"Wie mit einem kleinen Boot im Pazifik"

17. Juni 2003, 21:30
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Algeriens Staatschef tadelt beim Wien-Besuch die österreichischen Sahara-Touristen

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Wahrscheinlich hätte Abdelaziz Bouteflika noch einiges zu sagen gehabt. Wie er den Nahostkonflikt sieht z. B. oder den so massiv gewachsenen Einfluss der USA in der arabischen Welt, vielleicht hätte der algerische Staatspräsident auch die Befriedung seines eigenen Landes erläutern wollen, die er nach seiner Wahl 1999 einleitete.

Doch der 66-jährige Bouteflika, ein exzellenter Redner, hat nicht mit dem eilfertigen Protokoll der Hofburg gerechnet, das ihm am Dienstag das Wort abschnitt und den überraschten Staatsgast in eine Ecke des Maria-Theresien-Zimmers weiterschob, wo er bei der Unterzeichnung zweier Regierungsabkommen assistieren sollte.

Zumindest eine allgemeine Botschaft konnte Bouteflika aber bei seinem zweitägigen Staatsbesuch in Österreich - dem ersten eines algerischen Staatschefs seit der Unabhängigkeit des Landes von Frankreich 1962 - loswerden: Die wochenlange Geiselnahme und später geglückte Befreiung von zehn österreichischen Sahara-Touristen, "so schmerzhaft und prüfend diese Erfahrung auch war", habe gezeigt, dass der Terrorismus keine Grenzen kenne und gemeinsam bekämpft werden müsse.

Bouteflika versicherte zudem, dass die 15 mehrheitlich deutschen Touristen, die derzeit noch festgehalten werden, am Leben seien. Gemeinsam mit Deutschland unternehme Algerien alles, um ein friedliches Ende zu erreichen. Er sei sogar bereit, den Geiselnehmern freies Geleit zu gewähren, wenn sie die Touristen freiließen, erklärte Bouteflika, nicht ohne hinzuzufügen, dass sich beide Touristengruppen - die Österreicher wie die Deutschen - auf "nicht sehr orthodoxe Weise" ohne Reiseagentur und Führer in die Wüste gewagt hätten wie jemand, "der ein kleines Boot nimmt und sich in den Atlantik oder den Pazifik stürzt".

FIS-Chefs kommen frei

Nicht erst seit den Geiselnahmen dieses Jahres, die Algier der islamischen Untergrundgruppe GSPC zurechnet, erfreut sich das nordafrikanische Land großer Aufmerksamkeit der USA und der Nato und lässt sich nur allzu gern in den weltweiten Antiterrorkampf einbinden. Für die nunmehr wieder regierende frühere Einheitspartei FLN, der auch Bouteflika angehört, und Algeriens Militär ist dies eine späte Genugtuung: Sie hatten 1991 die Parlamentswahlen abgebrochen und den Ausnahmezustand verhängt, als sich ein Sieg der Islamischen Heilsfront FIS abzeichnete; im folgenden Bürgerkrieg mit den Islamisten musste das Militär für seine mitunter undurchsichtige Rolle internationale Kritik einstecken. Heute betonen Armee und Politiker die Verbindungen der algerischen Islamisten zu Al-Kaida und rechtfertigen damit indirekt Übergriffe auf Zivilisten in den 90er-Jahren.

Bouteflikas "Versöhnungspakt", der Terroristen eine Amnestie garantierte und die sich zum Teil gegenseitig bekämpfenden Untergrundarmeen weiter schwächte, wird nun auf die Probe gestellt. Am 2. Juli sollen die zwei Führer der offiziell aufgelösten Islamischen Heilsfront aus dem Gefängnis kommen. Der heute 72-jährige Abassi Madani und sein Stellvertreter Ali Benhadj haben dann eine zwölfjährige Haftstrafe verbüßt.

Dass die Machthaber im Land im letzten Moment noch einen Vorwand finden, um die beiden Islamisten im Gefängnis zu lassen, scheint noch unwahrscheinlich, selbst Armeechef Mohamed Lamari sprach sich für die Freilassung aus. Madani aber machte in einem langen Interview, das der FIS auf seiner Webseite verbreitet, bereits klar, dass er nicht den Mund halten wird. Auch die bewaffneten Islamisten sind weiter aktiv: Bei zwei Anschlägen in der Kabylei am Sonntag starben vier Polizisten und ein Zivilist. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.6.2003)

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