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Derzeit vergeht kaum ein Tag, an dem das Thema "Finanztransaktionssteuer" nicht in den Medien präsent ist. Sowohl auf der Ebene der EU wie auch vieler Nationalstaaten in Europa hat die Politik hier offenbar ein Feld gefunden, mit dem sich - so das Kalkül - bei den Wählern punkten lässt: Nach der US-Immobilienkrise und der Schuldenkrise in Europa ist die Stimmung weiter Teile der Bevölkerung gegenüber "den Finanzmärkten" auf einem Tiefpunkt angekommen.
Oberflächliche Betrachtung
Die Komplexität der ökonomischen Zusammenhänge führt dazu, dass ein Gutteil der veröffentlichten Meinung hinsichtlich Ursachen und Verursachern der wirtschaftlichen Turbulenzen aus einfachen Erklärungen besteht, die leider oftmals nahtlos ins Oberflächliche übergehen. "Die Finanzmärkte" seien schuld an "der Krise", vor allem "die Spekulanten". Zu verlockend ist diese Situation für die Politik, um eine solche Chance ungenützt vorüberziehen zu lassen: Was liegt näher, als die in den Budgets fehlenden Mittel genau dort zu holen, wo die veröffentlichte Meinung die Wurzel allen Übels sieht? Die Zeit für eine Finanztransaktionssteuer scheint aus dieser Sicht mehr als reif.
US-Politik mitverantwortlich
Eine differenziertere Sicht der Dinge kommt zum Ergebnis, dass die US-Immobilienkrise zwar tatsächlich durch Teile der US-Finanzbranche mitverursacht wurde - einen mindestens ebenso großen Anteil hatte aber die US-Politik. Auch bei der Verbreitung dieser Krise über sogenannte Verbriefungen spielten manche Finanzmarktteilnehmer eine unrühmliche Rolle, indem sie an sich sinnvolle Instrumente missbrauchten. Bei der aktuellen Schuldenkrise, die zahlreiche Staaten im Euroraum und auch außerhalb davon betrifft, ist der Anteil des Finanzsektors jedoch deutlich geringer: Hier sind es vor allem Fehler in der Konstruktion der europäischen Währungsunion, mangelnde Haushaltsdisziplin und falsche Anreize in der Regulierung, die allerdings politisch gewollt sind, um die Staatsfinanzierung durch Banken attraktiv zu halten.
Drei Ziele einer Finanztransaktionssteuer
Bei näherer Betrachtung wird rasch klar, dass keine dieser Ursachen der aktuellen Krisen durch eine solche Steuer adressiert wird. Als Ziele einer Finanztransaktionssteuer werden vor allem drei genannt: Steuererträge, Reduktion kurzfristiger Spekulation und Reduktion der Volatilität, also der Preisschwankungen auf Finanzmärkten. Aus der umfangreichen wissenschaftlichen Literatur ist dazu folgendes bekannt: Sofern die Steuer nicht auf globaler Ebene eingeführt wird, wandern die Finanztransaktionen sehr rasch dorthin, wo die Steuer nicht anfällt, wodurch das Handelsvolumen sinkt und die Steuerbasis erodiert. Spekulative Transaktionen auf kurzfristiger Basis gehen zurück, aber ob daraus ein positiver Effekt entsteht, und ob die Preisschwankungen an den besteuerten Finanzplätzen durch die Steuer sinken oder umgekehrt sogar steigen, hängt von zusätzlichen Faktoren und Rahmenbedingungen ab und lässt sich nicht generell vorhersagen.
Historisch ähnliche Ereignisse wie etwa die Einführung einer Börsenumsatzsteuer in Schweden zeigen, dass eine Finanztransaktionssteuer, die nicht alle wichtigen Handelsplätze einbezöge, mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer massiven Kapitalflucht in nicht besteuerte Finanzzentren führte. Die tatsächlich lukrierbaren Steuererträge fielen daher weitaus geringer aus, als die simple Milchmädchenrechnung ("Erträge = aktuelles Transaktionsvolumen mal Steuersatz") suggeriert. Die "kapitalvertreibende" Wirkung wäre durch eine nachfolgende Wiederabschaffung einer solchen Steuer nur sehr bedingt reversibel. Aus den genannten Gründen kann von einem solchen Realexperiment nur dringend abgeraten werden.
