Handwerker, die nie den Faden verlieren

17. April 2012, 17:21
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Mit dem Aufbau eines Research Studio steigen Vorarlbergs Sticker in die Forschung und Entwicklung ein

Vorarlberger Stickereien sind en vogue - bloß wo, ist überraschend: Zum einen geht rund die Hälfte dieser Textilarbeiten nach Afrika. Besonders Couturiers in Nigerias Metropole Lagos scheinen altes Kunsthandwerk aus Österreich zu schätzen. Zum anderen - und das ist für Stick vielleicht sogar der ungewöhnlichere Ort - findet sich so mancher neue Vorarlberger Faden im Beton.

Rund 200, oft sehr kleine Stickereibetriebe gibt es noch in Vorarlberg. Eine Arbeitsgemeinschaft für technische Produkte unter den Stickern hat sich dabei mit dem Forschungsinstitut für Textilchemie und -physik an der Universität Innsbruck zusammengetan. Infolge dieses zunächst losen Austauschs entstand schließlich im Oktober 2011 das Research Studio für Smart Technical Embroidery mit Sitz in Dornbirn. Zweck dieser im Jahr 2008 vom Wirtschaftsministerium ins Leben gerufenen, insgesamt über 30 Research Studios soll es sein, Ergebnisse aus der Forschung möglichst rasch in marktfähige Produkte und Dienstleistungen umzusetzen.

"Ich komme gerade aus dem Labor, wo wir an einer Bettwäsche für Krankenhäuser arbeiten", erzählt Thomas Bechtold, Leiter des Research Studio für technische Stickerei. Das Besondere an diesen Leintüchern: Sie werden mit gestickten Sensoren versehen, die Feuchtigkeit messen und die Stationsaufsicht diskret per Funk informieren. Müssen die Tücher gewechselt werden, erfährt das nur das medizinische Personal.

Fäden mit Funktion

Zwei große Hauptlinien der Forschung und Entwicklung wurden in diesem Studio während der ersten sechs Monate des Bestehens bereits etabliert: Die eine beschäftigt sich vor allem mit Funktionsstickereien, zu denen auch die Sensor-Bettwäsche zählt. Ganz allgemein werden dabei Fäden mit molekularchemischer oder elektrischer Funktionalität verarbeitet. So eignen sich leitfähige Kupferdrähte, die aufgestickt werden, auch ideal zur Temperaturmessung in beheizbaren Autositzen. Müssen Schalter auf flexiblen Trägermaterialien befestigt werden, lassen sich diese besser als textile Taster realisieren. Fäden wiederum, die sich als Indikatoren durch chemische Reaktionen verfärben, kommen zunehmend bei pharmazeutischen Produkten zum Einsatz. Verändert sich etwa der pH-Wert, kann das einfach über eine Stickerei angezeigt werden.

Der andere große Anwendungsbereich für das technische Sticken liegt im Bereich von Verbundstoffen. Dabei gibt es zunächst einmal naheliegende Weiterentwicklungen von Textilien. Wird Arbeitsbekleidung wie eine Schnittschutzhose zusätzlich mit besonders robusten Fäden ausgerüstet, erhöht das die Sicherheit. Ungewöhnlicher ist aber der Einstieg der Sticker in die Bauwirtschaft - die Vorarlberger arbeiten derzeit auch intensiv an einer Weiterentwicklung von Textilbeton.

Beton, der mit Glas- und Karbonfasern durchzogen ist, hat in der Anwendung deutliche Vorteile: Vor allem stark gekrümmte Formbauteile lassen sich gut als textile Kompositstruktur realisieren, denn dieser Beton hält auch sehr hohe Spannungen aus. Flexible Fasern ersetzen dabei die übliche starre Stahlarmierung im Beton, wobei der Verbundstoff teilweise schon jetzt Tragfähigkeit erreicht. "Im Bereich dieser Baustoffe ist aber ganz klar die meiste Forschungsarbeit nötig. Bis tragfähige Geschoßdecken mit textilem Kern konstruiert werden können, vergeht noch einige Zeit", ergänzt Bechtold.

Wirtschaftlich tragfähig

Als vorteilhaft für die Sticker erweist sich die Zusammenarbeit mit den Forschern des Research Studio auch deshalb, weil dabei auf begrenzte wirtschaftliche Ressourcen von Kleinunternehmern Rücksicht genommen wird. Bestehende, große Stickmaschinen müssen in den meisten Fällen nicht gleich umgerüstet oder gar ersetzt werden, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden. Nach rund drei Jahren soll sich entscheiden, ob ein Produkt wie der verbesserte Textilbeton auch wirtschaftlich tragfähig ist. Bis dahin bleiben Vorarlbergs Stickereien wohl parallel Ausstatter für Modeschöpfer und Baustellen. (Sascha Aumüller, DER STANDARD, 18.4.2012)

  • Gestickte Taster sind flexibler in der Anwendung .
    foto: rs-ste

    Gestickte Taster sind flexibler in der Anwendung .

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