Warum Aktien besser als Staatsanleihen sind

Interview17. April 2012, 17:14
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Aktionen der Notenbanken ersetzen nicht die Reform der Staatsfinanzen, warnt Investmentstratege Philipp Vorndran

STANDARD: Die Kapitalmärkte sind trotz der zweimaligen Intervention der Europäischen Zentralbank (EZB) wieder nervös. Flammt die Schuldenkrise wieder auf?

Vorndran: Die Notenbanken können den notwendigen Anpassungsprozess nicht aufhalten. Die Staaten werden sich entschulden müssen, das können sie nicht durch Sparen und nicht durch Schuldenschnitt, außer bei kleinen Volkswirtschaften. Das geht am Ende des Tages nur durch niedrige Zinsen, höhere Inflation und Steuern, Kapitalverkehrskontrollen und Zwangsanleihen. Es geht nur über finanzielle Repression.

Standard: Die Zinsen auf sichere Staatsanleihen wie in Deutschland sind bereits deutlich niedriger als die Inflation. Was sollen Investoren machen?

Vorndran: Die finanzielle Repression ist tatsächlich voll im Gange. Mit nominalen Anlagen kann der Bürger seine Kaufkraft nicht erhalten. Man muss bereit sein, kontrolliert Risiken einzugehen.

STANDARD: Welche Risiken?

Vorndran: Wir empfehlen unseren Kunden einen relativ hohen Aktienanteil. Die Dividendenrendite von erstklassigen Unternehmen, die nicht mehr als zwei Drittel ihres Gewinns ausschütten, liegt im Schnitt jenseits der 3, 5 Prozent. Die Dividende einer Nestlé-Aktie ist viel sicherer als der Kupon einer Staatsanleihe. In den vergangenen fünfzig Jahren hat Nestlé regelmäßig seine Dividende angehoben. Man hat daher mit einer Aktie auch einen gewissen Inflationsschutz drin, den man mit nominalen Papieren wie Anleihen nicht hat. Denn die Inflation führt auch dazu, dass die Unternehmensgewinne steigen.

STANDARD: Aber die Aktienmärkte bleiben brustschwach, das Handelsvolumen niedrig.

Vorndran: Aktien sind zu wenig stark in Portfolios vertreten. Das gilt für private Anleger, aber in sehr starkem Maße auch für die institutionellen. Diese werden vom Regulator verdonnert, in mündelsichere Anlagen zu investieren. Das soll auch die Finanzierungskosten für die Staaten niedrig halten. Basel III und Solvency II (Eigenkapitalregeln für Banken und Versicherungen; Anm.) wirken daher wie Zwangsanleihen.

STANDARD: Bankaktien sind in den vergangenen Wochen wieder deutlich unter Druck gekommen.

Vorndran: Wir halten keine Bankaktien. Unsere Politik ist, dass wir zu jeder Zeit die Bilanz unserer Unternehmen bis zur fünften Nachkommastelle analysieren und verstehen können. Das geht bei Banken nicht, die Bankvorstände wissen ja oft selber nicht, was sie für Werte in den Bilanzen haben. Europäische Banken verfügen zudem immer noch über viel zu wenig Eigenkapital. Es wird daher weiterhin zur Verwässerung von Altaktionären über Kapitalerhöhungen kommen.

STANDARD: Wann wird die Weltwirtschaft den Krisenmodus verlassen?

Vorndran: Die Studie von Reinhart/Rogoff legt nahe, dass die Krise bis 2017 dauern wird. Wir gehen davon aus, dass die Fed, die Bank of England und die EZB auch so lange die Zinsen auf dem aktuellen Niveau halten werden. Eine Zinserhöhung vor 2014 passt ökonomisch hinten und vorn nicht. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 18.4.2012)

PHILIPP VORNDRAN ist Kapitalmarktstratege beim Vermögensverwalter Flossbach & von Storch. Zuvor war er Chefstratege bei Credit Suisse. Vorndran ist am 19. April ein Key-Note-Referent des vom Business Circle veranstalteten CFO-Forums 2012 in Stegersbach.

  • Philipp Vorndran hält nicht viel von Bankaktien.
    foto: flossbach

    Philipp Vorndran hält nicht viel von Bankaktien.

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