Fleischesser verschlingen immer mehr Land

Karin Krichmayr
17. April 2012, 17:38

Es bräuchte eine zweite Erde, um in Zukunft die Weltbevölkerung auf westlichem Niveau zu ernähren

Immer größere Flächen werden für Essen benötigt - vor allem aufgrund veränderter Ernährungsgewohnheiten.

* * *

Der Welt geht es besser als noch vor 50 Jahren. Insgesamt gibt es mehr zu essen: Verzehrte der durchschnittliche Erdenbürger im Jahr 1961 täglich 2250 Kalorien, standen 2007 im Schnitt 2750 Kalorien pro Kopf und Tag zur Verfügung (inklusive weggeworfener Lebensmittel wohlgemerkt), wie die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) berechnete.

Stück für Stück wurde der Erde dafür immer mehr Land abgerungen: Weltweit wurde 2005 30 Prozent mehr Ackerland benötigt als noch im Jahr 1963 - obwohl die Weltbevölkerung weniger rasant wächst und neue Technologien die Erträge gesteigert haben. Die Frage liegt auf der Hand: Wie lange wird es genug Land geben, um die Menschheit zu ernähren?

"Wenn man davon ausgeht, dass sich die Weltbevölkerung um 2050 bei neun bis zehn Milliarden Menschen einpendelt, sich alle nach westlichen Standards ernähren und alle Flächen so effizient bearbeitet werden wie in Nordamerika, müssten die Nutzflächen verdoppelt werden", sagt Thomas Kastner vom Wiener Institut für Soziale Ökologie der Alpen-Adria-Universität. "Diese Flächen gibt es nicht - beziehungsweise würde ihre Nutzbarmachung massive Umweltschäden zur Folge haben."

Kastner ist gemeinsam mit Kollegen von der Universität Groningen der Frage nachgegangen, wie sich der menschliche Hunger nach Land entwickelt und welche Rolle dabei der Ernährungsstil spielt - weltweit und über einen Zeitraum von 46 Jahren. Die Studie wurde soeben im renommierten US-Fachjournal Proceedings of the National Acadamy of Sciences (PNAS) veröffentlicht. Kastner und sein Team ackerten sich durch FAO-Statistiken für die Jahre 1961 bis 2007, um die Veränderungen bei Produktion und Konsum von Nahrung, aufgeteilt auf 17 Regionen, sichtbar zu machen (siehe Grafik).

"Insgesamt ging der Konsum von Getreide und von Knollenfrüchten wie Kartoffeln und Maniok zurück, gleichzeitig werden mehr pflanzliche Öle, mehr Kaffee, mehr Obst und Gemüse sowie mehr Fleisch konsumiert - was besonders ressourcenintensiv ist", sagt Kastner. "Diese Entwicklung ist in fast allen Regionen zu beobachten." Tierische Produkte machen den Löwenanteil des erhöhten Landbedarfs aus: Fleisch war für die Hälfte des Anstiegs im untersuchten Zeitraum verantwortlich.

Drastischer Wandel in China

Während sich in reichen Regionen wie Europa und Nordamerika die Nahrungszusammensetzung nur moderat veränderte, gab es in anderen Teilen drastische Umwälzungen, allen voran in Ostasien, das durch die rasante Entwicklung Chinas getrieben ist. So stieg hier der Konsum von tierischen Kalorien pro Person seit Anfang der 1960er-Jahre um das Fünffache, dementsprechend heftig fiel auch die Steigerung des Landbedarfs für Ernährung aus. Auch in den Schwellenländern Brasilien und Indien wirkt sich der Trend zu Fleisch stark aus.

In den armen Regionen südlich der Sahara hingegen blieb die Rate der verfügbaren Kalorien auf einem ohnehin äußerst niedrigen Niveau. Der Speiseplan setzt sich - wie auch in anderen Entwicklungsländern - zu einem Großteil aus pflanzlicher Nahrung, vor allem Getreide, zusammen. Hier ist die Steigerung der Nutzflächen hauptsächlich auf das vergleichsweise schnelle Bevölkerungswachstum in der Region zurückzuführen, wie Kastner erläutert.

Obwohl der globale Landbedarf für Ernährung anstieg, verringerte sich der Pro-Kopf-Bedarf um ein Drittel, und zwar vor allem durch effizientere Bewirtschaftung der Flächen - wobei es auch heute noch große Unterschiede gibt. 2005 wurden in Südostasien 1300 Quadratmeter Land benötigt, um eine Person ein ganzes Jahr zu ernähren, während es in den trockenen Regionen Ozeanien und Südeuropa 3000 Quadratmeter waren.