Andere, effektivere Mittel
Insoweit tatsächlich eine Verringerung der Risiken in bestimmten Bereichen der Finanzmärkte angestrebt wird (und dieses Ziel nicht nur als Vorwand für die Verschleierung des fiskalischen Ziels vorgeschoben wird), kann dies mit anderen Mitteln wesentlich effektiver und effizienter erreicht werden. Ein erster Schritt könnte darin bestehen, bei der Eigenkapitalunterlegung von Banken die tatsächlichen Kreditrisiken für alle Schuldner zu berücksichtigen und nicht mehr einzelne Schuldner(kategorien) ex lege als risikolos zu definieren. Ein Nebeneffekt davon wäre, dass die Kreditvergabe an Unternehmen im Vergleich zur Kreditvergabe an Staaten für Banken wieder attraktiver würde. Inwiefern das auch im Interesse der Politik ist, wird die nähere Zukunft zeigen. (Michael Hanke, derStandard.at, 18.4.2012)
Autor
Michael Hanke ist Inhaber des Lehrstuhls für Finance am Institut für Finanzdienstleistungen der Universität Liechtenstein.
Wenn man den Freihandel und den freien Kapitalverkehr als unveränderbare Religion ansieht, dann ja.
Man kann aber auch Freihandel und freien Kapitalverkehr einschränken, so wie es hunderte Jahre lang (in der EU bis in die 1990er Jahre) war. Das wollen die neoliberalen Politiker und ihre Fananzlobbyisten nicht hören und hängen lieber der Religion an, die die heutige Krise und ihre Folgen - insbes. die immer größere Schere zw. arm und reich - verursacht hat.
Viel mehr kann man dazu auch gar nicht sagen. Wenn man noch berücksichtigt wie kreativ Konzerne dabei sind Geschäfte zu machen, wäre es recht unwahrscheinlich dass begleitende Einschränkungen katastrophale Folgen hätten. Es müsste nur der Mut da sein auch entsprechende Regulative zu beschließen (und auch schnell zu adaptieren wenn das notwendig ist).
Der Finanzmarkt macht 100 mal soviel Umsatz & 10 mal mehr Gewinn als die Realwirtschaft.http://www.pic-upload.de/view-1373... t.jpg.html
In Amerika werden derzeit 70% aller gehandelten Aktien über Computer gehandelt. Dies passiert auf Basis von High Frequency Trading. Dazu gibt es einen sehr guten Artikel in der Zeit: http://www.zeit.de/2011/45/D... et/seite-1
Zum Teil werden die Aktienpakete im Sekundentakt verkauft & gekauft. Die Computer setzen auf sogenanntes "Trending" auf. Dabei verlieren sie ca. 60 mal, aber 40 mal gewinnen sie, und in Summe sind die Gewinne insgesamt höher als die Verluste.
Es handelt sich ja um Millionen, Milliardenbeträge, die kurzzeitig verschoben werden.
Das ist der freie Markt an den Finanzmärkten.
schwedischen FTT als Beweis dafür, dass sie nur global funktionieren würde, anzuführen. Bleibt letztendlich nur das Pech für diejenigen, die noch für die Kosten der letzten Finanzkrise durch Sparpakete zahlen müssen, dass bei den nach Hanke effektiveren Mitteln in Wirklichkeit nichts weitergeht (wo ja Lobbyisten massiv dagegen auftreten)
schwedischen FTT als Beweis dafür, dass sie nur global funktionieren würde, anzuführen. Bleibt letztendlich nur das Pech für diejenigen, die noch für die Kosten der letzten Finanzkrise durch Sparpakete zahlen müssen, dass bei den nach Hanke effektiveren Mitteln in Wirklichkeit nichts weitergeht (wo ja Lobbyisten massiv dagegen auftreten)
oder doch des Lobbyismus für die Spekulanten etc. verbreitet wird. Die aus diesen Kreise jetzt so definierte Staatsschuldenkrise resultiert nicht aus teuren Bankenhilfspaketen, aus enormen Mindereinnahmen an Steuern und steigenden Ausgaben für und zur Verhinderung von Arbeitslosigkeit. Und natürlich hat die Politik an der Finanzmarktkrise schuld, in dem Sinn, dass sie den Spekulantenlobbyisten bei den Finanmarktliberalisierungen nachgegeben hat.
Ich denke das Grundproblem ist, dass sich, trotz einer zumindest zum Teil von der Finanzindustrie mitverantworteten Krise, die dort arbeitenden Individuen noch immer eine goldene Nase verdienen, und keiner versteht warum.
Kaum jemand würde argumentieren, dass ein Lionel Messi sein Geld nicht wert ist, denn jeder kann sehen wie er spielt und was er seinem Club für Zuseherzahlen bringt.
