Marco Polo war tatsächlich in China

22. April 2012, 18:24
  • "Hie hebt sich an das puch des edeln Ritters vnd landtfarers Marcho Polo, in dem er schreibt die grossen wunderlichen ding dieser welt": Der venezianische Reisende in der ersten deutschen und der überhaupt ersten gedruckten Ausgabe von Marco Polo.
    foto: friedrich creussner, 1477

    "Hie hebt sich an das puch des edeln Ritters vnd landtfarers Marcho Polo, in dem er schreibt die grossen wunderlichen ding dieser welt": Der venezianische Reisende in der ersten deutschen und der überhaupt ersten gedruckten Ausgabe von Marco Polo.

Deutscher Sinologe räumt nach gründlicher Studie chinesischer Quellen letzte Zweifel an der Reise des Venezianers aus

Immer wieder äußerten Historiker wie Laien Zweifel daran, dass Marco Polo im 13. Jahrhundert tatsächlich bis nach China gereist war. Auch wenn die Mehrheit der Experten mittlerweile davon ausgeht, dass die Reisebeschreibungen des Venezianers weitgehend der Wahrheit entsprechen, so äußern einige Wenige Vorbehalte und meinen, Polo wäre höchstens bis ans Schwarze Meer, nach Konstantinopel oder bis ins Reich der Ilkhane in Persien gelangt habe dort all seine Informationen entweder von Kaufleuten oder aus nicht mehr existierenden persischen Handbüchern erhalten. Eine ausführliche und gründliche Studie chinesischer Quellen des Sinologen Hans Ulrich Vogel von der Universität Tübingen erbringt neue, überzeugende Anhaltspunkte, dass der berühmteste Reisende des Mittelalters tatsächlich im Reich der Mitte war.

In seinem beim Brill-Verlag in Leiden erscheinenden Buch Marco Polo was in China: New Evidence from Currencies, Salts and Revenues räumt Hans Ulrich Vogel, Professor für Sinologie an der Universität Tübingen, gründlich mit der Mär auf, dass der Venezianer nicht im Fernen Osten gewesen sei. Sein Buch beginnt mit einer umfassenden Darstellung der Argumente, die gegen oder für einen China-Aufenthalt des Venezianers sprechen. Eine Sichtung der relevanten chinesischen, japanischen, italienischen, französischen, deutschen und spanischen Literatur zeigt ein eindeutiges Ergebnis: Den wenigen, bereits seit Jahrzehnten bekannten und auch durchaus erklärbaren Problemen des Polo-Buches steht eine erdrückende Mehrzahl von verifizierten und über Jahrhunderte hinweg einmaligen Informationen über China gegenüber.

Fehlender Hinweis auf die Große Mauer

Zweifel an Marco Polos Präsenz in China tauchen seit Mitte des 18. Jahrhunderts periodisch auf und werden oft mit denselben Argumenten vorgetragen. Wenn der Venezianer tatsächlich in China gewesen sei, so die Zweifler, hätte er mit Gewissheit über die große Mauer berichtet. Dabei hat die Forschung in Ost und West schon längst erwiesen, dass die Große Mauer, wie wir sie heute kennen, ein Produkt der Ming-Dynastie (1368-1644) war und frühere, aus Stampflehm hergestellte Wälle längst zerfallen waren und ihren militärischen Sinn im mongolischen Weltreich verloren hatten. Ein anderes Argument, das häufig vorgebracht wird, ist, dass keine chinesische Quelle Marco, seinen Vater und seinen Onkel erwähnt. Es handelt sich dabei um eine völlige Überschätzung der Dokumentationsdichte und -absichten der chinesischen Historiographie. Selbst Giovanni de Marignolli (1290-1357), ein wichtiger päpstlicher Gesandter zum Hof der Yuan-Herrscher, findet keine Erwähnung in den chinesischen Quellen, weder seine 32 Begleiter, noch der Name des Papstes. Lediglich das "himmlische Pferd", das 1342 als Tribut aus dem "Reich der Franken" überreicht wurde, wird genannt.

Anschließend beschäftigt sich Hans Ulrich Vogel mit einem Gebiet, das von der Forschung aufgrund seiner Komplexität und der dafür erforderlichen historischen Expertise weitgehend vernachlässigt worden ist, nämlich Marco Polos Angaben über Währungen, Salzproduktion und Einnahmen aus dem Salzmonopol. Vogel kommt zum Schluss, dass kein anderer westlicher, arabischer oder persischer Verfasser so detailliert, zutreffend und einmalig über die Währungssituation im mongolischen China berichtet. So legt der Venezianer als einziger seiner Zeitgenossen höchst genau dar, dass das Notenpapier aus der Rinde des Maulbeerbaumes (Morus alba L.) hergestellt wird. Er beschreibt nicht nur die rechteckige Form und Größenabstufungen zutreffend, sondern auch die Verwendung von Siegeln und die verschiedenen Denominationen, in denen Papiergeld ausgegeben wurde.

