Rundschau: Welten am Draht

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coverfoto: heyne

William Gibson & Bruce Sterling: "Die Differenzmaschine"

Broschiert, 623 Seiten, € 10,30, Heyne 2012 (Original: "The Difference Engine", 1991)

Hmmm. Eine Übung in Empathie: Was wohl ein begeisterter Steampunk-Jungfan, der sich über die Romane von Gail Carriger, Cherie Priest & Co ans Thema herangetastet hat und dann liest, dass "Die Differenzmaschine" einer der Grundsteine des Genres gewesen sei, letztlich vom Buch halten wird? Immerhin hat der 1991 in Kooperation der Cyberpunk-Gründerväter William Gibson und Bruce Sterling entstandene Roman einen Ruf wie Donnerhall. Und das durchaus zu Recht, auch wenn es einige Dinge gibt, die er sehr gut ... und andere, die er überhaupt nicht kann. Zum Beispiel eine lineare und homogene Geschichte erzählen; der Roman hat mindestens so viele offene Enden wie Anfänge und birgt damit einiges an Frustpotenzial. Dafür wartet er mit einer überaus raffinierten Erzählstrategie auf, die das, worauf es letztlich wirklich ankommt, hinter einer vordergründigen Handlung und einem vermeintlich im Zentrum stehenden Gesellschaftsbild versteckt. Daher: Schau genau!

Das Jahr ist 1855, der Ort London, die Umstände sind andere als die in unseren Geschichtsbüchern. Hier hat Computerpionier Charles Babbage die von ihm ersonnene und mangels ausreichender Technologie nie verwirklichte Differenzmaschine - einen mechanischen Computer - tatsächlich gebaut. Als Folge haben die industrielle und die Informationsrevolution synchron stattgefunden und schreiten zur Romanzeit weiterhin munter voran. Datenverarbeitung, Überwachungsstaat und sogar Hacker: Es sind durchaus vertraute Phänomene, die hier in viktorianischem Gewande daherkommen. Der Eindruck, dass Gibson und Sterling nach zehn Jahren Cyberpunk vielleicht einfach mal Lust auf etwas anderes gehabt hätten, relativiert sich damit bis ins Gegenteil: "Die Differenzmaschine" fügt sich nahtlos in eine Epoche der informationstechnologisch geprägten Hard SF ein, die vom Cyberpunk der 80er bis zu den Singularitätsromanen der 90er und 00er Jahre reicht.

Stellt man - und das ist nur ein vermeintliches "no na" - die ProtagonistInnen in den Vordergrund, dann ist die "Differenzmaschine" weniger ein Roman als zwei Novelletten, die sich um einen langen Mittelteil schmiegen. Da wäre zunächst Sybil Gerard, eine Prostituierte, die von einem selbstgefälligen Möchtegern-Agitator als "Abenteuerlehrling" in eine außenpolitische Intrige hineingezogen wird. Dann der Paläontologe Edward Mallory, der aus seiner Welt der akademischen Eitelkeiten herausgerissen wird, als ihm ein mysteriöses Set von Computer-Lochkarten in die Hand gedrückt wird. Und der "Journalist"/Spion Laurence Oliphant, der die Verbindung zwischen den beiden herstellt - wenn auch erst sehr spät. Viel mehr ist zum vordergründigen Plot nicht zu sagen, der Roman folgt wie gesagt nicht herkömmlichen Erzählstrukturen. Die jeweiligen Hauptfiguren treten in Erscheinung, um anschließend sang- und klanglos wieder zu verschwinden. Sybil beispielsweise taucht zwischendurch für 400 Seiten ab.

Den eigentlichen Kitt zwischen den Abschnitten bilden die Lochkarten. Und auch wenn sie sich am Ende als megamäßiger MacGuffin (also ein letztlich bedeutungsloses Objekt, das nur die Handlung vorantreibt) zu entpuppen scheinen, haben sie doch eine Funktion. Nicht umsonst sind die einzelnen Abschnitte des Buchs als "Iterationen" bezeichnet, als schrittweise Zugriffe auf eine Sammlung von Daten. Auch werden sie stets mit der Beschreibung einer Fotografie der jeweiligen Hauptperson eingeleitet. Nicht immer wird der Fotograf genannt - und wer hat die Bilder gesammelt? Am Ende des Buchs folgt eine "Modus" benannte, scheinbar willkürliche Aneinanderreihung von Dokumenten und Zeugnissen, die ein historisches Panorama entfalten, aber auf noch mehr hinauslaufen. Ein erläuterndes Nachwort hätte sich in der Jubiläumsausgabe übrigens gut gemacht. Wer nach dem Umblättern der letzten Seite glaubt, er verstehe die Welt nicht mehr, kann aber zumindest ein Interview nachlesen, das Bruce Sterling mit "Infinity Plus" geführt hat. Aber nicht vorher nachgucken!

