Variationen seiner selbst

18. April 2012, 17:10
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Die radikale Selbstbefragung war zentrales Thema des deutschen Künstlers Dieter Roth - Das Salzburger Museum der Moderne Mönchsberg zeigt die Ausstellung "Selbste"

Salzburg - Zerbrechlich und klein wirken die mit Zucker oder Vogelfutter bestreuten Schokoladebüsten, die aufgereiht als Selbstporträts das Publikum in der Ausstellung begrüßen.

P.O.Th.A.A.VFB (Portrait of the Artist as Vogelfutterbüste) nannte sie der 1930 in Hannover als Sohn einer Deutschen und eines Schweizers geborene Künstler. Als ironische Referenz auf James Joyces Roman Portrait of the Artist as a Young Man und versehen mit "Anflugbrett" und Besenstiel, sollten die Büsten im Garten aufgestellt und graduell von den Vögeln aufgefressen werden.

Dieter Roth machte bereits 1968 mit dieser Serie auf lakonische Weise klar, was zu einem zentralen Thema in seinem Schaffen werden sollte: die unerbittliche Dekonstruktion seiner Selbst.

Die Ausstellung Selbste im Salzburger Museum der Moderne Mönchsberg zeigt als vielfache Aufsplitterung eines "Selbst" das Ausmaß und die Wandlung jenes medialen Spektrums, dessen Roth sich dafür bediente; von Objekten, Grafik, Malerei, Typografie, Dichtung, Zeichnung, Künstlerbüchern, Zeitschriften, autobiografischen Texten, Briefen, Postkarten und Tagebüchern bis hin zu Super-8-Filmen, Polaroid-Fotografien und Installationen. Abgerundet wird der Überblick von Videointerviews mit Künstlern wie Hermann Nitsch, Richard Hamilton, die diesen um Musik und Literatur ergänzen.

In den 1970er-Jahren verwendete der 1998 gestorbene Roth überwiegend die Zeichnung, Fotografie und Malerei für seine Selbstbefragungen. Einerseits spiegeln an Matisse erinnernde Gemälde wie Selbstbildnis als Schwalbe (1973) die ausgeschnittene Figur des Künstlers auf einem überkreuzten Papier vor einem psychedelisch gefärbten Himmel und zeigen das Vergängliche einer Person als Teil des Seins.

Andererseits füllte Roth dieses fehlende Selbst mit künstlerischen Zusammenarbeiten, mit Richard Hamilton oder Arnulf Rainer.

Mit Rainer kam es 1972 zu intensiven Arbeitssitzungen, in denen Serien von überarbeiteten Fotografien wie Zu Zweit entwickelt wurden. Sie vereinen die zerstörende Gestik Rainers und die karikierenden Zeichnungen Roths; führen zur Auflösung der jeweiligen "Selbst". Arbeitsprozesse oder psychische Zustände rückten durch diese Kollaborationen mehr und mehr in den Mittelpunkt. Im Laufe der Zeit dränge sich die Kunst immer mehr ins Leben oder sei von diesem schon gar nicht mehr unterscheidbar, stellte Dieter Roth fest.

Die tagebuchartige Installation Diary entstand 1982 für den Schweizer Pavillon der Biennale in Venedig. Sie zeigt Roths Alltag, mit einer Super-8-Kamera festgehalten, als zweireihige Projektionen. Jedoch prägt eine gewisse Auslassung auch diese Form der Selbstdarstellung. Der Blick in die letzte Intimität bleibt verwehrt.

Ineinander aufgelöst

Erst in Solo Szenen (1997- 98), einem Panoptikum aus einer 128-teiligen Videoinstallation, offenbart Roth eine ungeschönte Variante, die ihn beim Arbeiten, Lesen, Schlafen oder auch in seiner Abwesenheit zeigt.

Letztendlich vollendete Roth seinen 1968 begonnenen Prozess und löste das private wie das öffentliche Selbst des Dieter Roth ineinander auf. Begleitend zur Ausstellung präsentiert das MdM Mönchsberg einen Einblick in die Künstler-Selbstporträts aus der eigenen Sammlung und zeigt Arbeiten von Günther Brus, Katrina Daschner, Valie Export und anderen. (Tereza Kotyk, DER STANDARD, 19.4.2012)

Bis 24. 6.

  • Das MdM Mönchsberg zeigt Dieter Roths künstlerischen Umgang mit dem "Selbst".
    foto: dieter roth estate / mdm

    Das MdM Mönchsberg zeigt Dieter Roths künstlerischen Umgang mit dem "Selbst".

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