Tiroler Funktionär mit Skandalerfahrung

Kopf des Tages18. April 2012, 20:01
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Der Autoliebhaber Bodenseer trat zumindest einen Tag lang für die Todesstrafe bei Kinderschändern ein

Ein typischer Bodenseer, heißt es hinter vorgehaltener Hand missmutig aus der Tiroler Volkspartei. Die Forderung nach Wiedereinführung der Todesstrafe für Kinderschänder oder den norwegischen Attentäter Anders Breivik auf Facebook gilt nicht als einzige umstrittene Aussage oder Tat des umtriebigen Tiroler Wirtschaftskammerobmanns Jürgen Bodenseer. In einem ihm zugeschriebenen Posting im Onlineforum der "Tiroler Tageszeitung" bedauerte er inzwischen die ausgelöste Irritation. Er habe sich "durch die aktuelle Berichterstattung zu dieser Äußerung hinreißen lassen, die sicherlich zu weit gegangen ist".

Ende vergangenen Jahres wurde etwa bekannt, dass der Autoliebhaber Bodenseer seinen Ferrari 458 Italia mit 570 PS zum Kostenpunkt von etwa 200.000 Euro steuerschonend mit Liechtensteiner Kennzeichen fährt. Seine Begründung: Immerhin sei er mit dem Ferrari ja auch für seine Firma in Liechtenstein unterwegs. Mittlerweile zahlt er aber.

Auch der Rechnungshof hatte den Wirtschaftskammerboss bereits im Visier. Der Kauf von Stühlen für die Kammer und massive Kostenüberschreitungen beim Ausbau der Bezirksstelle Kitzbühel hatten den Unmut der Prüfer erregt. So soll es ein privates Schreiben von Bodenseer an eine italienische Möbelfirma geben, ob der Bezug der Möbel auch - eventuell günstiger - über Liechtenstein erfolgen könne. Seine Begründung damals: Er habe nur prüfen wollen, ob die Kammer die Sessel auch zu branchenüblichen und nicht zu überhöhten Preisen kaufe.

Der 65-Jährige, der insgesamt sechs Kinder hat, beschreibt sich selbst als ehrlich, bodenständig und innovativ. Im Wirtschaftsbund ist er seit Studienzeiten aktiv, 2004 wurde er zum Präsidenten der Tiroler Wirtschaftskammer gewählt. Von 1994 bis 1999 saß der Unternehmer - er vertreibt unter anderem Kleider und hat etliche Firmen - im Landtag. Sein Mandat musste er 2005 zurücklegen, da die Funktion eines Kammerpräsidenten mit einem Landtagsmandat nicht vereinbar ist.

Anfang der Woche wurde Bodenseer mit 94,3 Prozent zum fünften Mal zum Obmann des Tiroler Wirtschaftsbunds gewählt. Einen Gegenkandidaten hatte er nicht. Ursprünglich hatte Franz Hörl, ebenfalls streitbarer Politiker, gegen ihn antreten wollen. Mittlerweile ist Hörl aber als Bodenseers Stellvertreter im Wirtschaftsbund zurückgetreten. (Verena Langegger, DER STANDARD, 19.4.2012)

  • Jürgen Bodenseer ist für die Todesstrafe für Kinderschänder.
    foto: wirtschaftskammer tirol

    Jürgen Bodenseer ist für die Todesstrafe für Kinderschänder.

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