"Ich bin ein Mann der Ekstase"

Interview17. April 2012, 17:35
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Austrofred kehrt auf die Konzertbühnen zurück - Der Superstar über das Altern, sehr eng anliegende Bühnen-Outfits und darüber, dass sich das Publikum lieber gut benehmen sollte

STANDARD: Herr Austrofred, Sie gelten dank Ihrer literarischen Arbeiten "Ich rechne noch in Schilling" und "Du kannst dir deine Zauberflöte in den Arsch schieben" als eine der wichtigsten literarischen Stimmen in diesem Land. Man hatte Sie schon für die österreichische Rockmusik verloren geglaubt. Was bewegt Sie gerade jetzt zur Rückkehr in die großen Konzertsäle?

Austrofred: Es sind immer öfter Menschen auf der Straße an mich herangetreten (oder sie haben mir von hinten auf die Schulter gedappelt) und mich gefragt, ob ich leicht schon in Frühpension bin - die literarischen Erfolge haben mein Rocknaturell vollkommen in den Hintergrund gerückt! Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Weil bei aller Liebe zur Schreiberei: Im Herzen bin ich ein Rockmusiker, ein Mann der Ekstase. Rockmusik ist eine körperliche Sache, weswegen der Rockmusiker auf der Bühne auch ausspucken darf. So wie ein Fußballer. Wenn du bei einer Lesung ausspuckst, dann nennt dich ganz Döbling nur noch den "Proleten". Ich weiß, wovon ich rede.

STANDARD: Trotz aller versuchten Zähmung durch die Hochkultur, die Sie ja vor allem auch aufgrund Ihres Briefwechsels mit Wolfgang Amadeus Mozart mit offenen Armen empfangen hat, will das Tier in Ihnen also wieder in die große Arena voller kreischender Fans. Was darf man sich von Ihrer neuen Show erwarten?

Austrofred: Meine größten Hits im Remaster-Sound, reife neue Stücke, die tief in mein Inneres blicken lassen, äußerst eng anliegende Outfits und vor allem eine Lichtshow, die sich wirklich gewaschen hat. Ich habe nämlich festgestellt, dass es kaum mehr Musikhörer gibt, die wegen der Musik auf Konzerte gehen. Diese Leute muss man mit einem gewissen Event-Charakter ködern. Intern nenne ich diese Show meine "Mehrzweckhallen-Klangwolke". Ich glaube, das sagt einiges aus.

STANDARD: Wenn man sich alte Live-Videos Ihrer Vorbilder Freddie Mercury und Queen heute anschaut, wirkt das fast ein wenig brav und antiquiert. Aktuelle Stadionshows, etwa von Lady Gaga oder Madonna, setzen neben dramatischen Explosionen und Lichteffekten sehr stark auf den Sexfaktor. Wie weit ist hier ein Austrofred bereit zu gehen?

Austrofred: Für mich gehört Körperarbeit zu meinem Beruf. Mein Body ist neben meiner Voice mein größtes Kapital. Trotzdem bin ich doch so weit katholisch erzogen, dass ich ein gewisses Niveau nicht unterschreiten würde. Übrigens weiß ich aus sicherer Quelle, dass das, was man bei einer Madonna auf der Großbildleinwand sieht, live im Schnittraum gephotoshopt wird. Was da rennt, das kannst du dir nicht vorstellen.

STANDARD: Wenn ich mir den kritischen Einwand erlauben darf: Gerade im Genre des Austropop ist es doch so, dass man sich die Photoshop-Technik oft herbeiwünscht. Eine Frage, die sich jeder Altrocker gefallen lassen muss: Wie gehen Sie mit dem Älterwerden um? Stichwort: Oben wird es weniger, unten wird es mehr.

Austrofred: Ich muss zugeben, dass dieses Problem in der Rockmusik noch nicht zufriedenstellend geklärt ist, aber da muss man halt bereit sein, verkrustete Genre-Grenzen zu überwinden. Ich habe für mich den Vorsatz gefasst, mich im Alter - optisch! - stärker am Schlagerbereich zu orientieren. Weil wenn man sich den Roland Kaiser oder den Carpendale anschaut, dann sind das fesche Männer, noble Herren. Dagegen war ich kürzlich beim Uriah-Heep-Konzert, und obwohl es musikalisch einwandfrei war, muss ich sagen, ästhetisch geht das so nicht. Für mich hat Rockmusik immer auch mit einer unterschwelligen Sexualität und Verführung zu tun. Das habe ich bei Uriah Heep so nicht empfunden.

