Papierne Prügelknaben

18. April 2012, 17:45
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Viktors Svikis in der Galerie Michaela Stock

Wien - Zarte Kugelschreiberstriche auf zerfetztem Papier: Die Gegensätze zwischen fragilem Medium und seinen gerissenen, verletzten Kanten, zwischen dem behutsamen, geradezu meditativen Stricheln des Schreibstifts und der plötzlich hervorbrechenden Aggression der Motive sorgen in Viktors Svikis' Zeichnungen für Spannung. Eine faszinierende Kraft geht von ihnen aus - sind sie doch anziehend und abstoßend zugleich: Die taktilen Reize des Papiers und der Nägelchen, mit denen die ungerahmten, verschiedenformatigen Blätter an die Wand geheftet sind, ziehen den Betrachter heran.

Die Szenen selbst - Gedemütigte, Getretene, Verletzungen und Tatortskizzen - verleiten allerdings eher zum Abwenden des Blicks. Es sind Momentaufnahmen - kleine, nicht zwingend zusammenhängende Realitätssplitter -, die der 1978 in Riga geborene Künstler in der Schau Realitätsprinzip verbunden hat: Die Hängung in der Galerie Michaela Stock fasst die flüchtigen Augenblicke, die Svikis 2010 und 2011 auf Papier bannte, zu einer installativen Einheit zusammen. Eine Eintracht, die jedoch das Gewaltmoment der Arbeiten hervorkitzelt: selbst ein verlassener Kaffeehaustisch samt dazugehörigen Sesseln erhält in diesem Komplex etwas Mysteriöses, einen Anklang des Kriminals. Morbid wirkt das Bild mit Dreirad: Der kindliche Lenker fehlt, dafür legt sich eine halbe Strichfigur wie ein Schatten über das Gefährt; rote Farbspritzer überziehen den Asphalt.

Als eine Art Collage oder Assemblage verschiedener Realitätsebenen funktioniert auch die Malerei des Mittdreißigers, der in Lettland sehr klassisch ausgebildet wurde. Es sind oft beklemmende Straßenszenen, die Hinweise auf brutale Geschichten des Erwachsenwerdens streuen.

Im Gegensatz zu seinen schnellen, skizzenhaften Blättern schichten sich die narrativen Elemente in Svikis' Leinwänden über mehre Monate hinweg. Der Eindruck verschiedener Realitätsebenen entsteht, weil in seinen Bildern einzelne ausmodellierte Elemente auf schwarze Umrisslinien oder amorphe, abstrakte Farbflächen treffen. Manchmal legen sich über Svikis' jugendliche Protagonisten die Umrisslinien einer neuen Figur, so als ob sie nicht Menschen wären, sondern eher die mit Graffiti und Zeichnungen überzogene Mauer im Hintergrund. Bildschichten wie Seelenschatten. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 19.4.2012)

Bis 5. 5., Galerie Michaela Stock

Schleifmühlgasse 18, 1040 Wien

  • Raufhändel der Rabauken: Viktors Svikis schichtet verschiedene 
Realitätsebenen
    foto: galerie michaela stock / viktors svikis

    Raufhändel der Rabauken: Viktors Svikis schichtet verschiedene Realitätsebenen

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