehrveranstaltung "Elder Statesmen" am Institut für Publizistik- und Kommunikations- wissenschaft.
  • Artikelbild
    foto: alina weidmann
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