Zugegeben, in mancher Hinsicht hat die Zeit am Nimbus des Romans gekratzt. Die detailreiche Schilderung des viktorianischen England, das Faktenwissen um präelektronische (bzw. sogar präelektrische) Technologie oder Cameo-Auftritte von passend gewählten Figuren der Historie wie der Mathematikerin und "ersten Computer-Programmiererin" Ada Lovelace - all das ist bei heutigen Steampunk-Romanen Standard, zumindest bei den guten. In diesem Punkt ist "Die Differenzmaschine" nicht mehr singulär - allerdings mussten Gibson & Sterling bei der Recherche noch ohne Wikipedia auskommen, sich also wirklich mit dem Thema beschäftigen. Und das haben sie getan: Ein großer Teil der Auftretenden sind entweder historische Persönlichkeiten oder - extrapfiffig - Romanfiguren von AutorInnen jener Zeit.

Mit dem freigeistigen Lord Byron steht sogar ein Autor an der Spitze dieses alternativen Großbritannien. Seine Partei der Radikalen hat den Adel verjagt und eine Meritokratie eingeführt. Demonstrativer Säkularismus und Wissenschaftsgläubigkeit feiern fröhliche Urständ und kollidieren auf vergnügliche Weise mit einer Weltsicht, die der davongaloppierenden Technologie mühsam hinterherhinkt: "Jede Frau braucht einen Mann, der ihre Zügel hält", behauptete Fraser. "Das ist Gottes Plan für die Beziehungen von Männern und Frauen." Mallory runzelte die Stirn. Fraser sah seinen Blick und dachte noch einmal nach. "Es ist die evolutionäre Anpassung der menschlichen Rasse", verbesserte er sich dann. Mallory nickte bedächtig.

Der im Roman beschriebene Umbruch bringt das moralische Fundament der Gesellschaft ins Wanken, dies führt zu Unruhen und schließlich zum Ausbruch offener Anarchie. Es wirkt, als wäre das Königreich unter Byron und seinen Mit-Visionären zu einem einzigen wissenschaftlichen Experiment mutiert. Ob der einzelne Mensch mit der sich stets beschleunigenden Entwicklung noch mithalten kann, ist nicht weiter von Belang. Dieser Punkt verankert "Die Differenzmaschine" jenseits aller viktorianischen Nostalgie fest in der Gegenwart, auch noch 20 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung. Und - zum letzten Mal sei es gesagt - das ist immer noch nicht die eigentliche Geschichte ... Kein Roman für Freunde des linearen Erzählens (wie ich selbst auch einer bin), aber dennoch ein beeindruckend guter.

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J. Josefson
03
27.5.2012, 14:23
(Tsss, immer diese Ungeduld ...)

Mit der Zeit, mit der Zeit
wird aus dem Maulbeerblatt ein Seidenkleid.

Nächsten Samstag dann.

Ist halt leider so, dass sich die Zeit zwischen ihren Beiträgen, subjektiv viel länger anfühlt.;)

*Freu!* Und danke für die Antwort.

mirage jetzt angelesen. schwer zu empfehlen (danke josefson)!

das world-building ist in der tat sehr unterhaltsam, und zudem gut gemacht und in die handlung eingewoben, und als ergänzung die alexandria-einträge...musste ein paar mal wirklich laut lachen....

wo bleibt eigentlich das "alternative geschichte" hype

science fiction haben wir hinter uns, fantasy auch, superhelden holen keinen hund mehr hinterm ofen hervor.

bleibt noch das spiel mit der historie. wann wird das endlich mainstream mit hollywood blockbustern computerspielen und einer romanschwemme?

Das ist eine wirklich interessante Frage. Insbesondere für Filme. Vermutlich liegt es daran, dass sich niemand an in Hollywood an niveauvolle Inhalte herantraut, ohne Aktschn & 3D & Computergrafik scheint es nicht zu gehen ...

Da wären eigentlich die Europäer gefragt.

Wer mag: Was wäre denn da ein guter Stoff zur Thematik?

nun ja sky captain and the world of tomorrow.

