Integration, eine Frage des richtigen Nationalgefühls?

Leserkommentar |

Warum Integration nicht funktioniert, wenn sie als nationalistisches Projekt gedacht und gestaltet wird

Integrationsstaatsekretär Kurz hat eine Vision. Integration sei dann erreicht, so Kurz, wenn "Menschen mit Migrationshintergrund" nicht mehr nur auf dem Papier, sondern auch "im Herzen" Österreicher seien. In einem Interview auf daStandard.at (13.4.2012) hat Kurz seine Integrationsvision kürzlich präzisiert: "Im Herzen ist man ein Österreicher, wenn man sich als solcher fühlt. Wir haben leider einige Menschen, die zwar am Papier Österreicher sind, aber noch nicht angekommen sind und sich mit dem Land nicht identifizieren."

Ist Integration also im Wesentlichen eine Frage der nationalen Identifikation? Gibt es an dem Tag, an dem sich alle Menschen in Österreich als ÖsterreicherInnen fühlen und mit Österreich identifizieren, kein Integrationsproblem mehr?

Was Menschen im Herzen sind ...

Schauen wir uns die Realität an: Sich im Herzen als Österreicher oder Österreicherin zu fühlen schützt nicht davor, diskriminiert zu werden. Egal ob am Arbeitsmarkt, in der Schule oder bei Behörden, entscheidend dafür, ob man Opfer von Diskriminierung wird, ist nicht das, was man im Herzen ist, sondern das, was sich in der Vorstellungs- und Ideologiewelt der Leute abspielt, die diskriminieren.

Eine besonders große Bereitschaft, andere Menschen zu diskriminieren, scheint es übrigens gerade bei denen zu geben, die das Bedürfnis haben, ihr nationales Herz in jedem Moment vor sich her zu tragen. "Unser Herz schlägt rot-weiß-rot!", lautet seit einiger Zeit der Wahlslogan jener Partei, die sich tagein, tagaus im integrationsfeindlichen Auseinanderdividieren der Menschen übt. Statt Menschenrechte zu unterstützen, die für alle Gültigkeit haben, werden von dieser Partei gruppenbezogene Herrschaftsrechte eingefordert. Die Proklamation, ein "rot-weiß-rot schlagendes Herz" zu haben, steht hier für radikale Integrationsverweigerung.

Kein Schutz vor Diskriminierung

"Im Herzen Österreicher" zu sein bedeutet offenbar auch, dass man dafür sorgen darf, dass in Österreich lebende Jugendliche zu Langzeitarbeitslosen ausgebildet werden, wenn sie nicht ins nationalistische Denkschema passen. Seit dem berüchtigten Bartenstein-Erlass von 2004 dürfen jugendliche AsylwerberInnen, solange sie keinen positiven Asylbescheid haben, keine Lehre mehr machen. Viele von ihnen werden damit für Jahre zum Nichtstun verurteilt. Die Identifikation mit Österreich schützt somit weder vor Diskriminierung, noch hält sie davon ab, andere zu diskriminieren oder an jungen Menschen Zukunftsraub zu begehen.

Auch den Integrationsstaatssekretär hat sein Nationalgefühl im Herzen nicht davor immunisiert, integrationsfeindliche Standpunkte zu vertreten. So baut seine Politik nicht nur darauf auf, die österreichische Bevölkerung in Menschen mit und Menschen ohne "Migrationshintergrund" aufzuspalten und mit zweierlei Maß zu messen. Er verteidigt darüber hinaus auch die integrationsfeindliche Frühselektion im österreichischen Schulsystem und er macht sich für eine Steuerpolitik stark, die zu einer stetig wachsenden Kluft zwischen Nichtvermögenden und Vermögenden und damit auch zu einem zunehmenden Machtgefälle im Staate Österreich führt. Wachsende Machtgefälle sind aber kein Schritt in Richtung Integration, sondern ein Schritt weg davon.

Dass sich hinter der "Integrationsforderung", alle PassösterreicherInnen mögen auch "im Herzen ÖsterreicherInnen" werden, eine gute Portion Zynismus verbirgt, offenbart sich am deutlichsten anhand der Passgesetze selbst. Diese wurden in den vergangenen Jahren vom politischen Umfeld des Integrationsstaatssekretärs stetig verschärft. Resultat: Eine wachsende Zahl an in Österreich lebenden Menschen hat gar keine Chance mehr auf einen österreichischen Pass. Sie bleiben, ganz egal was sie im Herzen sind, gezwungenermaßen NichtösterreicherInnen. In einem politischen System, in dem der Pass über zahlreiche Rechte, wie etwa das Wahlrecht oder das Recht im Staatsdienst tätig zu werden, entscheidet, kommt die Vorenthaltung der Staatsbürgerschaft einem integrationsfeindlichen Akt gleich.

