"Wir bleiben, um zu gärtnern"

18. April 2012, 17:00
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Aktivisten besetzen seit Dienstag brachliegende Versuchsfelder der Boku und fordern sowohl freie Landnutzung als auch Ernährungssouveränität

"Wir sind gekommen, um zu bleiben." Das haben sich schon die Besetzer der Lindengasse, die Guerilla Gärtner der Längenfeldgasse oder die Mitglieder der "Uni brennt"-Bewegung im Audimax vorgenommen. Diesmal geht es einigen Aktivisten um ein Gewächshaus und vier Hektar Brachland im 21. Bezirk.

Im genannten Gewächshaus wohnen seit Dienstag rund 30 Personen, die sich mit der internationalen "reclaim the fields"-Bewegung und den Guerilla Gärtnern verbunden fühlen. Frieren musste in der Nacht niemand, denn in dem vom Treibhauseffekt aufgewärmten Folientunnel ließe es sich gut aushalten. "Wir haben sogar einige Pflanzen vor dem Frost retten können mit unserer Atmung," sagt ein Aktivist schmunzelnd. Donnerstagmittag soll die Polizei das Gelände räumen (siehe Anmerkung am Ende des Texts).

Gegen die Umwidmung zum Wohnbau

Das Gewächshaus steht auf einem vier Hektar großen Feld mit Obstgarten in Wien-Floridsdorf. Bis Jänner hatte die Universität für Bodenkultur (Boku) dieses Land gepachtet. Derzeit wird die Umwidmung eines Teils der Fläche in ein Wohnbauprojekt von der Stadt vorbereitet.

Allerdings fühlt man sich seitens der Boku noch für das Areal verantwortlich. Es soll auch ein mündliches Abkommen mit dem Verpächter (Bundesimmobiliengesellschaft BIG), geben, mit dem die Übergangszeit geregelt wird. In rund drei Monaten will die Boku ihre Versuchsfelder auf ein Viertel der Fläche beschränken und den Rest übersiedeln. Ab dann soll die Wohnanlage gebaut werden.

"Wir sind hier nicht im Schlaraffenland"

Zu einem Plenum der Aktivisten am Mittwoch ist auch Boku-Vizerektorin Andrea Reithmayer gekommen. Sie will nun Gespräche zwischen dem Bezirk, der BIG und den Aktivisten vermitteln, droht aber gleichzeitig mit einer Räumung am Donnerstag um zwölf Uhr.

Bis zu 80 Aktivisten versorgen sich seit Dienstag mit Strom und Wasser der Boku und ließen sich dabei auch nicht von dem Sicherheitsbeauftragten der Universität abbringen - bis die Polizei angerückt kam. Reithmayer zeigt wenig Verständnis für das Verhalten der Besetzer: "Wir sind hier nicht im Schlaraffenland. Wer Land will, kann es kaufen, pachten, mieten oder die Stadt um einen öffentlichen Raum bitten." Sie riet der Gruppe den Weg über die Politik.

Andere wirtschaftliche Formen testen

Die Aktivisten sind teilweise selbst politisch engagiert und glauben nicht an eine behördliche Lösung zur freien Landnutzung. Auch von den österreichischen Parteien erwarten sie keine Unterstützung, denn sogar die Grünen seien in diesem Punkt "von Gestern", klagt einer der Gruppe.

Ein Ziel der Bewegung, um das Feld behalten zu können, ist ein "freies Forschungsprojekt". Das sei dann auch im Sinne des Boku-Auftrags: Forschung und Lehre. "Wir sind in einer Wirtschaftskrise. Wir brauchen die Fläche, um andere wirtschaftliche Formen auszuprobieren," betont eine Aktivistin. Neben der Bewirtschaftung des brachliegenden Landes will die lose Gruppe Workshops anbieten und mit dem anliegenden Ella-Lingens-Gymnasium kooperieren. Auch die Kritische Solidarische Universität der "Uni brennt"-Bewegung überlegt, auf das Feld zu übersiedeln. (Maria von Usslar, derStandard.at, 18.04.2012)

Anmerkung:

Nach Erscheinen dieses Artikels wollten die Aktivisten auf folgende zwei Punkte hinweisen:

1. "Im Artikel wurden viele Einzelaussagen dargestellt, als ob es sich um Gruppenmeinungen handelt (inkl. der Aussage über die Grünen)."

2. Der Räumungstermin für Donnerstag sei nicht von ihnen kommuniziert worden. Auch von Seiten der Boku sei nicht über diesen Termin gesprochen worden.

  • Aktivisten bewirtschaften das bisher ungenutzte Feld.
    foto: derstandard.at/maria von usslar

    Aktivisten bewirtschaften das bisher ungenutzte Feld.

  • In einem Plenum auf Isomatten verhandelt die Gruppe mit der Boku-Vizerektorin.
    foto: derstandard.at/maria von usslar

    In einem Plenum auf Isomatten verhandelt die Gruppe mit der Boku-Vizerektorin.

  • In diesem Gewächshaus übernachteten 30 Aktivisten gemeinsam mit Pflanzensetzlingen.
    foto: derstandard.at/maria von usslar

    In diesem Gewächshaus übernachteten 30 Aktivisten gemeinsam mit Pflanzensetzlingen.

  • Zur Ernährungssouveränität gehört auch Saatgut. Im Gewächshaus kann jeder damit handeln.
    foto: derstandard.at/maria von usslar

    Zur Ernährungssouveränität gehört auch Saatgut. Im Gewächshaus kann jeder damit handeln.

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