Erstaunlicherweise liegen Westeuropa und der afrikanische Kontinent mit rund 2000 Quadratmetern "Verbrauch" pro Person und Jahr gleichauf. Das liegt daran, dass in Europa, wo weit mehr Nahrung zur Verfügung steht, die Hightech-Landwirtschaft ein Vielfaches an Erträgen abwirft, erklären die Studienautoren.

Und doch: Der technologische Fortschritt und das eingebremste Bevölkerungswachstum können den hohen Landbedarf durch veränderte Ernährungsgewohnheiten langfristig nicht wettmachen, wie die Ökologen rund um Kastner berechneten. Die Angleichung an westliche Standards hat in Ostasien schon jetzt mehr Auswirkungen auf den Landbedarf als das Bevölkerungswachstum und hat die Einsparungen an Ackerflächen durch höhere Erträge bereits "stark überkompensiert", berichtet Kastner. "Der Technikfaktor nimmt generell immer weiter ab."

Verteilungsungerechtigkeit

Die Studie deutet auch auf Verteilungsungerechtigkeiten und internationale Abhängigkeiten hin: Der Westen beansprucht immerhin sieben Prozent des Ackerlands für Kaffee, Tee und Kakao, die praktisch keine Kalorien haben - und in anderen Regionen angebaut werden. Auch bei den Ernährungsgewohnheiten gibt es noch große Unterschiede: Während sich in Europa und Nordamerika 75 bis 80 Prozent des Landbedarfs allein aus Fleisch, Alkohol, Kaffee, Tee, Kakao und pflanzlichen Ölen speisen, werden dafür in den ärmsten Regionen gerade 25 Prozent des Landes benötigt.

"Auch wenn die Entwicklung weltweit verschieden schnell vonstatten geht, folgen letztlich alle dem westlichen Muster", sagt Kastner. Noch lebt der größte Teil der Menschheit in Entwicklungsländern - künftige Konflikte um Land scheinen unumgänglich. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, 18.4.2012)

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25 Postings

Ein sehr gut geschriebener Artikel und eine aufschlussreiche Grafik. Vielen Dank!

Das Problem ist halt, dass wir in einer Wohlstandsgesellschaft leben

in der es für die heutigen Generationen einfach das normalste der Welt zu sein scheint, immer Fleisch zu essen, weil sie eben vom Elternhaus darauf sozialisiert wurden.
Zu Mittag, abends, auf dem Jausenbrot, als Snack - alles scheint sich immer nur um Tierfleisch zu drehen, wo wir so etwas ernährungsphysiologisch noch nicht einmal bräuchten und fadenscheinige Argumente wie Geschmäcker von Gewohnheiten geprägt sind.

Und bei Verhalten, das von Kindheit an über das Elternhaus vermittelt wurde, ist es nunmal schwierig, Menschen zur kritischen Reflexion über ihr eigenes Verhalten zu bewegen. Was der Mensch schon als Kind indoktriniert bekommt, hinterfragt er grundsätzlich nicht. Ist wie mit der Religion.

Fleischesser verschlingen immer mehr Land

Sind es dann nicht eher Vegetarier?

Man braucht ca. 16kg Getreide um 1kg Fleisch zu produzieren und wenn ich mich nicht irre braucht man ca. 200qm Land um 1 kg Rind zu produzieren und weniger als 10qm Land um 1kg Getreide zu produzieren.

Also wir können dagegenhalten wenn wir alle veganer oder zumindest vegetarier wären...

Immer diese Statistiken...

Nicht alles wächst überall. Wenn daher auf kargen Böden Rinder geweidet werden, dann konkurriert das nicht mit Weizenanbau. Das selbe gilt für Kaffee und Kaukau, diese Büsche wachsen auch dort wo kein Ackerbau möglich ist. Also Schluss mit den Milchmädchenrechnungen und einaml das Hirn einschalten.

Ich schließe aus der Graphik, dass Zucker die ökologisch verantwortlichste Art ist, sich zu ernähren.

"Weltweit wurde 2005 30 Prozent mehr Ackerland benötigt als noch im Jahr 1963 - obwohl die Weltbevölkerung weniger rasant wächst " eh: hat sich seit den sechzigern eh nur verdoppelt. ich mein: was sind schon 3,5 mrd menschen?

Die zweite Ableitung ist schwer, ich weiß. Differenzieren sollte trotzdem vor dem Posten kommen.

