Gottes Gewächse und Teufels Kraut

17. April 2012, 17:09
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Ein neues Buch erfasst die kulturelle Bedeutung der Pflanzen im Mittelalter

Sie wächst an trockenen Standorten im Mittelmeerraum und galt jahrhundertelang als die wirkungsmächtigste Pflanzenart Europas. Der Alraune, Mandragora officinarum, sprach man magische Kräfte zu. Das Gewächs sollte als Schlafmittel und in der Frauenheilkunde gute Dienste leisten. Gegen allerlei Schmerzen wurde der Verzehr bestimmter Teile der seltsam verzweigten Alraunenwurzel empfohlen. Mandragora ist hochgiftig. Angebliche Heilkundige setzten sie trotzdem ein. Man wird nie wissen, wie viele Menschenleben diese Praxis gekostet hat.

In historischen Texten finden sich noch viel mehr merkwürdige Ratschläge. Der Wiener Germanist und Keltologe Helmut Birkhan von der Österreichischen Akadamie der Wissenschaften stellt eine Auswahl davon in seinem neuen Buch "Pflanzen im Mittelalter - eine Kulturgeschichte" vor. Das Werk bietet seinen Lesern sowohl handfeste Informationen über mittelalterliche Nutzpflanzen als auch einen interessanten Einblick in die oft sehr skurril anmutende Denkweise damaliger mittelalterlicher Naturgelehrter und ihrer Zeitgenossen. "Es ist der Versuch, die Einstellung dieser Menschen der Pflanzenwelt gegenüber darzustellen", sagt der Autor.

Das damalige Weltbild war überaus anthropomorph, betont Birkhan. "Man glaubte, Gott habe den Menschen als Maß aller Dinge auf Erden gemacht." Dementsprechend wurde etwa angenommen, die Fasern in den Bäumen würden den menschlichen Adern gleichen. Eine solche Orientierung prägte auch die Volksmedizin. Das Knabenkraut, Orchideen der Gattung Orchis, galt in diesem Sinne als potenzsteigernd. Der Hintergrund: Die zweiteiligen Wurzelknollen der Pflanzen erinnern an Hoden, der Stängel ragt wie ein Penis darüber empor. Was so aussieht, musste einfach dem männlichen Genital guttun, erklärt Birkhan. "Das sind Vorstellungen, bei denen sich uns heute die Haare aufstellen." Doch so lange ist es noch nicht her, und nicht nur in Ostasien ist der Glaube an aller-lei Wundermittelchen noch immer lebendig. Auch in Teilen Europas werden nach wie vor Kräuter gesammelt, deren Wirkung umstritten ist. Magisch eingefärbtes Denken ist zählebig.

Geschenke des Schöpfers an den Menschen

Mittelalterliche Gelehrte studierten vor allem die "magia naturalis". Diese war gottgefällig, denn die Heilkräfte vieler Pflanzen galten praktisch als Geschenk des Schöpfers an den Menschen. Für die "magia diabolica" hingegen musste man einen Pakt mit dem Teufel und seinen Gehilfen eingehen. Der Glaube an diese Art von Zauber nahm gegen Beginn der Neuzeit zu und führte zu den Hexenverfolgungen, erklärt Birkhan. " Man darf sich das Mittelalter nicht als einheitlich vorstellen." Was vielleicht in Bayern verboten war, mag in Köln gängige Praxis gewesen sein.

Im Mittelpunkt des Buches stehen die Schriften des Regensburger Magisters Konrad von Megenberg und jene der berühmten Äbtissin Hildegard von Bingen. Letztere hat in ihrer Physica Anleitungen zum Gebrauch zahlreicher heilkräftiger Pflanzen niedergeschrieben und gilt als Urmutter der Naturheilkunde. "Mit ihr wäre ich aber nicht gerne Pilze sammeln gegangen", sagt Birkhan. Die Klosterfrau glaubte näm- lich, Pilzgewächse von feuchtkühlen Standorten seien schädlich für die Gesundheit und solche von warmen, trockenen Stellen wohltuend. Der giftige Grüne Knollenblätterpilz gedeiht jedoch genau dort.

Ein wesentliches Problem bei der Interpretation mittelalterlicher Werke ist die oft uneinheitliche Namensgebung von Pflanzen: Die Äbtissin erwähnt zum Beispiel Nardenkraut, auch Spica botanica genannt, als Mittel gegen Lungenschmerzen. Meinte sie die asiatische Narde, Valeriana jatamansi, oder die Alpenpflanze Speik, Valeriana celtica? Man weiß es nicht, sagt Birkhan: "Hildegard-von-Bingen-Produkte in Reformhäusern muss man äußerst skeptisch betrachten." (deswa)


Buchtipp

Helmut Birkhan: "Pflanzen im Mittelalter. Eine Kulturgeschichte". Böhlau, Wien 2012, 24,90 Euro

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    Dem Knabenkraut wurde im Mittelalter potenzsteigernde Wirkung zugesprochen.

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    foto: böhlau
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