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Auf der Straße, im Café oder zu Hause - Frankreichs Jugend diskutiert die bevorstehende Präsidentschaftswahl.
François Hollande zieht händeschüttelnd durch Konferenzzentren, Nicolas Sarkozy twittert und zittert um sein Amt, Marine Le Pen spielt die nationale Karte, und die übrigen Kandidaten werden von Zeitungen und Nachrichten konsequent ignoriert.
Obwohl das Programm des sozialistischen Kandidaten Hollande unter Jugendlichen nur die wenigsten wirklich überzeugt, liefert sich dieser ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem aktuellen Amtsträger Sarkozy. "Unglaublich überzeugend ist Hollande zwar nicht", meint der 21-jährige Sylvain, "aber ich will mein Wahlrecht nicht verfallen lassen, die Reichen nicht zusätzlich mit Steuererleichterungen unterstützen und vor allem ein eindeutiges Zeichen gegen rechts geben."
Jugendliche kennen Sarkozy als den Präsidenten, unter dem sich die polizeilichen Drogenkontrollen vor französischen Gymnasien drastisch verstärkt haben. Und auch die von ihm geplante Gefängnisreform weckt nicht unbedingt Sympathie bei der jungen Bevölkerung. Er spiele den "großen Bestrafer", meint die 17-jährige Ophélie, was die Jugendliche seine Wiederwahl anzweifeln lasse. Generell frage sie sich auch, wo die Sarkozy-Wähler nach Auszählung der Stimmzettel immer hinverschwinden.
Sarkozys Inszenierung
Denn der allgemeine Tenor driftet ins Absurde: Beim Activity-Spielen im Lycée wird Sarkozy anhand der Wörter "klein" und "Carla Bruni" charakterisiert und nach den ersten zehn Sekunden erkannt. Das zeichnet ein zutreffendes Stimmungsbild: "Einerseits den harten Mann spielen und andererseits für die Gossip-Magazine mit der Modelgattin an der Côte d'Azur posieren - für mich passt das nicht zusammen", sagt die 18-Jährige Colette. "Er inszeniert zu viel und hat vor allem unter den Jugendlichen jegliche Glaubwürdigkeit verloren."
Laut dem Marktforschungsunternehmen Ipsos (Stand: Anfang April) geht es um 27,5 Prozent der Gesamtstimmen für Hollande gegen 29,5 für Sarkozy. Nach einer Umfrage seien die drei wichtigsten Motive für die Entscheidung für einen Präsidentschaftskandidaten innovative Vorschläge und Ideen, seine Fähigkeit, tatsächlich Grundlegendes zu verändern, sowie die vorgeschlagenen Maßnahmen gegen die Wirtschaftskrise. Auch die Persönlichkeit sowie die Ausländerpolitik spielten bei der Auswahl eine relevante Rolle.
"Meine Oma wählt Sarkozy", erzählt die 17-jährige Colette, "weil sie Angst hat vor Zuwanderung und der, wie sie glaubt, daraus resultierenden Kriminalität. Sie will, dass alles beim Alten bleibt, und fühlt sich überfordert von der zunehmenden Durchmischung der Kulturen."
Sarkozys konservative Union pour un mouvement populaire verspricht in dieser Beziehung Abhilfe, ebenso wie auch die rechtsextreme Partei Front Nationale unter Marine Le Pen. Die Rechten haben auf alle Fälle mehr Chancen als die Kommunisten, so die allgemeine Einschätzung der Jugendlichen.
Das Attentat auf eine jüdische Schule in Toulouse, das vor wenigen Wochen von einem islamistischen Algerier verübt wurde, spielt dabei eine nicht unwichtige Rolle. Es passt für die konservativen Medien hervorragend in das Klischee vom Ausländer als schwarzem Schaf.
Umwelt- und Atompolitik
Beim Umweltschutz und der Nukleardebatte spalten sich die Lager der jungen Wähler. Was die einen als überflüssige Gedankenverschwendung deklarieren, empfinden die anderen als dringend anstehende Veränderung in einem auf Gesundheit und Lebensqualität fokussiertem Land.
"In der Schule lernen wir, wie wichtig Mülltrennung ist, während ein paar hundert Kilometer weiter ein Atomkraftwerk auf Hochtouren läuft. Was soll ich damit anfangen?", fragt sich Ophélie. Immerhin ist Frankreich das europäische Land, das den größten Teil seiner Energie aus Atomstrom bezieht. Ein Fakt, der sich schwer mit dem ansonsten so idyllisch-romantischen Bild des Landes vereinbaren lässt.
Acta ist ein Dorn im Auge
Benjamin ist gegensätzlicher Meinung - es gebe aktuell weitaus brisantere Themen zu berücksichtigen: die Eurokrise, die Immigrantenfrage oder das Pensionsalter. Der Staat könne nicht "alles auf einmal machen".
Das vieldiskutierte Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen Acta ist den französischen Jugendlichen allerdings ein großer Dorn im vom Online-Streaming verwöhnten Auge. Besonders in Städten mit jungem Durchschnittsalter kam es in letzter Zeit mehrmals monatlich zu Demonstrationen. Selbst die noch nicht wahlberechtigte Jugend (unter 18 Jahren) wird sich zunehmend ihres Einflusses bewusst und ergreift die Initiative.
Seine Meinung kundzutun ist auf jeden Fall en vogue - ob auf der Straße, im Café oder im Stadtpark. Selbst während des abendlichen Diners mit der Familie kommt man nicht um wortgewaltige Politdiskussionen herum. (Julia Höftberger aus Montpellier, DER STANDARD, 18.4.2012)
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frankreich kann sich glücklich schätzen, einen ersten wahlgang mit viel auswahl zu haben. wir durften ja vor zwei jahren nur zwischen fischer und zwei völlig jenseitigen rechtsaußen wählen. für hollande oder sarkozy als jeweils kleineres übel kann man dann ja immer noch im zweiten wahlgang stimmen.
Dass die erste Runde der französischen Präsidentschaftswahl so "bunt" ist, liegt nur daran, dass alle außer 2 Parteien sonst keinerlei Möglichkeit haben, öffentliche Beachtung zu finden.
Die Assemblee nationale ist aufgrund des Mehrheitswahlrechts nur für Großparteien erreichbar und nach der fast-autoritären Verfassung als Legislative ziemlich machtlos.
Der Vergleich der Präsidentschaftswahl zwischen einem rein präsidentiellen System wie Frankreich und einer (de facto) parlamentarischen Demokratie wie Österreich kann nur hinken.
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