Keine Grenzen innerhalb eines Landes ziehen

Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass Integration als nationalistisches Herzensprojekt ein Widerspruch in sich selbst ist. Nationalismus baut immer darauf auf, Grenzen zwischen Menschen zu ziehen, und zwar nicht nur an den Rändern eines Staatsterritoriums, sondern auch innerhalb eines Landes. Das Charakteristikum von Grenzen ist, dass sie blockieren, hierarchisieren und ausschließen. In einer Integrationspolitik, die auf Nationalismus fußt, gibt es daher nicht "noch keine Chancengleichheit", wie der Integrationsstaatssekretär im Interview mit dastandard.at gesagt hat, sondern auf Basis so einer Politik wird es nie Chancengleichheit geben.

Ein Politiker, der es mit Integration ernst meint, sollte Nationalismus hinterfragen und nicht einfordern. Er oder sie sollte seine Energie darauf fokussieren, gesetzliche, behördliche und gedankliche Barrieren abzubauen, diskriminierende Ungleichbehandlungen zu bekämpfen, Verteilungsungerechtigkeit zu reduzieren, gläserne Decken zu durchbrechen, das Auseinanderselektieren von Kindern zu beenden und staatliche Einrichtungen so aufzustellen, dass diese in einer von Vielfalt und Veränderung geprägten Gesellschaft in der Lage sind, für alle KlientInnen gute Dienste zu leisten.

Ein Politiker, der es mit Integration ernst meint, sollte darüber hinaus anerkennen, dass es viele Menschen gibt, die Mehrfachidentitäten, übernationale (z.B. europäische) Identitäten oder gar keine nationalen Identitäten haben.

Was Menschen im Herzen sind, womit sie sich identifizieren, das sollte in erster Linie Privatangelegenheit sein. Wie Menschen handeln und wie sie behandelt werden, welche Chancen ihnen gegeben werden und welche Chancen sie anderen ermöglichen, das entscheidet über den Integrationsgrad einer Gesellschaft. (Leserkommentar, Alexander Pollak, derStandard.at, 19.4.2012)

Autor

Alexander Pollak ist Sprecher von SOS Mitmensch.

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 51
1 2
staatsbuergerschaft

die oesterreichische/ europaeischen regierungen traeumen immer noch von nationalgefuehlen fuer ihre staatsbuerger. staatsbuergerschaft war und ist immer auch ein thema der wirtschaftlichen existenz. warum sind millionen menschen aus oesterreich 8+ungarn )vor 1848, bis 1910, vor 1938 und nach 1945 ausgewandert? weil sie nicht zu essen hatten.d.h. die realitaet ist und war eine andere. warum gibt es ca. 500.000 - 600.000 ( hochrechnung weitaus hoeher )registirierte auslandsoesterreicher? die politik sollte sich endlich an der realitaet orientieren.

Ich bin in erster Linie Türke, dann Europäer, alleinerziehender Transgender und zum Schluss Mensch.

Wir sind alle Menschen. Und keine Meerschweinchen.

Gott sei dank hat niemand dem Pollak das mit dem Zigeunerschitzel auf der Speiskarte vom Gasthaus Vybiral gesagt. Noch.

das ist Polemik, was Herr Pollak hier betreibt

unsachlich und falsch.
Diskriminierung, egal, ob gefühlt oder echt ist nicht das Problem des Heimatgefühls, sondern ist etwas ganz anderes, hat damit gar nichts zu tun.

Aber Pollak geht es wie dem kleinen Maxi und dem Lehrer, der Elefanten liebt

Unter Kreisky war OEsterreich liberales Einwanderungsland

Und seit Löschnak (SP) hat sich diese ganze Gruselpolitik richtig breit gemacht, wurde nachhaltig salonfähig, von Ausländer zu reden, was offiziell gar nicht PC ist (migrant main streaming!) und von Migrantionshintgrund etc. - Menschen flüchten aus ihren Herkunftsländern, weil sogenannte reiche Länder, u.a. wie Oesterreich, nicht effektiv genug die korrupten Regimes DORT boykottieren. Wenn diese korrupten Regimes nicht wären, muesste niemand fluechten.

Integrieren kann man sich nur, wo es auch was Integrieren gibt.