Die Monopolisierung von Gold, Silber, Perlen und Edelsteine durch den Staat im Zwangstausch gegen Papiergeld und die Bestrafung für Falschgelddelikte werden von ihm ebenso behandelt wie die exakt 3-prozentige Umtauschgebühr für abgenutzte Geldscheine und die umfängliche Verwendung des Papiergeldes in offiziellen und privaten Zahlungen und Transaktionen. Der Venezianer ist zudem der einzige, der verdeutlicht, dass zu seiner Zeit nicht in allen Teilen des Reiches das Papiergeld zirkulierte, sondern vor allem im Norden und in den Regionen entlang des Yangzijiang, nicht jedoch in Fujian und vor allem nicht in Yunnan, wo seinen Worten zufolge hauptsächlich Kauris, Salzgeld, Gold und Silber verwendet wurden. Diese einmaligen Angaben finden ihre Bestätigung in den chinesischen Texten und Überresten jener Zeit. Die meisten dieser Quellen wurden erst weit nach der Zeit Marco Polos zusammengestellt oder überliefert. Es ist von daher auszuschließen, dass der Venezianer Informationen aus diesen Quellen bezogen hat. Er hätte sie aufgrund seiner fehlenden Chinesischkenntnisse auch gar nicht lesen können.

Vorteilhaft für den Khan

Diese und andere Daten, deren Präzision bisher noch nicht richtig gewürdigt worden ist, sprechen in der Tat dafür, dass der Venezianer in Diensten des Großen Khans stand. Wie chinesische Quellen belegen, wäre er nicht der einzige Jüngling gewesen, den Kublai Khan (1215-1294) unter seine Fittiche genommen und den er mit wichtigen Aufgaben betraut hätte. Für den mongolischen Herrscher war es zudem politisch vorteilhaft, dass Männer aus allen Teilen der bekannten Welt ihm, dem Großen Khan, ihre Reverenz erwiesen und in seine Dienste traten, nicht nur aufgrund ihrer fachlichen Kompetenzen, sondern auch zur Festigung der nicht unumstrittenen Legitimität seiner Herrschaft gegenüber seinen chinesischen Untertanen.

Und wie verhält es sich mit Marco Polos Millionen, beispielsweise seiner Angabe, dass allein die Salzeinkünfte von Kinsay und seinem Territorium dem Khan jährlich ein Einkommen von sagenhaft 5,8 Millionen saggi Gold bescherten? Mittels Umrechnung in Papiergeld zu den bekannten offiziellen Austauschraten kommt Vogel zum Schluss, dass auch diese Angaben keineswegs aus der Luft gegriffen sind, sondern ausgesprochen gut mit entsprechenden chinesischen Daten über das Salzmonopol von Liangzhe aus der Zeit vor 1287 übereinstimmen. Dies verdeutlicht, dass der Venezianer keineswegs den Spitznamen "il milione", eines Fabulierers, verdient hat und dass er diese und andere, über die kommenden Jahrhunderte hinweg einmaligen Informationen über China nur durch seine Präsenz in China selbst und das, was er dort gesehen und gehört hat, bezogen haben kann. Das Fazit dieses Buches, das im Rahmen der DFG-Forschergruppe 596 "Monies, Markets and Finance in China and East Asia, 1500-1900" entstanden ist, lautet also: Marco Polo war in China. (red, derstandard.at, 21.4.2012)

Share if you care
15 Postings
Fehlender Hinweis auf die Grosse Mauer

Die Mauer war schon seit 2000 Jahren in China. Aber im derizehnten Jahrhundert war in Wander der Jahre schon Teil davon in Ruine geworden. Ming Dynastie hatte die Mauer wieder renoviert und verlaengert. Besonders die Strecke in der Naehe von Peking. Deshalb hatte Marco Polo sie nicht gesehen, und nicht berichtet.

und warum muss man in Tübigen Englisch schreiben?

Vielleicht damit nicht nur 0,028% der Menschheit den Text verstehen. Wobei sich ein großer Teil dieser 0,028% gar nicht dafür interessieren dürfte.

man sollte sogar als österreichischer Wissenschaftler englisch schreiben können, was für ein Schreckgespenst

wichtiger wären österreichische Politiker...

..weil nicht nur leute aus thübingen das lesen werden.

Genau! Die sollen gefälligst auf Deutsch schreiben, die Germanischen Brüder. Am besten auf Althochdeutsch. Kampf der Invasion der ausländischen Sprachen!

Englisch in Tübingen.
Die Frage ist gut aber leicht zu beantworten.
Vor der grossen Wissenschaftlervertreibung im 3. Reich war die Weltsprache der Wissenschaft zum Grossteil deutsch.
Viele dieser klugen Köpfe emigrierten in die Usa und nach England und schrieben ihre Erkenntnisse dann natürlich auf englisch.
Dass die Weltsprache der Wissenschaft nun Englisch ist verdanken wir daher dem grossen Adi.

Weil...

... Publikationen, die auch Reichweite besitzen sollen in Englisch geschrieben werden müssen. Das hat sich durchgesetzt und dürfte zudem auch keine weiteren Schwierigkeiten bereiten, schlimmer wäre eine Publikation auf Chinesisch. ;)

Weil man von der Fachwelt im Original gelesen werden will oder die Projektsprache Englisch ist?

Ohne ihn hätten wir nie vom umfallenden Sack Reis erfahren …

;)

...und manche sind noch heute darüber nicht hinweg ;)

und die Leiberl die er mitgebracht hat sind heute noch zu eng geschnitten

oh mann,...

...das waren noch echte abenteurer!

Stimmt.

Und damit alle auch soclhe Abenteuer erleben können, hat er, nachdem er seine Bekleidungsfirma gegründet hatte, auch ein Reisebüro ins Leben gerufen. Ein echter Tausendsassa, der Marco!

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.