Die sanfte Riesin mit viel Sonntag

23. April 2012, 06:15
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Sie sollen mit Würde behandelt werden, fordert Biobauer Martin Ott in seinem Buch "Kühe verstehen" und gibt einen Einblick in die Seele der Kuh

"Das tiefe Interesse am Tier ist eine Bringschuld des Menschen, der mit Tieren arbeitet", sagt Martin Ott. Der Biobauer und Mitleiter des Guts Rheinau, einem der größten Landwirtschaftsbetriebe in der Schweiz, hat daher eine Mission: Er will den Menschen das Wesen dieses sensiblen Nutztiers näherbringen. Deshalb griff er zum Tonbandgerät, um seine Gedanken festzuhalten. Dem daraus entstandenen Buch "Kühe verstehen" ist die Spontanität der Mündlichkeit anzumerken, sie schadet ihm aber nicht.

Wenn man Leben und Kommunikation der Kühe studiert und ihnen ein artgerechtes Leben ermöglicht, steigern sich zudem Milchertrag und Gesundheit der Tiere. Die Entwicklungsgeschichte zeige, dass die Domestizierung der Kuh und das Sesshaftwerden der Menschen zusammenfallen: Mit ihrer einzigartigen Verdauung vermittle sie allen und allem um sie herum Rhythmus, wie ein Metronom: "Die Kuh hat uns die Kultur des Verharrens gelehrt." So seien die Kühe zum Beispiel auch nach Jahrhunderten im Stall noch mit dem Wetter und den Rhythmen der Natur verbunden: Ein, zwei Tage vor herannahenden Kaltfronten packt sie ein Heißhunger. Eine Erklärung dafür wäre, meint Ott, dass bei Schnee die Futtersuche erschwert wird.

Die Kuh verdient Besseres

Die Kuh ist das einzige Tier, das am gleichen Ort fressen und ausscheiden kann und damit den Boden auch noch nachhaltig verbessert. Doch nur die richtige Anzahl von Rindern gebe dem Boden Kraft, ein Gleichgewicht von Humusaufbau und -abbau zu finden. Ihr über Tage im Wiederkäusystem gepflegter Pflanzenbrei kann als Dünger verwendet werden.

Hier übt Ott Kritik an der gegenwärtigen Art der Landwirtschaft oder "Agrar-Aggression", wie er sie nennt: "In den vergangenen 50 Jahren sind Ackerböden von der Gesamtfläche Indiens zerstört worden. Wir sind also durch die moderne Landwirtschaft daran, die Technik der verbrannten Erde global wieder einzuführen, nachdem wir sie lokal mit Hilfe der Kuh einmal überwunden haben."

Die Zukunft der Milchproduktion sieht Ott nicht in der Massentierhaltung: "Kühe sollen nicht in dumpfe Ställe eingesperrt sein, ohne Kontakt zu den Menschen. Das Tier verdient Besseres, als auf seine Funktion der Nahrungsmittelproduktion für den Menschen reduziert zu werden, um anschließend in Schlachthöfen noch als Rohstofflieferant zu dienen."

Asymmetrisch, aber trotzdem gut gebaut

Daher widmet sich der biodynamische Landwirt über weite Strecken des Buchs der Physiognomie des Nutztiers, die Aufschluss über ihre Bedürfnisse gibt. Pferde- und Viehzüchter nennen Tiere, die einen anmutigen Ausdruck haben und in ihrer Gesamtheit etwas Schönes ausstrahlen, ein Tier "mit viel Sonntag". Dafür gebe es klare Richtlinien. Eine gute Kuh etwa hat drei Dimensionen: Sie ist lang, tief und weit.

"Lang" bezeichnet den Abstand zwischen Vorder- und Hinterbeinen und "tief" den Abstand zwischen Rücken- und Bauchlinie. "Weit" ist auf den Brustumfang und das Becken bezogen. Eine Kuh reagiert auf reduzierte Grundmuster und nicht auf komplexe Bewegungen. Das ist auch der Grund, warum ein Stier ein vor ihm ruhendes Rechteck besteigt, egal ob es sich um einen Gummibock in der Besamungsstation oder eine Kuh handelt. 

Das Horn als Kampfvermeidungsinstrument

Der einzige Körperteil, der sich bei der Kuh diesem rechteckigen Grundmuster entzieht, ist das Horn. Je nachdem, wie das Tier seine Hörner hält - etwa selbstbewusst über dem Körperrechteck oder zum Angriff gesenkt -, kommuniziert es ständig mit den Artgenossinnen. Ott nennt es das "ununterbrochene Flüstern im Stall". Die Hörner sind also keine Kampfinstrumente, wie viele Laien annehmen, sondern Instrumente, um den Kampf zu vermeiden.