Es ist eine grundsätzlich korrekte Aussage, aber ziemlich missverständlich.

Seit Ende der 60er nahm das relative Bevölkerungswachstum ab, seit Ende der 80er sogar das absolute (von +87 Millionen/a zu +79 Millionen/a).

Was natürlich nichts daran ändert, dass die Weltbevölkerung immer noch rasant weiterwächst.

Ich muss es mal so sagen:

Fleischesser sind entweder naiv, haben innere Konflikte oder sind Bösartig. Naiv, weil sie einfach nicht merken, was ihr Verhalten für einen Schaden anrichtet. Innere Konflikte, weil sie es zwar wissen, aber das Fleischessen aus irgend einem Grund nicht sein lassen, obwohl sie es eigentlich könnten (Schweinehund, und so). Oder Bösartig, weil es ihnen egal ist oder es ihnen sogar gefällt, wenn es anderen schlecht geht; reiner Egoismus ist das.

Mit gutem Gewissen kann man eigentlich nur sehr selten Fleisch essen (betrifft wohl auch andere tierische Erzeugnisse). Und wenn man Tieren auch als gleichberechtigte Lebewesen sieht, dann kann man mit gutem Gewissen gar kein Fleisch essen.

Fleisch ist eine der Nahrungsquellen zu deren Konsum der Homo Sapiens als Omnivore nun einmal technisch befähigt ist.

Der Konsum von Fleisch lässt sich bereits in der Frühzeit nachweisen, und dürfte wesentlich zur Entwicklung unserer evolutionären Vorfahren beigetragen haben...falls des englischen mächtig empfehle ich zu diesem Thema nach "expensive tissue hypothesis" zu googeln, und zu verinnerlichen was man findet. (Gerne auch inklusive des Veganerpapers das durch statistische Tricks versucht die Daten des Originalpapers zu entwerten, und dabei 1. Organsysteme heranzieht die gar nichts mit dem G.I. Trakt zu tun haben und 2. Gehirngrösse als Maß für Intelligenz heranzieht, was kompletter Unsinn ist...nur mal als Beispiel wie verzweifelt Veganerargumente sind)

Was genau ist also Naiv oder Böse daran, Fleisch zu essen?

Ich geh mir jetzt ein Steak kaufen:)

Offensichtlich bringt es wohl Probleme mit sich, wenn alle nach Herzenslust Fleisch essen wollen. Darauf wird ja immer wieder hingewiesen - wie auch in dem Artikel. Wenn es einem nicht egal ist, was ökologisch und sozial auf der Welt geschieht, dann muss man sein Essverhalten anpassen. Und dabei ist egal wie sich Menschen in der Vergangenheit ernährt haben.

Klar bringt es Probleme mit, Fleisch zu produzieren ist auch wesentlich Ressourcenintensiver als Pflanzliche Nahrungsmittel mit demselben Nährwert.

Das streite ich auch nirgends ab.

Nur einem nicht-veganer daraus Bosheit oder Naivität zu unterstellen ist genauso schwachsinnig wie zu behaupten, das dem nicht so wäre. Ist ein Autofahrer böse, der 10 km von seinem Arbeitsplatz mitten in der Pampa wohnt, wohin sich vllt. alle 3 Stunden mal ein Autous verirrt?

Ist das Kind böse das zum Fleischkonsum erzogen wurde? Bist du böse, weil du Energie für deinen Laptop verbrauchst?

Man kann es besser machen, ja. Man kann sich Tatsachen unbewusst sein. Aber man ist deshalb nicht böse. Unterstellungen, die sind es.

Ich glaube auch, dass eigentlich gar keiner böse ist.

Ergo: Ich halte 'normale' Fleischesser für naiv. Bzw. denke ich, dass sie sich der Probleme mehr oder weniger bewusst sind, aber trotzdem nicht ihr Verhalten ändern, weil sie irgendetwas innerlich daran hindert. Und leider ist es dann meiner Erfahrung nach so, dass wenn man sie darauf anspricht, sie sich ihr Fehlverhalten nicht eingestehen können. Nur wenige Fleischesser geben ein schlechtes Gewissen zu - was ich aber menschlich gesehen natürlich schon nachvollziehen kann.

ach wickel dir doch dein steak um die ohren und augen

das hilft dir ganz bestimmt auch in zukunft ökologisch sinnfreies verhalten zu propagieren...