STANDARD: Wenn man in einer Ihrer mit klassischen Rollenbildern zwischen testosteronhaltigem Brunftgebaren und verführerischen Ballettschritten spielenden, Entschuldigung, sexy Shows steht, wird auch eines klar: Wer einen überzeugenden Auftritt hinlegen will, muss mit sich selbst im Reinen sein. Er muss sich selbst gern haben und darf von keinem Zweifel angekränkelt sein. Zweifel ist der Tod des Glaubens. Sie als ehemaliger katholischer Internatsschüler können sicher etwas über den spirituellen Charakter der Rockmusik sagen.

Austrofred: Da muss ich eine wichtige Einschränkung anbringen. Wenn ich nämlich auf der Bühne auch immer sehr stark und sicher wirke, bin ich privat eine doch sehr sensible künstlerische Persönlichkeit. Ich bin nämlich vom Sternzeichen her ein Krebs. Oft sitze ich vorm Komponiertisch und denke mir, ich kann nicht mehr. Aber auf einmal fällt mir wieder eine geniale Liedzeile ein oder ein neuer Move, und ich bin wieder voll da.

Bei der Show - das ist vielleicht ein bisschen alte Schule - soll man von diesen Zweifeln aber nichts merken. Und das hat tatsächlich mit dem Thema Spiritualität zu tun. Weil wenn ich auf der Bühne stehe, dann übernehme ich ja die Rolle von einem Pfarrer beziehungsweise von einem Schamanen.

STANDARD: Aufgrund dieser Konkurrenzsituation wurde der Rock 'n' Roll einst von der Amtskirche bis zur genialen Rückholaktion der Rhythmusmesse im wahrsten Wortsinn verteufelt. Wie schätzen sie die dunkle Seite des Rock 'n' Roll ein, Ausschweifung, Laster, den Keith-Richards-Faktor? Besitzt das für Sie persönlich eine Strahlkraft?

Austrofred: Mich faszinieren sowohl die dunkle als auch die helle Seite. Ich darf verraten, dass ich selbst eine Rockmesse mit dem Titel "Mass in Heavy Minor" aufgenommen habe, die ich auch in den nächsten Monaten veröffentlichen werde. Allerdings unter Pseudonym, weil das natürlich konzeptuell ganz etwas anderes ist als meine Queen-Interpretationen. Freilich kommt da aber auch der Teufel nicht zu kurz, weil es ist ja im Leben nicht alles schwarz und weiß.

STANDARD Angesichts Ihrer oberösterreichischen Kollegen Eela Craig, die so eine Rockmesse in Zusammenarbeit mit Anton Bruckner schon vor 30, 40 Jahren beinahe in Vollendung geschaffen haben, ist das eine gewaltige Aufgabe. Gibt es da manchmal auch die Angst, dass einem morgen nichts mehr einfällt? Nach dieser neuen Austrofred-Superlativ-Show "Fire, Light & Austrofred" scheint eine Steigerung kaum noch möglich. Brian Wilson von den Beach Boys soll ja einst nach dem Komponieren von "Good Vibrations" einen Nervenzusammenbruch bekommen haben, weil er glaubte, so ein schönes Lied nie wieder schreiben zu können.

Austrofred: Natürlich gibt es diese Angst. Aber ich habe so viele Ideen, nicht nur für Lieder sondern auch für Bücher, Filme, Fernsehserien, Merchandiseartikel, Musikinstrumente, Getränkemixes, dass ich, wenn mir mal wo nichts einfällt, oder ich das Gefühl habe, das kann ich nicht mehr steigern, einfach wo anders weiter mache, auf einem Gebiet, das ich neu erobern kann.

STANDARD: Eine für Künstler Ihrer Größe etwas heikle Frage, weil man es sich da leicht mit den Fans verscherzen kann: Wie schätzen Sie diese illegale Downloaderei aus dem Internet ein? Ist sie der Tod der Musik? Sie selbst stellen manche Ihrer Lieder ja gratis auf Ihrer Homepage zur Verfügung.