Sensible Dickhäuterin

Kühe haben eine stärkere Haut als Menschen, aber auch als Pferde, Schweine, Hunde oder Katzen. Sie ist am ehesten vergleichbar mit der Hornhaut auf unseren Fingerkuppen. "Wenn man sich so in die Hornbildung der Kuh hineindenkt, spürt man, wie die Kuh ihre starke Sensitivität an der Außenseite ihres Körpers mit der Hornbildung reguliert", meint Ott.

Um die Kuh noch besser zu verstehen, lohne es sich, von hinten einen Blick auf sie zu werfen. Dabei fällt ihre Asymmetrie auf: Auf der rechten Seite ist bei trächtigen Tieren die Hauptauswölbung, eher gegen unten hin. Links wölbt sich der Bauch in der Mitte. Das liegt daran, dass der erste Pansen mit dem riesigen Futtersee links liegt. Auf der rechten Seite befindet sich das Kalb, das man ab dem siebenten Trächtigkeitsmonat, manchmal sogar früher, erkennen kann.

Eigentlich sei die Kuh ein großer Bauch mit Gestell, urteilt Ott. Durch Züchtung sei er noch größer geworden, da der Pansen viel Volumen haben soll, um immer mehr Futter aufnehmen zu können. Beim Grasen verfolgt die Kuh zwei Techniken: Größere Grasbüschel umfasst sie mit ihrer Zunge wie mit einer Schlaufe und reißt sie ab. Kurzes Gras wird mit den Lippen abgeknabbert.

An der Unterlippe beginnt sofort das Fell. Kleine silberne Tasthaare übernehmen beim Fressen die Funktion der Augen. Die Kuh sieht nicht wirklich, was sie frisst, denn das Gesichtsfeld ist im Bereich des Mauls nicht scharf. Ein guter Geruchssinn kompensiert dieses Defizit zusätzlich. Eine 600 Kilogramm schwere Kuh kann bis zu 200 Kilogramm Gras oder Heu und Wasser pro Tag fressen. Wegen ihres großen Magens stehe die Kuh daher am Hang immer aufwärts, da er sonst auf Herz und Lunge drückt.

Gewitter im Magen

Dieser erste von vier Mägen hat ein Volumen von 140 bis 200 Litern und wird mehrmals täglich gefüllt. Die Gärung, die dort stattfindet, ist so intensiv, dass sie dauernd vom Organismus der Kuh gesteuert und beruhigt werden muss. Das wird durch eine ständige Umwälzung gelöst. "Man kann das hören, wenn man an der linken Seite der Kuh das Ohr an die Bauchwand legt. Es hört sich an wie ein Gewitter", erzählt Ott.

Ein untrügliches Zeichen, dass etwas gesundheitlich nicht stimmt, ist, wenn dieses Geräusch aufhört. Tödlich kann es werden, wenn der Futtersee in der Kuh höher zu liegen kommt als der Gasausgang durch die rettende Speiseröhre. In diesem Fall muss der Kuhbauer mit einem "Trocar" von außen ein Loch in die Bauchwand des Tieres stechen. Dadurch kann die Gasblase entweichen und die Kuh wird buchstäblich vor dem Platzen bewahrt.

Die Feinschmeckerin im Loop

"Die Kuh tanzt also gewissermaßen auf einer Explosionsgärung, auf einer potenziellen Gasexplosion, die sie dauernd kontrolliert und im Zaume hält." Dafür ist auch das Wiederkäuen notwendig. Bis zu acht Stunden am Tag ist die Kuh damit beschäftigt. An dem Ort, wo die Speiseröhre in den Pansen mündet, befindet sich die sogenannte "Haube". In diesem sehr muskulösen Teil des Pansens werden einzelne Portionen wie kleine Kugeln gebildet, etwa nussgroß, die mit einer kleinen Würgebewegung wieder die Speiseröhre hinaufbefördert werden.

"Wenn man die Kühe dabei beobachtet, sieht man sofort, dass diese Würgebewegung nicht mit Unwohlsein gepaart ist, sondern im Gegenteil mit einem starken, wohligen Zufriedenheitsgefühl", erklärt Ott. In diesem Moment wird die Kuh zur Feinschmeckerin des Bissens, den sie beim ersten Mal hastig verschlungen hat. Pro Tag produziert sie dafür etwa 120 Liter Speichel. "Wir können richtig neidisch werden. Sie kann ihre feinen Bissen hinauf- und hinunterschlucken. Ein menschlicher Feinschmecker würde unter Umständen viel dafür bezahlen", scherzt Ott.

