Forderung nach anonymen Bewerbungen

Oliver Mark, 18. April 2012, 18:01
  • Aus den Bewerbungsunterlagen sollen keine personenbezogenen Daten hervorgehen.
    foto: sascha hübers/pixelio.de

    Aus den Bewerbungsunterlagen sollen keine personenbezogenen Daten hervorgehen.

SOS Mitmensch plädiert für eine gesetzliche Verpflichtung in Österreich - Positive Ergebnisse nach Pilotprojekt in Deutschland

"Bis Ende 2012 sollte es im öffentlichen Dienst möglich sein. Ein, zwei Jahre später auch im privaten Bereich." SOS Mitmensch fordert in einer Aussendung die Einführung anonymisierter Bewerbungsverfahren. Zuerst schrittweise, dann flächendeckend in ganz Österreich, wie Alexander Pollak von SOS Mitmensch gegenüber derStandard.at präzisiert. Als Vorbild dient ein Pilotprojekt in Deutschland, die Ergebnisse wurden am Dienstag präsentiert.

Keine personenbezogenen Daten

Um Diskriminierungsmechanismen zu vermeiden, solle der Lebenslauf um die Angaben Alter, Name, Geschlecht und Staatsangehörigkeit bereinigt werden, erklärt Pollak. In den Unterlagen dürfe auch kein Foto dabei sein. Der Anlass für den Vorstoß ist ein Projekt in Deutschland, das gezeigt habe, dass von anonymen Bewerbungen bestimmte Gruppen profitieren. Laut Bilanz der Initiatoren sind das etwa jüngere Frauen, die bereits Berufserfahrung haben und zum Beispiel wegen eines möglichen Kinderwunsches bislang schlechtere Karten hatten. Genauso wie Leute mit Migrationshintergrund.

Laut einer deutschen Studie sind Benachteiligungen aufgrund von Namen keine Seltenheit. Bei gleicher Qualifikation erhielten Bewerber mit türkisch klingenden Namen 14 Prozent weniger positive Antworten, bei kleinen Unternehmen sanken die Chancen sogar um 24 Prozent. Mit Hilfe von anonymen Bewerbungsverfahren könnten genau solche Diskriminierungen verhindert werden. Einladungen zu Vorstellungsgesprächen würden rein nach der tatsächlichen Qualifikation ausgesprochen, meint Pollak. Wie es etwa vor allem im englischsprachigen Raum schon seit Jahren vorexerziert wird, und: "Bei persönlichen Gesprächen greifen dann die Vorurteile nicht mehr so leicht." Kandidaten könnten mit ihrer Kompetenz überzeugen.

"Anonymisierung wirkt"

Am Modellprojekt in Deutschland nahmen halböffentliche und private Unternehmen wie Deutsche Post, Deutsche Telekom, Procter & Gamble teil, öffentliche Stellen wie Ministerien waren auch an Bord. Insgesamt wurden über 8.500 Bewerbungen anonymisiert eingesehen, 246 Stellen wurden besetzt. Die Untersuchung ist nicht repräsentativ, die Initiatoren sprechen aber von einem vollen Erfolg: "Anonymisierung wirkt. Sie stellt Chancengleichheit her und macht Bewerbungsverfahren fairer. Und: Weitere Unternehmen und Personaler beginnen jetzt, ihren bisherigen, traditionellen Ansatz zu überdenken. Das ist ein gutes Signal für eine neue Bewerbungskultur in Deutschland", sagt Christine Lüders in einer Aussendung. Sie verantwortete das Projekt als Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS).

Zum Einsatz kamen vier Varianten der Anonymisierung. Elektronisch ein standardisiertes Bewerbungsformular, das via Internet heruntergeladen werden konnte und ein Online-System, das die Daten eliminierte. Manuell wurden die Bewerberdaten in eine Tabelle übertragen und die Angaben direkt in den Unterlagen schwarz gefärbt. Einige Projektpartner wollen nach dem Testlauf auch in Zukunft auf teil- oder vollanonymisierte Bewerbungsverfahren setzen, heißt es.

Gesetzliche Verankerung

In Österreich ist ein erster Versuch in Tirol geplant, derStandard.at berichtete. SOS Mitmensch will in den nächsten Wochen Gespräche mit Vertretern aus dem Sozial- und Wirtschaftsministerium und mit Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek führen. Ein Leitfaden soll erarbeitet werden. Der öffentliche Sektor müsse die Vorreiterrolle einnehmen, sagt Pollak. Im nächsten Schritt wünscht er sich eine gesetzliche Verpflichtung für größere und mittlere Unternehmen. Langfristig sollen auch kleinere Firmen in die Pflicht genommen werden: "Das ist umsetzbar." Die deutsche Studie habe gezeigt, dass ein anonymes Prozedere keinen Mehraufwand bedeute, so Pollak. (om, derStandard.at, 18.4.2012)

Nachlese
Anonyme Bewerbungen gegen Diskriminierung - Integrationsfonds startet Projekt in Tirol

