"Der Dialekt ist wie eine Familie"

17. April 2012, 17:04
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Weniger Wörterbuch, mehr dem Volk aufs Maul schauen: Dafür plädiert die deutsche Germanistin Alexandra Lenz, die keine scharfen Trennlinien zwischen Deutsch und Österreichisch sieht.

STANDARD: Sie sind seit einem Jahr in Österreich. Welches Wort war ihr erstes "wienerisches"?

Alexandra Lenz: Das war Haberer. Ich war mit dem Soziolinguisten und Dialektforscher Manfred Glauninger der Österreichischen Akademie der Wissenschaften bei einer Veranstaltung. Er wurde recht herzlich mit den Worten "Da ist ja mein Haberer!" begrüßt. An der Art habe ich erkannt, dass das Wort positiv besetzt ist. Haberer wird nicht oft gebraucht, oder?

STANDARD: In der Anrede nicht, das stimmt. Oida wird viel häufiger gebraucht.

Lenz: Oida höre ich an der Uni von Studenten sehr oft, auch von jenen, die nicht aus Wien kommen. Wir sagen in Hessen ja etwas ganz Ähnliches. Ei Alda! Man sieht, wir sprechen alle die gleiche Sprache, eine Gesamtsprache mit vielen Nuancen.

STANDARD: Ist der Unterschied zwischen Stuhl und Sessel eine solche Nuance zwischen Deutschland und Österreich?

Lenz: Das würde ich nicht nach Landesgrenzen unterscheiden. Ich nahm letzte Woche an einer Sitzung teil und sah, dass wir noch Stühle brauchten. Als ich das sagte, korrigierte ich mich sofort auf Sessel. Danach hörte ich aber von österreichischen Kollegen, dass sie beides verwenden, weil es für sie unterschiedliche Dinge sind. Sessel ist demnach ein klassischer Küchenstuhl ohne Polsterung, Stuhl ist etwas Bequemeres. Das fand ich interessant. Und es zeigt, dass die Sprache, die wir sprechen, nichts Starres ist und kein fixes, über Jahrhunderte eingemeißeltes Regelwerk hat. Sprache hat auch selten Landesgrenzen.

Man unterscheidet heute Sprachvariationen im Deutschen doch eher nach Regionen, nicht nach Staaten – und das ist schon richtig so. Warum sonst könnten sich Vorarlberger und Schweizer bestens auf Alemannisch unterhalten und darauf stolz sein? Anderswo werden Sprachvariationen erkannt, aber nicht als Grenzen gesehen: Ich komme aus Westmitteldeutschland – und habe vie- le Freunde aus Ostmitteldeutschland. Wenn die "Broiler" und nicht "Hähnchen" sagen, dann sagen wir in Hessen sicher nicht "Aha, du kommst aus der alten DDR" , sondern "Du kommst aus Berlin".

STANDARD: Sind Sie mit Ihren Freunden da nicht eher die Ausnahme von der Regel?

Lenz: Ich glaube, dass Sprache immer stärker zur plurizentrischen Größe wird und dass nationalistische Gedanken dabei in den Hintergrund treten. Ich muss wieder vom Dialektforscher Glauninger reden. Er erzählt gern eine Anekdote aus seinen Vorlesungen. Die Studenten haben demnach auf die Frage, woran sie merken, dass sie in ein anderes Land, zum Beispiel von Österreich nach Deutschland fahren, gesagt: Daran, dass das Handynetz ein anderes wird.

STANDARD: Karl Kraus soll über Deutsche und Österreicher einmal gespottet haben, dass das, was uns trenne die gemeinsame Sprache sei. Gilt dieser Satz etwa heute nicht mehr?

Lenz: Ich glaube nicht, dass es diese Trennlinie in dieser Schärfe jemals gegeben hat. Dass man in Deutschland zum Beispiel Abitur, hier Matura, dass man in Deutschland meist Frikadellen und hier Fleischlaberl sagt, kann ich nur als Sprachvariation sehen. Was man aber bedenken muss: Sprache ist mehr als der Austausch neutraler Informationen. Sprache hat auch viel mit Einstellung zu tun. Wie nehme ich eine Sprache, einen Dialekt wahr? Wie nehme ich diese regionale Färbung wahr, wenn der Sprecher Hochdeutsch spricht? Das führt direkt zur Bewertung. Sächsisch kommt immer recht schlecht an, nicht der Dialekt, sondern die Färbung der hochdeutschen Sprache. Bayerisch ist hingegen positiv besetzt. Man verbindet mit Sprachfärbungen auch bestimmte Eigenschaften ...

STANDARD: Langsamer, bedächtiger verbindet man mit dem Wienerischen ...

Lenz: Ja, vielleicht, und streng mit dem Bundesdeutschen, weil Deutsche angeblich so schnell reden. Das sagen auch die Niederländer, nicht nur die Österreicher. Andererseits findet man Regionen, die durch Sprache und Dialekt gewissermaßen markiert sind, sympathischer. Da gehört Wien sicher dazu, Hessisch auch, Steirisch und vieles mehr. Das wirkt offenbar wie eine Familie, die zusammenhält. Das hat etwas Identitätsstiftendes.

