Missbrauch: Ein Viertel unternimmt nichts

    17. April 2012, 18:18
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    Grundsätzlich steigt Bereitschaft, sich an Behörden zu wenden - Neun von zehn Österreichern wünschen sich härtere Strafen bei Kindesmissbrauch

    Wien - Es sei nur der Beharrlichkeit der Opfer zu verdanken, dass die Fälle von Gewalt und sexuellen Übergriffen in kirchlichen und staatlichen Einrichtungen nun nach Jahrzehnten bekanntwurden, sagte Martina Fasslabend, die Präsidentin des Kinderschutzzentrums "Möwe" am Dienstag in einem Pressegespräch. "Hilfe haben die betroffenen Menschen über all die Jahre hinweg keine bekommen, dabei gehörte Gewalt bis in die 1990er-Jahre zur täglichen Erziehung."

    Sind die Menschen heute eher bereit, sich beim Verdacht von sexuellem Missbrauch an die Behörden zu wenden? Laut einer repräsentativen Umfrage, die vom Verein Möwe in Auftrag gegeben wurde, gaben fünf Prozent - 51 der insgesamt 1000 Befragten - an, dass sie schon einmal einen konkreten Verdacht auf sexuellen Missbrauch eines Kindes gehegt haben. Davon haben 29 Prozent eine Anzeige bei der Polizei gemacht, 21 Prozent haben sich an das Jugendamt gewandt.

    Vergleich mit 2009

    Bei einer Umfrage, die das Kinderschutzzentrum mit der gleichen Fragestellung 2009 durchführen hat lassen, gaben 23 beziehungsweise 16 Prozent an, ihren Verdacht bei einer der beiden Behörden gemeldet zu haben. Jeweils 15 Prozent suchten das Gespräch mit den Eltern des betroffenen Kindes.

    Allerdings gab auch rund ein Viertel derjenigen, die einen Verdacht auf sexuelle Übergriffe hegten, an, nichts unternommen zu haben - 2009 waren es knapp 30 Prozent.

    Anzeige nicht immer sinnvoll

    Die Meinungsforscherin Sophie Karmasin sieht darin eine gestiegene Bereitschaft, etwas zu unternehmen, wie sie bei der Präsentation der Umfrage-Ergebnisse am Dienstag betonte. Hedwig Wölfl, die fachliche Leiterin der Möwe, bezeichnete die Tatsache, dass 25 Prozent trotz konkreten Verdachts nichts unternahmen, als "schockierend", auch wenn sie einräumte, dass eine sofortige Anzeige "nicht in jedem Fall der erste Schritt" sein müsse. "Eine Verfrühte Anzeige ist oft nicht im Sinn der Kinder", sagte Wölfl.

    Beim Wiener Jugendamt ist die Zahl der Meldungen von sexuellen Übergriffen mit rund 200 in den vergangenen Jahren jedenfalls konstant geblieben, wie Magelf-Sprecherin Herta Staffa auf Nachfrage des Standard sagt.

    Überforderung als wesentliche Hemmung

    Eine Erklärung, warum ein Viertel überhaupt nichts unternommen habe, sieht Wölfl in einer Überforderung durch die Situation. Deshalb sei es wichtig, dass die Betroffenen wüssten, wohin sie sich wenden können. Die Möwe hat eine eigene Hotline und bietet seit einiger Zeit auch Online-Beratung an

    Von den Befragten, die noch niemals einen Verdacht auf Kindesmissbrauch gehegt haben, gaben 68 Prozent an, in diesem Fall die Polizei zu verständigen (2009: 63 Prozent). 40 Prozent würden das Jugendamt informieren - um fünf Prozentpunkte weniger als vor drei Jahren. 40 Prozent würden mit einem Vertrauten darüber sprechen, 34 Prozent würden schauen, ob sich der Verdacht erhärtet. 17 Prozent würden den mutmaßlichen Täter zur Rede stellen, 2009 gaben dies noch 23 Prozent an. Und nur zwei Prozent gaben an, dass sie bei einem konkreten Verdacht nichts unternehmen würden.

    Maßnahmen gefordert

    Im Vergleich zu 2009 (46 Prozent) waren 51 Prozent der Ansicht, dass es nicht genügend gesetzliche, polizeiliche und politische Maßnahmen gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern gebe. 94 Prozent wünschen sich demnach strengere und härtere Strafen für Täter, 72 Prozent befürworten eine verpflichtende Schulung für alle Berufsgruppen, die mit Kindern arbeiten, 72 Prozent wollen, dass Täter verpflichtet werden, einen Therapie zu machen (2009: 81 Prozent).

    Deutliche Unterschiede zu 2009 gibt es allerdings auch bei der Frage, welche Handlungen sexuellem Missbrauch zugeordnet werden. Geschlechtsverkehr mit Kindern zählte 2012 nur für 91 Prozent der Befragten dazu, vor drei Jahren bejahten 98 Prozent diese Frage. (Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD, 18.4.2012)

    Kontakt:

    Möwe-Hotline: 0800/80 80 88

    www.die-moewe.at

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      Experten warnen davor, dass eine verfrühte Anzeige nicht immer im Sinne der Kinder sei.

    • Übersicht, was bei einem Verdacht auf Kindesmissbrauch unternommen wird.
      grafik: der standard

      Übersicht, was bei einem Verdacht auf Kindesmissbrauch unternommen wird.

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