Link zum deutschen Pilotprojekt
www.antidiskriminierungsstelle.de

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ich bin dafür, dass zukünftig auch die Informationen zur Ausbildung anonymisiert werden. Ich finde es unsäglich, dass Menschen bei ihrer Bewerbung fürs gehobene Management aufgrund ihres nicht vollendeten Hauptschulabschlusses diskriminiert werden.

unmenschlicher Vorschlag von SOS "Mitmensch"

Rekrutierung heisst jemanden zu finden, der einen Job machen kann. Qualifikation ist eines von mehreren Kriterien. Indem man persönliche Informationen verbietet, reduziert sich die Erstauswahl auf unpersönliche Fakten. Das benachteiligt Leute, die keinen perfekten Lebenslauf haben. Lange Krankheit, zweiter Bildungsweg, etc.
Der Vorschlag ist einfach nur unmenschlich und ein weitere Schritt den Mensch zur anonymen Arbeitsresource zu machen. SOS Mitmensch macht sich hier zum naiven Verbündeten von globalen Konzernen und von ausbeuterischen Finanzinvestoren.

Ich verstehe die Argumentation nicht ganz, man gibt doch weiterhin den Bildungsweg an so zB auch den zweiten und hatte man eine lange Krankheit und will das in seinen Lebenslauf schreiben, kann man da weiterhin tun... von daher... weg gelassen sollte ja nur das werden was diskriminierend wirken könnte...

Im Sinne größerer Gerechtigkeit wäre es sinnvoll,

dass jegliche Personalentscheidung einer Firma durch das neu zu schaffende Bundesministerium für Objektivität, Gleichheit und Gerechtigkeit getroffen wird.

Aha.

Wenn man dann zB eine Initiativbewerbung ausschickt, muss die dann auch entweder anonymisiert sein (was ich mir ziemlich umsonst vorstell) oder sie ist dann halt illegal?

Ehrlich gesagt überfordert mich die Vorstellung, dass es Unrecht wäre, meinen eigenen Namen zu verwenden, grade etwas.

Ist doch eh logisch einfach hinschicken ohne Namen und Adresse ist ja sicher beides diskriminierend und dann wundern wenn man keine Antwort bekommt.

Wir brauchen dringend ein neues Gesetz das Firmen vorschreibt, dass die antworten müssen.

was soll das bringen ...

- dann hat man erstens noch mehr bewerbungen
- wird IMMER nach sympathie oder kompatibilität entschieden und nicht nach Ausbildungsdaten oder gar Noten
- der Mensch zählt durch diese Methode eigentlich noch weniger als vorher und wird dann wirklich wie eine Nummer behandelt

ad 1) bewerben sollte man sich immer anhand der qualifikation, daher sollte die bewerberanzahl gleich bleiben.
ad 2) es wird vermehrt nach Ausbildungsdaten/Noten entschieden, denn danach wählt man aus wen man zum Bewerbungsgespräch einlädt und läuft als Personaler nicht Gefahr zB Sebrische Staatsbürger sofort dshalb zu eliminieren, wenn sie die selbe Ausbildung vorweisen
ad 3) der Mensch hat bisher leider genau dann nicht mehr gezählt, wenn die Staatsbürgerschaft oder die Hautfarbe, das Geschlecht etc. mehr gezählt haben als Ausbildungsdaten und so gar keine Chance auf ein Bewerbungsgespräch bekommen, daher würde ich das nicht bestätigen

der grundirrtum ist zu glauben

dass auch nur ein einziger bewerber mehr wirklich zum entscheidungsträger vordringt, bevor die nicht angegebenen daten vorhanden sind. ausnahme: minibetriebe, wo alles "vom chef persönlich" wahrgenommen wird.

da wird es eben ein gespräch vor dem gespräch geben - mit einem berater oder irgendeinem subalternen, der das klärt - und der akt ist vollständig. die idee ist völlig weltfremd.

Richtig.
Irgendwelche Berater hatten eine glänzende und pc Idee.
Und nun benötigen die Firmen, die sich darauf einlassen (müssen) Berater, die für diese Bewerbungsverfahren die Firmen beraten, die Bewerber beraten, die Aufsichtsbehörden beraten und schließlich in den Verfahren die Bewerbungen so vorsortieren, dass die Personalabteilung wieder etwas damit anfangen kann, so wie früher ohne diese ganze Aktion.
Das nennt man kreative Arbeitsbeschaffung.

Gute Idee

Theoretisch eine Gute Idee. Dennoch werde ich niemals einen Posten nur anhand einer anonymen Bewerbung vergeben. Fehlt die Sympatie oder ist der Bewerber einfach unmöglich, dann hilft alles nichts, denn außer Qualifikation muss eine Person auch in ein Team passen, das zählt viel mehr, somit ist oft Alter, Geschlecht und Verhalten wichtiger als die Qualifikation.