Und hier liegt das Geheimnis der Kuh: Wolle man sich mit dem Wesen der Kuh verbinden, gelingt das besser über ihre Verdauung. Ott meint dazu: "Das Füttern der Kuh ist vergleichbar mit dem Reiten eines Pferdes. Die hohe Kunst der Kuhfütterung ist vergleichbar mit dem, was die Wiener Hofreitschule beim Pferd entwickelt hat."

Cashcow

Das wirtschaftlich wohl wichtigste Körperteil ist das Euter. Einerseits soll es möglichst groß sein, andererseits aber gut mit der Bauchwand verbunden. Das bedeutet, dass es durch starke Bänder imstande ist, die darin enthaltene Milch auch zu tragen. Denn anders als andere Säugetiere haben Kuh, Milchschaf und Milchziege die nützliche Fähigkeit, die Milch einen Tag im Euter zu speichern, ohne dass sich dieses entzündet oder die Milch schlecht wird.

Euterentzündungen sind jedoch eine der häufigsten und gefährlichsten Krankheiten unter Milchkühen. Eine durchaus gängige Praxis, um Entzündungen weiter vorzubeugen, ist die Verabreichung von Antibiotika direkt durch den Zitzenkanal in das Euter. Einmal eingedrungene Krankheitskeime sind schwierig zu eliminieren, da ein baumartiges Netz von Milchgängen miteinander verbunden ist und es sich um keine glatte Oberfläche handelt. Ott analysiert: "Wenn man sich die Verkaufszahlen der Antibiotika hochrechnet, welche die Firmen bekannt geben, muss davon ausgegangen werden, dass jede Schweizer Kuh einmal im Jahr eine richtige Intensivbehandlung bekommt."

Aber es geht auch hier anders: Bei den rund 60 Milchkühen im Gut Fintan wurden seit mehr als acht Jahren keine Antibiotika mehr in die Euter gespritzt. "Es ist möglich, mit sanfter Homöopathie und großer Aufmerksamkeit hier andere Wege zu gehen, wir haben Beweise", schreibt Ott. So sei es auch an der Zeit, dass Bauern, die diese Wege gehen, bessere Preise bekommen.

Die Zukunft der Milchproduktion

Die Zukunft sehe er in einer Partnerschaft zwischen Tier und Mensch. So wird es auch auf dem Bio-Gut Rheinau gehandhabt: "Der Mensch dankt der Kuh ihre Leistung, indem er ihr verantwortungsvoll ein Leben in Würde ermöglicht." Und Würde setze voraus, dass das Tier einen Eigenwert zugesprochen bekommt, der über den Wert der gelieferten Rohstoffe hinausgeht. (Julia Schilly, derStandard.at, 23.4.2012)

Weitere Informationen

Gut Rheinau ist einer der größten Landwirtschaftsbetriebe der Schweiz. Es wurde 1998 für 30 Jahre an die Stiftung Fintan verpachtet und gehört dem Kanton Zürich an. Der 140 Hektar große Betrieb wird von vier Familien biologisch-dynamisch bewirtschaftet. Am Hof wird neben Milch auch Fleisch, Gemüse, Kartoffeln, Obst, Wein und Saatgut für Getreide und Gemüse produziert. Zur Stiftung Fintan gehört auch die Sativa Rheinau AG, die biologisches Saatgut produziert und vertreibt. Zusätzlich wird praktische Forschung in den Bereichen Boden- und Landschaftspflege, Pflanz- und Saatgutproduktion, Pflanzengesundheit, Nahrungsmittelqualität, Tiergesundheit und Tierzucht betrieben.

Stiftung Fintan, Gut Rheinau

Martin Ott: Kühe verstehen. Eine neue Partnerschaft beginnt
Verlag Fona 2011
176 Seiten
31,90 Euro

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    Die Kuh hat ein Flotzmaul: Das bedeutet, dass die immer feuchte Nase und die Oberlippe zusammengewachsen sind.

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    Die Kuh sieht nur Schatten, ein ausgeprägter Geruchssinn kompensiert dieses Defizit bei der Nahrungsauswahl.

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    Das Euter hat eine innere Oberfläche, etwa vergleichbar mit einer Lunge und von der Größe eines Fußballplatzes.

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    Mit seinen Hörnern kommuniziert das Tier und versucht, Konflikte zu vermeiden.

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    Am Hang steht die Kuh gerne etwas aufwärts, da sonst ihr riesiger Pansen auf Herz und Lunge drücken kann.

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    buchcover: faro verlag
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