Austrofred: Wenn das so eindeutig zum beantworten wäre, dann wäre die Frage nicht so heikel. Ich finde es selber ja auch durchaus praktisch, dass ich, wenn ich gerade Gusto auf eine alte Rush-Platte habe, die ich nicht besitze, mir die einfach wo anhorchen kann. Aber ich kaufe sie mir halt meistens dann doch noch in fester Form. Auf der anderen Seite kenn ich viele sehr gute und durchaus erfolgreiche Popmusiker, die ihren Lebensunterhalt mit Theatermusik verdienen, und da denke ich mir halt, wenn die Spitzenleute einer Kunstform ihr Geld damit verdienen müssen, dass sie Zulieferer einer anderen Kunstform sind, dann kann da etwas nicht stimmen.

Der musikalische Nachteil ist, dass vieles mehr so husch-pfusch produziert wird, weil es im Internet ja sowieso temporär ist. Wenn ich will, mache ich morgen einen neuen Mix und lade halt den hoch. Der Feinschliff, den man einem Musikstück gibt, bevor es gepresst wird, könnte vielfach verloren gehen. Aber mei, Tod der Musik ist das auch noch keiner.

STANDARD: Die Formulierung "Aber mei" weist darauf hin, dass Sie jetzt nach Jahren in Wien in München leben. Um einen unserer Landsleute zu zitieren: Is the world in Austria too small? Oder versuchen Sie so wie Supermax, Georg Danzer oder auch Wolfgang Ambros in den 1970er- und 1980er-Jahren, von Bayern aus die berüchtigte Weißwurstgrenze zu überwinden?

Austrofred: Na ja, ich war schon immer gern in München, speziell so um die Zeit September/Oktober herum, und irgendwie habe ich ja meine künstlerischen Einkünfte auch einmal investieren müssen. Eine Münchener Immobilie ist sehr wertbeständig. Der karrieretechnische Aspekt war dabei eher zweitrangig. Im Gegenteil: Ich genieße es sehr, wenn mich einmal nicht jeder auf der Straße erkennt.

STANDARD: Dass der Austrofred kein Weinriecher ist, sondern lieber etwas Gescheites gegen den Durst unternimmt, ist bekannt. Wäre ein Auftritt auf dem Oktoberfest ein Karrieretraum? Immerhin gilt das dortige Publikum als härtestes der Welt. Es verlangt einem Künstler hundertprozentiges Rocken ab. Eine kleine Unsicherheit, und schon fliegen die Biere.

Austrofred: Diese Erfahrung habe ich schon oft genug gemacht, das brauche ich nicht mehr. Übrigens fliegen durchaus auch Gegenstände in die entgegengesetzte Richtung, weil ich stelle mich ja nicht auf die Bühne, damit ich mich pflanzen lasse.

STANDARD: Ihr souveräner Umgang mit einem aufmüpfigen oder während der Lieder schwätzenden Publikum ist bekannt. Haben Sie vielleicht einige Ratschäge für die Leute, die jetzt Ihre Konzerte besuchen werden? Nur damit kein Blödsinn herauskommt und am Ende jemand weint.

Austrofred: Solche Vorfälle werden in den Medien leider oft stark überzeichnet. Die Wahrheit ist, dass meine Show als eine der kinderfreundlichsten überhaupt gilt. Das haben mir hochrangige Leute von der UNICEF bestätigt. Ich empfehle allerdings, nicht direkt in die Laserkanonen zu schauen.

STANDARD: Rock 'n' Roll wird aber wegen Ihnen nicht zur Kinderjause, oder?

Austrofred: Es ist ein Event für die ganze Familie. Also schon teilweise scharf, aber so, dass es die Kleinen nicht checken. (Christian Schachinger, DER STANDARD, Langfassung, 18.4.2012)

  • Rockstar Austrofred: "Ich stelle mich ja nicht auf die Bühne, damit ich mich pflanzen lasse."
    foto: heribert corn

    Rockstar Austrofred: "Ich stelle mich ja nicht auf die Bühne, damit ich mich pflanzen lasse."

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