Ich glaub ich kauf jetzt noch 10 Steaks und mach mir eine Schürze daraus...und dann schlachte ich eine Kuh.

feiger fleischfresser

schon mal eine geschlachtet - dass ich nicht lache!!!

ich habe schon lebewesen mit der eigenen hand zum verzehr über den jordan schicken müssen... danach war extrem reduzierter und sehr bewusster fleischkonsum angesagt.

jeder der fleisch essen will sollte mMn. auch in der lage sein ein tier selbst zu töten. bist du es nicht, dann fang an dir gedanken über übermässigen fleischkonsum und dessen folgeschäden zu machen - perverse sache!

Tiere selbst töten?

Du wirst lachen, das hab ich tatsächlich schon. Und nicht nur zum Verzehr. Ich studiere Molekularbiologie, was glaubst du wieviele Labortiere ich schon im Dienste der Wissenschaft getötet habe?

Gut, zugegeben, so eine Maus wehrt sich nicht ganz so viel wenn man ihr die Überdosis Barbiturat spritzt, aber es war doch irgendwie persönlicher als den Hühnern daheim den Hals umzudrehen.

Tiere sind uns nunmal unterlegen. Wir sind die Jäger, sie die Beute, Punkt. Ein hungriger Gepard würde auch kein Mitleid empfinden wenn er dir begegnet, sondern dir die Kehle zerfetzen und dich auffressen. Ganz einfach nur deshalb weil er schneller, stärker und mit besseren Waffen ausgestattet ist. So funktioniert die Welt. Get used to it.

ein sozialdarwinist - alles klar

Omg, du bist sogar zu ungebildet um die Begriffe Darwinismus und Sozialdarwinismus auseinanderzuhalten, oder?

Echt erbärmlich. Ich glaub du solltest ganz dringend Fleisch essen, damit dein Gehirn wieder funktioniert.

Fleischesser sind nicht naiv und/oder boese. Ich finde auch nicht, dass Sie boese oder naiv sind. Aber Ihre Ideen sind einfach toericht. Sie schwafeln.

Naiv oder böse

Sie klammern da aber einiges aus:
1) Der Konsum von Fleisch war lange Zeit und in vielen Situationen auch die einzige Möglichkeit zu überleben.
-das ist heute aber nicht mehr so. Niemand verhungert wenn auf Fleisch verzichtet.
2) Jahrtausende lang hat das züchten von Tieren weder in so einer unethischen Form statt gefunden, noch so negative Auswirkungen auf die Umwelt gehabt. Landbedarf, Abwässer, Krankheiten, grausamste Zustände der Massentierhaltung etc. Wenn sie über all das bescheid wissen, ihr Verhalten aber nicht ändern, ist das nun mal rücksichtlos.Und naiv ist falls sie ans Schweinderl und glückliche Hühner glauben. Ich empfehle ihnen das Buch "eating animals". Lesen sies mal, vielleicht sehen sie die Dinge dann ein wenig anders.

Mir ging es jetzt nicht um Tierrechte. Die habe ich nur am Rande erwähnt.

Allein aus der (speziezistischen) Sicht der Menschheit ist der Tierkonsum, wie er derzeit vorherrscht problematisch und sollte geändert werden. Die Folgen für die Menschen können groß werden, wenn nicht eingelenkt wird. Eine analoge Problematik ist es mit Ölverbrauch und ähnlichem. Ganz egal wie es bisher war und welche akt. Bedürfnisse die Menschen haben: wir sollten uns darum kümmern, dass wir keinen Kollaps herbeiführen oder die Probleme vergrößern. Egal durch was. Ob Menschen schon immer etwas so und so getan haben ist völlig unerheblich.

Großes Lob

Ein dickes Lob an den/die ErstellerIn der Grafik. Ist super geworden!

Wichtiger Punkt wird nicht erwähnt

Obwohl man weiß, dass es in Zukunft gilt, mehr Menschen zu ernähren, wird andererseits nicht berücksichtigt, dass die Nutzflächen speziell in Industriestaaten weniger werden, weil jedes freie ,,Loch´´ zubetoniert wird, was die Lage noch verschärft. Natürlich ist mir bewusst, dass wir Agrarwirte auch selbst daran schuld sind, weil wir Flächen vekaufen. Sehe aber eine zukünftige Lebensmittlknappheit aber eher aufgrund schlechter Logistik und monotonem Kulturanbau, als angeblich fehlender Resourcen. Wir tun uns in der westlichen Welt nichts gutes mit unserer ,,Völlerei``, wir wären sogar gesünder, wenn wir weniger verbrauchen würden als aktuell. Somit wäre mehr für diejenigen über, die es tatsächlich nötig hätten.

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