Iron sky, watchmen. Ein bisschen was ist schon gekommen.

Wir Europäer schreiben lieber Fantasy.

Zumindest die Leute, die ich kenn.
Oh, ich auch.
Demnächst aber mal Horror, wird also spannend.
Es macht halt Spaß, was soll man sagen? Geschichte interessiert mich nicht genug um was damit zu machen.

och da gäbe es genug

was wenn das kalifat in spanien erhalten geblieben wäre?

was wäre wenn stanislaw petrow seine befehle ausgeführt hätte?

was wäre wenn alexander der große nicht jung gestorben wäre?

was wäre wenn die pragmatische sanktion niemals inkraftgetreten wäre?

was wäre wenn die industrielle revolution mit dampfmaschinen im alten griechenland stattgefunden hätte?

was wäre wenn der mithraskult es statt dem christentum geschafft hätte?

was wäre wenn der 11. september verhindert worden wäre?

was wäre wenn die fliegerei nie erfunden worden wäre?

was wäre wenn alexios III nicht geflohen wäre und seine truppen zum sieg geführt hätte?

ich könnte hier noch weiterschreiben bis morgen :)

dazu gibt es eine nette tvserie, "sliders", dort werden unzählige varianten abgehandelt, auch dass die dinosaurier überlebt haben ;-) oder die rom nicht untergegangen ist

http://www.uchronia.net/

Ist wohl die ausführlichste Seite zum Thema "alternate history".

danke für den link

erstaunlich viele bücher zu den themen nazis und nordstaaten-südstaaten.

allerdings muss ich zugeben auch die einige meiner vorschläge sind zu finden.

Dass der Sezessionskrieg thematisiert wird, wundert nicht, ist ja ein griffiges Sujet amerikanischer Geschichte.

Die NS-Thematik hingegen ... entweder liegt es am Beitrag einer älteren Autorengeneration oder am "Dauerbrenner-Faktor", den diese Thematik noch immer hat oder an beiden Umständen.

Wäre vielleicht ganz interessant, dies genauer zu analysieren. Stoff genug gibt es ja ...

;-)

"Geschichte machen" (Making History) von Stephen Fry wäre für mich die erste Wahl.

"Making History"

das halte ich tatsächlich für einen seiner besten und spannendsten romane.

Replay - Das zweite Spiel, von Ken Grimmwood.

Würde ich schon ganz gerne mal als Film sehen.

yes!

Replay ist ein genialer Roman, nach den ersten 20 Seiten kann man das Buch kaum noch aus der Hand legen. Spannung bis zum zerreissen, herrlich!

Wieder einmal eine Rundschau, die gefallen kann!

Matt Ruff wird 's diesmal werden. Differenzmaschine wird nach langer Zeit wieder angelesen (obwohl so etwas immer wieder eigenartig ausgehen kann).

Kage Baker - hier erwähnt - ist allein durch ihre Company-Werke für mich unvergesslich. Traurig, dass sie nicht mehr ist ...

Mal ist mehr, mal weniger dabei

Heute macht mich vor allem Heidrun Jänchen und (das in einem Halbsatz erwähnte) Buch von Michael Chabon neugierig.
Keep ip the good work, Josefson. Ich freue mich immer wenn ich auf der Startseite eine neue "Rundschau" entdecke.

btw und weil ich anscheinend an sonntagen ncihts besseres zu tun habe: ein blick in die zukunft quasi http://www.randomhouse.de/content/d... he2012.pdf

Matt Ruff ist ein verdammtes Genie.

"... eine von manchen Alt-1868ern herbeigefaselte "Technophobie des weiblichen Gehirns"..."

Ist das jetzt auch eine Steampunk/Parallelwelt-Pointe ...? ;-)

hm. ist mein post irgendwie verloren gegangen. nun seis drum:
ready player one ist auch grossartig, wenn man es nicht so ganz genau mehr weiß, immerhin haben die älteren ja davon erzählt etc. (hey, mit jahrgang 80, da hat mans nun wirklich nicht richtig miterlebt.) auch "devils cape" und der neue matt ruff sind ganz ganz empfehlenswert meine ich. der gibson/sterling hat mich zwar gefesselt, ließ mich aber ratlos zurück. aber so gehts mir mit gibson eigentlich immer, weiß auch nicht, vielleicht liegts an mir...

ups, da unten ist ja mein erster beitrag doch noch...

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