Museum Wien

Kolumne | Barbara Coudenhove-Kalergi, 18. April 2012, 18:32

Wien ist schön, reich, sicher und hat eine funktionierende Infrastruktur, nur sollte "die Seele der Stadt nicht verkauft werden"

"You don't have to live here to love Vienna." Ein großes Plakat an einem frischrenovierten Haus in der Inneren Stadt. Man kann hier sündteure Luxuswohnungen kaufen, und wer die Zielgruppe ist, geht schon aus der Werbebotschaft hervor: reiche Ausländer, die nicht hier leben wollen, sondern eine gute Kapitalanlage suchen.

Angebote wie dieses gibt es derzeit nicht wenige in Wien. Manche Urbanisten finden diesen Trend problematisch. Und der verstorbene tschechische Präsident Václav Havel sagte zu der gleichen Entwicklung in seiner Heimatstadt Prag: Eine Stadt verkauft ihre Seele.

Wien ist schön, reich, sicher und hat eine funktionierende Infrastruktur. Grund genug für Menschen, die aus weniger gesegneten Gegenden kommen und es sich leisten können, sich hier anzukaufen. Die Immobilienmakler verzeichnen einen Boom: 500 Prozent Steigerungsraten bei den Preisen für gute Objekte in den letzten zehn Jahren, Quadratmeterpreise um die 25.000 Euro.

Kürzlich wurde eine schöne Stadtwohnung um acht Millionen Euro verkauft, eine andere um 20.000 pro Monat vermietet. Viele Interessenten kommen aus Russland. Na und? Was soll an all dem schlecht sein?

Gentrification

Wenn man andere europäische Großstädte als Beispiel nimmt, so bewirkt eine solche Preissteigerung bei Immobilien eine schleichende Veränderung der Bevölkerungsstruktur und Hand in Hand damit eine Veränderung der Atmosphäre in der Stadt. Wenn Slumbezirke von jungen Familien als attraktive Wohngegenden entdeckt werden, nennt man das Gentrification. Die armen Leute ziehen weg, meist weiter hinaus in die Vorstädte, aufstiegsorientierte Mittelständler ziehen ein.

Wenn Innenstädte zu Luxusoasen werden, bedeutet das ebenfalls einen allmählichen Bevölkerungsaustausch. Die Bürger, die dem Hauptstadtkern jahrzehnte-, wenn nicht jahrhundertelang ihr Gepräge gegeben haben, werden hinausgelockt, hinausgedrängt, hinausgekauft. Ihre Stelle nehmen Menschen ein, die entweder gar nicht oder nur ein paar Wochen im Jahr hier leben und wenig Beziehung zu ihrer Umgebung haben. Sie teilen sich das Stadtzentrum mit den Touristenmassen, für die derzeit ebenfalls immer neue Hotels gebaut werden. Wenn das so weitergeht, könnte Wien eines Tages das werden, was Venedig und Prag schon sind: eher Museum als lebendige Stadt.

Geld verdrängt Geist

Das geistige Leben einer Metropole hängt von ihren Bewohnern ab. Künstler, Autoren, Intellektuelle drängen dorthin, wo die Wohnungspreise noch leistbar sind. Nicht zuletzt diesem Umstand ist in jüngerer Zeit der Aufstieg von Berlin als angesagter Stadt zu verdanken und der relative Abstieg von London und Paris. Geld verdrängt Geist.

Wien hat in dieser Hinsicht immer noch hervorragende Karten. Kleingeisterei und Provinzialismus sind Hemmschuhe, aber es gibt immer noch eine pulsierende Innenstadtszene, gute Beisln und Kaffeehäuser und zufriedene Bewohner. Alles zusammen ergibt Lebensqualität. Wir sollten sie zu schätzen wissen und sie nicht, gebannt von den Geldströmen zahlungskräftiger Investoren, leichtfertig aufs Spiel setzen. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 19.4.2012)

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Was ist schlecht daran wenn der 2. Bezirk, der 16., 15. usw. "gut" werden?

Bin gestern seit langem wieder einmal zwischen Dornerplatz und Elterleinplatz unterwegs gewesen. Eigentlich eine herzige Gegend, fast dörflich-kleinstädtisch mit vielen niedrigen zweistöckigen Häusern... Wird auch einmal was werden dort. Eine Stadt soll sich ruhig verdichten und "besser" werden. Die Alternative wäre Suburbia: die Reichen und die, die es sich gerade noch leisten können, siedeln weit draussen und die Innenviertel veröden. In Amerika findet Gentrification auf diese Weise draussen statt, bei uns innen. Aber Fakt ist, das sie stattfinden muss. Die Alternative wäre nur der allgemeine Niedergang. Wollen wir den?

Als Linzer kan ich natürlich nur

von aussen beobachten. Aber ich sehe das wie "Bettler" wenn auch nicht so pointiert.

Die Entwicklung neuer Zentren von Kreativität, Fun, ... sind erfreulich. Und korrekt, "weiter draussen" gibt es in Wien Spannendes.

London hat auch nicht geschadet, dass die City ein Business Museum und Westminster ein Touristenmuseum ist?

Was sich in letzter Zeit zB so rund um den Spitalsfieldmarket oder den Hoxton Square entwickelt ...

Was wirklich schade ist die Verdrängung der finanziell Flacheren in Down Bezirke. Das ist korrekt.

Ein über 65jähriger,

...

ich seh den unterschied zum posten nicht.

Grüß Gott, schön!

Hier furzt wieder einmal der 1. Bezirk in den Kaffeehauspolster des Bräunerhofs, aber das wilde Wienleben des 21. Jahrhunderts spielt sich nun mal in zweistelligen Bezirken ab. Pech gehabt.

Das stimmt leider, nur wie will man den Verkauf von Immobilien an die Meistbietenden verhindern??

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