Ist das bei den Herren (den Damen sind es leider nie) an der Spitze der diversen Großbanken, Fonds und PEs auch so? Sind Larry Fink oder Bill Gross tatsächlich so unglaublich gut, dass sich daraus ihr enormes Einkommen rechtfertigt?
Ich denke die meisten Befürworter einer FTS (wie ich) wollen vor allem Gerechtigkeit. (und die ist nunmal subjektiv)
die diskussion bewegt sich auf dem niveau das dem fakt entspricht, dass 70% der leute steuer hinterziehen und ich muss sagen ich schaetze das. es ist ein sehr guter deutschkurs und ich verwende die texte zum unterricht. denn sie haben eine einfache sprache und fuehren gleich in das verbrechen ein. ein demokratischer beitrag sind sie aber nicht.
... ft sind altbekannt, werden aber durch ritualisiertes wiederkäuen nicht wahrer.
eine massive flucht von anlagekapital ist eher unwahrscheinlich, da sich dieses ja gerade durch seine langfristigkeit auszeichnet - und dafür benötigt es ein stabiles umfeld.
negativ würde eine ft tatsächlich nur für kurzfristige investments sein - und die sind per se eher spekulativ. die ft würde daher diese 'no risk - no fun'-investments auf andere handelsplätze verschieben - das sehe ich per se nicht als negativ.
europäische börsen würden dann primär zu realwert-handelsplätzen - und eine solche rückführung der börsen auf ihre ursprüngliche bestimmung ist durchaus begrüssenswert.
ein Vorteil der Finanztransaktionssteuer wäre sicher, dass die auf reinen Computeranalysen basierenden, (und teilweise auch gesteuerten) Spekulationen zurückgehen würden. Ich denke nicht, dass die auf realen wirtschaftlichen Daten und Erwartungen basierenden Investitionen betroffen wären.
Auf jeden Fall wären durch die Finanztransaktionssteuer die durch Computerspekulationen hervorgerufenen Spitzen der Kurse gedämpft.
Ich glaube nämlich nicht, dass jemand den Dynamikeinfluss der vernetzten Computerprogramme auf die Börsenkurse tatsächlich durchschaut!
Dass eine möglichst breite Basis für die Einführung der Finanztransaktionssteuer erforderlich ist ist schon klar. Aber wenn keiner den ersten Schritt macht?
das argument mit schweden ist schwach, da die sache ja europaweit diskutiert wird. natürlich macht das nur sinn wenn es eu-weit bzw. auch ohne uk gemacht wird.
und die kapital flüchtlinge holt man sich auch ganz leicht. zb. einfach geld besteuern dass aus der eu transferiert wird. es gäbe sicher tausende möglichkeiten.
aber in wirklichkeit ist das eine politische diskussion und keine ökonomische. elite vs. deren diener.
denn es bleiben ausserhalb der EU noch dazu ohne UK ja wirklich genug Handelsplätze über. Es ist ein bisschen so wie mit dem Kyoto Protokoll. Was wir hier in der EU allein beschliessen, hat auf die Erde sehr wenig Einfluß, auf unser Gewissen um so mehr.
um von der Realität abzulenken.
Wenn ich heute ein Grundstück besitze zahle ich Grundsteuer. Nicht für den Besitz, sondern für die alleinigen Nutzungsrechte, und das ist gut so.
Wenn ich ein Grundstück kaufe muß ich Grunderwerbssteuer zahlen.
Wofür?
Für den Rest der Menschheit ändert sich doch nichts. Sie wird von der Nutzung eines Grundstücks ausgeschlossen und der nunmehrige Nutzer zahlt dafür. Ob der nun Hinz oder Kunz heißt ist doch egal.
Bezahlt wird also für den Besitzwechsel.
Bei Grund und Boden schon?
Bei Firmenbeteiligungen u/o Finanz"produkten" nicht?
Wieso nicht?
Weil sich Kapital "wie ein scheues Reh" verhält?
Soll es doch dort hin gehen, wo seine EigentümerInnen leben.
Uuuupppps?!?
Ändert nix?
Na, passt doch!
Guter Punkt:Wer zahlt eigentlich die EU-FT? Der EU- BÜrger, wenn er in der EU handelt. Gut.
Der EU BÜrger, wenn er in Singapur handelt? Vielleicht, wenn er es meldet. Der Amerikaner, wenn er in der EU handelt????
Der Amerikaner in Singapur sowieso nicht.