Alter und Geschlecht? Was sind das für Teams?
Verhalten: Das Vorstellungsgespräch will Ihnen ja keineR verbeiten.

In meinem Spital in Glasgow gibt es seit 2 jahren

anonyme Bewerbungen fuer alles Personal. Funktioniert bis dato gut.

Probleme des englischen Systems

"Wie es etwa vor allem im englischsprachigen Raum schon seit Jahren vorexerziert wird"

Ganz so ist es auch nicht: In England gibt es zwar kein Foto, kein Geburtsdatum und kein Alter. Auch keine Staatsbürgerschaft.

Dafür sehr wohl einen Namen und eine "Arbeitsberechtigung in der EU".

Dieses auch noch zu anonymisieren wäre wohl ziemlich kontraproduktiv! Und das man in Amerika nicht nach der Green Card fragt, ist auch noch nie vorgekommen.

Englische Firmen (und sicher auch die Amerikaner) lösen das Problem dadurch, dass sie Headhunters die Vorauswahl treffen lassen. Bis die Personalchefin die Unterlagen in der Hand hat, sind die schon lang vom Headhunter vervollständigt worden.

Ich halte das für eine gute Idee. Weil wenn dann eine Firma wieder ihren weißen Elefanten sucht (Akademiker, 10 Jahre Berufserfahrung, x Qualifikationen) und es sitzen dann plötzlich nur noch Leute mit 40+ Jahren vor ihnen setzt vielleicht auch entweder ein Umdenken mit den Anforderungen oder eine andere Moral beim Einstellen von Leuten mittleren Alters ein.

Die sitzen dann nicht vor dem Entscheider, sondern vor dem Sachbearbeiter der die Aufgabe hat nach vorgegebenen Kriterien zu filtern und 2-5 Kandidaten auszuwählen, die dann in den eigentlichen Bewerbungsprozess an die Personalisten uind Vorgesetzten herangelassen werden.

Alternaitv werden - so wie bisher - Personalberater / HZeadhunter beauftragt, die dann filtern und 3 Kandidaten bringen.

Aber einen Versuch könnte es wert sein, wenn es auch real nur eine Runde mehr für alle Bewerber bedeuten wird.

"um die Angaben Alter, Name, Geschlecht und Staatsangehörigkeit bereinigt werden"

Und weiter?

Das Alter ist aus dem Karriereverlauf ableitbar, das Geschlecht zB aus Angaben über Präsenzdienst, Karenz (ja ich weiß schon, theoretisch nicht immer), etc.

Und spätestens beim Bewerbungsgespräch ist das alles sowieso evident.

Typischer Fall von "gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht" bzw. Beschäftigungstherapie für Soziologen, Genderwissenschaftlern, ...

Für jene, die es nicht kapiert haben

Es geht nur darum, dass jemand aufgrund seiner Qualifikation zum Gespräch eingeladen wird - oder eben nicht. Und nicht schon vorher ausgesiebt wird wegen bestimmter Kriterien.

Beim Gespräch kommt nona alles zutage, aber beim persönlichen Kennenlernen werden die Karten neu gemischt.

Träumen Sie weiter...

"Zum Gespräch" werden' schon eingeladen.

Fragich ist aber, ob's zum Gespräch beim Entscheider eingeladen werden. Die schauen sich üblicherweise 3 bis 5 vorgefilterte Kandidaten an.

Keep dreaming...

wirklichkeitsfremde einschätzung des potentiellen effekts

ja, man würde dann mehr gespräche machen müssen.

aber: wenn die sache beginnt, aufwand zu machen, wird das erstgespräch eben der bürodiener machen mit dem ausschließlichen auftrag, die fehlenden angaben durch in-augenschein-nahme des anonymums zu ergänzen.

Wie und warum

Wo ist der Mehraufwand? Wenn ich - Hausnummer - fünf qualifizierte Leute zum Gespräch einlade?

Warum sollte es eine Vorselektion geben, wo der Chef in Richtung Handlanger sagt: "Bitte keine MigrantInnen, nur Hübsche im Alter von 35-45"???

so sieht heute die Arbeitswelt aus

Aufgrund Ihrer Postings kann ich nur annehmen,dass die Tage Ihrer Berufstätigkeit schon länger vorbei sind.Heute bekommen nur mehr "Idealkandidaten" den Job und die sind im Normalfall maximal 35,haben zumindest 2 Titel und zumindest ein Auslandssemester,arbeiten all inklusive und das um nicht mehr als 2.500,--brutto mnt.Familie wird nur akzeptiert,wenn zumindest eine Armada an Hilfspersonal nachweislich abrufbar ist und bitte auf keinen Fall exotisch klingende Namen,sichtbare körperliche Makel wie Übergewicht,Augenringe usw.Arztbesuche u.Behördenwege sollten für die nächsten 10 Jahre nicht geplant sein und Urlaub nur wenn Sie Ihren unmittelbaren psychischen und physischen Zusammenbruch durch zumindest zwei ärztl.Gutachten nachweisen können.

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