Sensationsfund in der Wegwerfbox

17. April 2012, 18:00
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Aufmerksamen Archivaren des Schottenstifts ist die Rettung eine Urkunde des Stauferkaisers Friedrich II. zu verdanken - Das wichtige Dokument aus dem Jahr 1250 bietet Einblicke in die große Politik des Mittelalters

Es ist einiger Zufall dabei, dass der Leiter des Musikarchivs des ehrwürdigen Schottenstifts in Wien einen genaueren Blick in eine Box warf, die im Fachjargon als "Fragmentenschachtel" bezeichnet wird. Solche Kisten dienen Archivaren zur Aufbewahrung aussortierter, wertloser Bruchstücke von Urkunden- und Aktenmaterial. Unter dem verstaubten Wust stieß der Archivar auf ein gefaltetes Pergament, das intakt zu sein schien, barg es und übergab es dem jungen Stiftsarchivar Maximilian Trofaier.

Der Historiker traute seinen Augen kaum, als er das gut erhaltene Schriftstück in Händen hielt, ausgestellt von "Fr(edericus) dei gratia Romanorum imperator" und datiert mit November 1250. Konnte es sich tatsächlich um eine Urkunde des Stauferkaisers Friedrich II. handeln?

Legendärer Stauferkaiser

Die Geschichte der Staufer hat bis heute nichts an Faszination verloren. Der bedeutendste Vertreter dieser Herrscherfamilie war zweifellos Friedrich II., den seine Zeitgenossen "Stupor Mundi", das Staunen der Welt, nannten. Der legendäre Kaiser gilt als der erste "moderne" Herrscher, war fortschrittlich, gebildet und ein Brückenbauer zwischen Orient und Okzident.

Als König von Sizilien und deutscher Kaiser strebte er eine politische Vereinigung seiner Länder an. Damit beschwor er eine Konfrontation mit dem Heiligen Stuhl herauf, die letztlich mit dem Untergang der Staufer endete - die Päpste duldeten keine Umklammerung ihres Kirchenstaates.

Angesichts der möglichen Bedeutung des Fundes im Schottenstift wandte sich Trofaier an Universitätsprofessor Walter Koch in München, der seit Jahren im Auftrag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften an der Herausgabe der Urkunden Friedrichs II. arbeitet. Koch eilte nach Wien, bestätigte die Echtheit des Pergaments und hatte dazu auch interessante Informationen über das Schriftstück parat.

Die Originalurkunde sei 1889 aus nicht näher bezeichnetem Privatbesitz in Paris auf den Markt gekommen und erzielte - obwohl das anhängende Kaisersiegel fehlte - bei einer Versteigerung immerhin 206 Francs, um dann erneut zu verschwinden. Auf welch verschlungenen Wegen und wann das Dokument seinen Weg nach Wien fand, bleibt rätselhaft - zumal es keinerlei Bezugspunkt zum Kloster der Schotten gibt. Vielmehr ist das in Foggia (Apulien) ausgestellte Diplom an den Markgrafen Uberto Pallavicini gerichtet, Kaiser Friedrichs II. mächtigen Parteigänger und wichtigsten Heerführer in der Lombardei.

Mörderisches Machtspiel

Das Schreiben führt dabei mitten in die große Politik des Hochmittelalters, den mörderischen Kampf zwischen Papst und Kaiser bzw. ihren Anhängern: den Papsttreuen Guelfen und den Kaisertreuen Ghibellinen. Viele italienische Städte nutzten die Auseinandersetzung und wechselten in dem Machtspiel die Seiten. Das traditionell papsttreue Piacenza machte dabei keine Ausnahme.

Kaiser Friedrich II. gab daher dem von ihm sehr geschätzten und mit 50 Burgen reich beschenkten Pallavicini einen heiklen Auftrag: Er möge allen Bürgern von Piacenza, die bereit wären, sich der kaiserlichen Gnade zu unterwerfen, Sicherheit und Schutz garantieren und sogar bereits erfolgte Verurteilungen aufheben.

Das im Schottenstift gelandete Dokument ist nicht nur die historisch belegte Erklärung für den tatsächlich erfolgten Frontenwechsel von Piacenza. Es ist auch die letzte im Original bekannte Urkunde, die der Kaiser ausstellen ließ. Der starb nämlich am 13. Dezember 1250 im Alter von 55 Jahren. Wenig später brach die Herrschaft der Staufer zusammen.

Mehr als 750 Jahre später hat das wichtige Dokument nun einen Ehrenplatz in den Sammlungen des Schottenstifts gefunden. (Anna Sigmund, DER STANDARD, 18.4.2012)

  • Sie war schon aussortiert, ehe Fachleute ihre Bedeutung erkannten: Diese Urkunde 
von Friedrich II. ist zugleich auch die letzte bekannte, die der legendäre 
Stauferkaiser hinterließ.
    foto: maximilian trofaier

    Sie war schon aussortiert, ehe Fachleute ihre Bedeutung erkannten: Diese Urkunde von Friedrich II. ist zugleich auch die letzte bekannte, die der legendäre Stauferkaiser hinterließ.

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