Was fällt auf? Hat der Amerikaner am EU- Hamdelsplatz gegenüber Einheimischen einen Wettbewerbsvorteil? Na hoffentlich nicht! Hat der EU Bürger in Singapur gegenüber einen Amerikaner einen Wettbewerbsnachteil? Na hoffentlich auch nicht?
Aber keiner weiss es und Politikern ist es so lange wurscht, so lange es den Wählern wurscht ist.
Ich selbst muss zugeben zur FT keine dezidierte Meinung zu haben. Ich halte sie für eine durchaus diskutable Einnahmequelle, glaube aber, dass viele Argumente dazu einfach der Überprüfung nicht standhalten. Steuern sind immer eine Multiplikation der Steuerbasis mit dem Steuersatz. Zu glauben, dass eine Steuer an der Steuerbasis nichts ändert, ist ja tatsächlich gerade bei der FT absurd. Die regulatorische Wirkung ist ja auch gegen null, da dadurch kein Geschäft, nicht einmal der Computerhandel, der einfach ausweicht, verhindert wird.
Dass die Steuer bei den Banken/Spekulanten hängen bleibt und nicht in die Preise geht ist auch absurd. Jede Steuer wird am Ende vom Konsumenten bezahlt.
Das alles ist sicher auch kein Argument gegen eine FT,
Stephan Schulmeister hat das hier recht gut zusammengefasst:
http://www.wifo.ac.at/wwa/jsp/i... lay_mode=2
Deutlich geringer mag ja sein.
Aber immer noch zu groß, so groß dass es der wesentliche Beitrag dazu ist!
Eine derartig vernebelnde und 'volksverdummende' Darstellung gehört eigentlich unter Strafdrohung gestellt!
das lernen wir aus diesem kommentar.
natürlich muss augerechnet von liechtenstein aus die gefahr der kapitalflucht als argument gegen die FTS an die wand der wall street gemalt werden, das entspricht der logik der FI:
ausbeutung von 99% der weltbevölkerung durch banken-pleiten, für die diese weltbevölkerung sowohl durch rettungsschirme (z.b. "für griechenland") als auch durch zinszahlungen an das bankensystem aufkommen muss, denn das gleiche bankensystem verleiht die mittel zu ihrer "rettung" für eskalierende (zinses-)zinsen.
dieser sozialraub muss zurückgezahlt werden, und die FTS ist ein wichtiger bestandteil dieser rückzahlung, die für die umverteilung von oben nach unten zweckzubinden ist:
BEDINGUNGSLOSES GRUNDEINKOMMEN für alle.
Andere sollen die Früchte ihrer Arbeit zu Dumpingpreisen hergeben oder gar verschenken (Kleinbauern, EPU's, Künstler) und eine ganze (!) Branche leistet keinen Beitrag zur Gesellschaft.
Diese moralische Ebene ist so schief, dass sie bald ''Wand'' heissen wird, wenn sie im rechten Winkel dasteht!
Das:
http://www.asymptotix.eu/sites/def... /Financial transactions in the world economy.jpg
nicht als problematisch anzusehen ist mutig. Meiner Ansicht nach geht es mittlerweile nicht mehr um eine Optimierung der Finanzmärkte. All die Wirtschaftsmodelle setzen ein Mindestmaß an sozialer Stabilität voraus. Ein Blick auf Spanien mit 50% Jugendarbeitslosigkeit zeigt jedoch, dass dies eine sehr riskante Annahme sein könnte. Es ist eine Frage der politischen Zielsetzung und direkte wirtschaftliche Erwägungen könnten da nur ein Element von mehreren sein.
(seit WU/Iuridicum-Tagen). Dass eine FT-Steuer nur zumindest EU-weit Sinn macht, wurde schon oft genug geschrieben, dann könnte sie aber ein sinnvolles Instrument zur Reduktion von Spekulation+Volatilität sein, mir ist zumindest kein Modell bekannt, das das widerlegt. Stimmt, die aktuelle Krise ist durch die wahnwitzige Konstuktion entstanden, Staatsschulden von Euroländern als risikolos zu definieren; aber man muss schon berücksichtigten, dass die entscheidende Erhöhung der Staatsschulden von 2008 bis 2011 unmittelbare Folge der ersten Finanzkrise war. Und da waren nicht nur US-Politik+US Banken beteiligt, sondern Vertriebler der FI-Industrie, die gegen hohe Provisionen Risikopapiere an Gemeinden/Pensionisten etc verkauft haben.
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