STANDARD: Wird die Identifizierung mit einem Dialekt nicht andererseits immer schwieriger?

Lenz: Ja, besonders in den Großstädten. Das liegt aber daran, dass hier sehr viele Sprachvariationen und Kulturen aufeinandertreffen und durchmischt werden. Deswegen hat ein Doktorand an der Uni gerade größte Probleme, junge Wiener zu finden, die den Dialekt wirklich sprechen. Da ist vielleicht Steirisch, vielleicht Niederösterreichisch dabei. Da und dort kommen Väter aus Ungarn, Mütter aus Tschechien oder beide Eltern aus einem anderen Land. Auch dann hat der Dialekt eine Färbung. Sprache ist insofern natürlich auch ein Spiegel von Bevölkerungsentwicklungen.

STANDARD: Spielt der Dialekt für die Jugend überhaupt noch eine Rolle?

Lenz: Die Jugend spricht ihre eigene, von Interessen geprägte Sprache, die so gut wie keinen unmittelbaren Einfluss auf Sprachentwicklungen hat. Jugendsprache ist Szenesprache. Irgendwann, wenn man erwachsen wird, löst sich das meist in nichts auf. Den Dialekt verwenden Schweizer Jugendliche interessanterweise ausgerechnet in der elektronischen Kommunikation via SMS oder in Chats. In Deutschland oder Österreich ist das nicht so ausgeprägt, da wird mehr die Umgangssprache gebraucht.

STANDARD: Was entsteht dann, wenn diese Umgangssprache verschriftlicht wird? Schlechte Noten in der Schule?

Lenz: Wir haben eine Sehnsucht nach Schwarz-Weiß-Klassifikation. Das merke ich in meinen Grammatik-Vorlesungen. Es gibt einige Zweifelsfälle, wo eine Entwicklung im Gange ist. Da sind die Studenten ratlos, weil sie gerne ein Nachschlagewerk hätten, das ihnen sagt, was richtig und was falsch ist. Da müssten wir in unseren Bewertungssystemen offener sein.

STANDARD: Müssen wir also die Regeln, die der Duden oder das Österreichische Wörterbuch vorgeben, aufbrechen?

Lenz: Man müsste sie wissenschaftlicher, also empirischer gestalten und schneller als bisher hinterfragen können, ob sie noch zeitgemäß sind. Es ist wichtiger, wie die Leute selbst sprechen, es ist nicht so wichtig, wie sich das ein paar Experten im Kämmerlein ausgedacht haben. Wenn eine große Zahl im deutschen Sprachraum "Ich bin gesessen" und nicht "ich habe gesessen" sagt, dann hat in keinem Nachschlagewerk der deutschen Sprache eine strenge Regel zu stehen. Da gehören dann beide Varianten gleichberechtigt nebeneinandergestellt. Es zeigt sich dann ohnehin, was die Leute eher verwenden. Man muss ihnen nur aufs Maul schauen, das hat schon Martin Luther gesagt. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 18.4.2012)

=> Termin Sprachvariationen im Schloss

Termin: Sprachvariationen im Schloss

Eine herrschaftlichere Umgebung hätten sich die Germanisten, Soziolinguisten und Dialektforscher kaum aussuchen können für eine Tagung, in der es nicht zuletzt darum geht, was Menschen auf der Straße sprechen: "Deutsch in Österreich – Theoretische und empirische Aspekte der Variationslinguistik und Mehrsprachigkeitsforschung" findet vom 19. 4. bis 21. 4. im Tagungszentrum Schloss Schönbrunn (Apothekertrakt, Zugang Grünbergstraße, Meidlinger Tor, 1130 Wien) statt. Am 19. 4. gibt es zusätzlich von 17.30-19.30 Uhr eine Podiumsdiskussion: "Was heißt eigentlich Mehrsprachigkeit?"

Im Organisationsteam war sowohl Alexandra Lenz als auch der Dialektexperte Manfred Glauninger von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. (pi)

Alexandra Lenz, geboren 1971 in Nastätten/Taunus in Deutschland, studierte in Mainz Germanistik, Mathematik und Romanistik. Sie ist seit 2010 Professorin für Germanistische Sprachwissenschaft an der Uni Wien und seit 2008 kooptierte Professorin am Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas der Philipps-Universität Marburg. Davor war sie an der Rijksuniversiteit Groningen in den Niederlanden.

  • Die Germanistin Alexandra Lenz meint, dass nicht Nachschlagewerke allein 
bestimmen sollten, was richtig oder falsch in der deutschen Sprache ist.
    foto: standard/heribert corn

    Die Germanistin Alexandra Lenz meint, dass nicht Nachschlagewerke allein bestimmen sollten, was richtig oder falsch in der deutschen Sprache ist.

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