Musikhandwerker nehmen lieber den Zug

17. April 2012, 17:32
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Filme zum Mitwippen: Das Wiener Festival Poolinale zeigt ausgesuchte Musikfilme

Wien - Für die freie musikalische Selbstverwirklichung ist es nie zu spät: Sigrídur Níelsdóttir beispielsweise hat 2001 im Alter von immerhin 71 Jahren damit begonnen. Mit dem Doppelkassettendeck ihrer Kompaktstereoanlage, einer elektronischen Heimorgel und mit ziemlich großem Einfallsreichtum beim Aufspüren und mechanischen Erzeugen von Sounds. In ihrer Reykjavíker Souterrainküche entstanden so in sieben Jahren fast siebenhundert Songs. Und Frau Níelsdóttir, 1930 in Dänemark geboren und als junge Frau der Liebe wegen nach Island ausgewandert, brachte diese im Eigenverlag auf CD auch an ein interessiertes jüngeres Publikum.

Der Dokumentarfilm Grandma Lo-Fi von Kristín Björk Kristjánsdóttir, Orri Jónsson und Ingibjörg Birgisdóttir ist Porträt von und Hommage an diese produktive Klangproduzentin. Und er kommt ihren eigenwilligen Musikhandarbeiten formal gut entgegen: in körnigen Super-8-Aufnahmen oder in animierten Collagen, die auf eine zweite wichtige künstlerische Ausdrucksform Níelsdóttirs Bezug nehmen.

Grandma Lo-Fi, der seine internationale Premiere Anfang des Jahres beim Filmfestival Rotterdam feierte, ist einer von acht Programmpunkten des Wiener Musikfilmfestivals Poolinale. Am Hauptstützpunkt Topkino läuft dabei bis 22. April eine Auswahl an Porträts, Konzertfilmen und Videoclips - unter anderem kuratiert vom Londoner Label 4AD. Eröffnet wird mit einem nagelneuen heimischen Roadmovie namens Eine Möglichkeit zu leben, welches die österreichische Fünf-Mann-Indie-Supergroup Nowhere Train auf einer ungewöhnlichen Tour durch Österreich begleitet: Per Eisenbahn, weitgehend abseits etablierter Spielorte und statt Gage gegen Kost und Logis befährt man das Land und macht dabei überraschende Erfahrungen.

Der Film hat heute, Mittwoch, im Filmcasino Premiere. Am Sonntagmittag wird die monumentale Leinwand des Gartenbaukinos mit Martin Scorseses jüngster Musiker-Doku, dem dreieinhalbstündigen Living in The Material World: George Harrison, bespielt. Passend zum Eröffnungsfilm wird außerdem diskutiert, wie es um den Musikfilm in Österreich bestellt ist. Um den Musikfilmimport muss man sich schon jetzt weniger sorgen. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 18.4.2012)

  • Späte Liebe zur musikalischen Heimwerker-Elektronik: Die isländische " Grandma Lo-Fi" Sigrídur Níelsdóttir.
    foto: poolinale

    Späte Liebe zur musikalischen Heimwerker-Elektronik: Die isländische " Grandma Lo-Fi" Sigrídur Níelsdóttir.

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