Integration ist eine rein kulturelle Angelgenheit. Doch was ist östrreichische Identität oder Kultur? Die gibts eigentlich nicht. In was hinein soll sich dann einer integrieren? - Die konstruierte Trachtenmentalität der FPÖ wird es doch wohl nicht sein. Ergo ist es lediglich eine arrogante Aufforderung an kulturell anders Geprägte, zu kuschen, am besten: Zu verschwinden. Mia san ima no mia.

das ist kompletter herbeigeschriebener schwachsinn

bei gutem willen fänden sie zig österreichische besonderheiten, wo sie sich irgendwie annähern, einfügen, was immer könnten

aber diesen guten willen haben sie eben nicht, das demonstrieren sie und pollak, ihnen gehts ums ösi-bashen

sehr billig und überflüssig

pollaks kritik am nationalismus halte ich für richtig, nur sein zugang zur "integration" erschliesst sich mir nicht so ganz. eigentlich spricht er davon, die strukturen und regeln in der gesellschaft so zu gestalten, dass chancengleichheit

hergestellt wird - und das nennt er dann "integration". fraglich bleibt, ob das konzept "integration" wirklich tauglich für gleiche rechte ist. denn für gewöhnlich ist damit gemeint, menschen in ihrer verschiedenheit zu negieren und sie zu einem abstrakten ganzen zusammenzufassen und zu normieren, üblicherweise eben der nationalstaat. der "integration" wohnt per se etwas zwanghaftes inne, denn es werden individuelle unterschiede verwischt und einem "gemeinsamen ganzen" untergeordnet - besonders extrem wird es, wenn den menschen ein gewisser moralischer und verhaltenskodex abverlangt wird. wünschenswert finde ich also nicht "integration", sondern eine gesellschaft, die uns - bei aller unbestreitbaren diversität - gleiche rechte garantiert.

den kommentaren zufolge werden Sie, herr polak, missverstanden. das bestätigt nur meine erfahrungen, personen die nie länger als vier wochen im jahr im ausland sind und die keine kontakte zu menschen aus anderen kulturkreisen pflegen, diese menschen brauchen noch nichteinmal fpö wähler zu sein und trotzdem werden sie Sie nie verstehen.

ich persönlich bin nur froh gelegentlich von menschen zu hören die in dieser hinsicht mir sehr nahe stehn. :)

Wie damals bei den "Ziegelböhm'".

Die "Ziegelböhm'" sind ja bis heute nicht integriert, oder etwa doch, Herr Pollak? Wäre alles viel besser gelaufen, wenn man ihnen damals nicht eine Umkrempelung ihres Nationalgefühls abverlangt hätte? Würden ihre Nachfahren heute ein glücklicheres, selbstbestimmteres Leben führen? Natürlich nicht!

Um jemandem die Chance zu geben sich zu integrieren, brauchen wir natürlich eine Vorstellung dessen was es bedeutet, Österreicher zu sein. Ob man das jetzt "Nationalgefühl" nennen will oder nicht, ist reine Geschmackssache.

Die Vorstellung, dass sich alles nur mit Zwang erreichen lässt, ist leider weit verbreitet.

präzise formuliert

und auf den Punkt gebracht, Herr Pollak

*verbeug*

Was die Mehrfachidentiäten anbelangt hat Pollak recht.

Die große Schwäche des Kommentars besteht darin, dass Pollak den FPÖ-Nationalismus zum typisch österreichischen Nationalismus erklärt um sich dann dagegen auszusprechen.

In der zentralen Frage "was macht unser Land aus, und was ist uns wichtig" die Deutungshoheit den FPÖ-Anhängern zu überlassen halte ich für unüberlegt und gefährlich.

"Österreich ist ein hoffnungsloses Land, in dem demokratischer Wandel ausgeschlossen ist."

-aus meiner Zitate-Sammlung.

Österreich ist aber eine Demokratie - oder wer ist unser Diktator?

Österreich ist eine Demokratie?
- Das wäre mir neu...

Wohl einen langen Winterschlaf gemacht?
Also: Wer ist unser Diktator?

Österreich ist bestenfalls die Karikatur einer Demokratie, oder haben Sie ernsthaft das Gefühl, mitbestimmen zu können?
Studieren Sie doch die diesbezügliche Verfassungspassage - ein Hohn angesichts der Gegenwart.
Doch das betrifft auch andere Marionettendemokratien und dieses System geht seinem Ende zu, denn es diente nur dazu, die Macht so zu konzentrieren, daß es wie ein naturgesetzlicher Vorgang wirkte ("Banken tun das Werk Gottes" - L. Blankfein, CEO Goldman Sachs).

Und der Diktator heißt PC aka politische Korrektheit.

Schüssel. Der Schweigekanzler zieht noch immer im Hintergrund die Fäden als beinharter und grausamer Diktator. Die Standard-Poster alleine haben diese unmenschliche Verschwörung aufgedeckt. Erst gestern.

Pollak hat diesmal vollkommen recht. Aber das schreibe ich hier im Forum schon seit Kurz Staatssekretär wurde. Es wird an den völlig falschen Stellen angesetzt. Wenn man Integration hier nur durch Leistung und österreichnationalistische Einstellungen definiert, wird es nicht viel bringen. Man sollte darauf schauen, dass eine Gleichstellung im Alltag erfolgt, rechtsextreme Ansichten aus der Welt geschaffen werden (nicht falsch verstehen: die gibt es bei In- und auch bei Ausländern), im Bildungssystem angesetzt wird und der Sozialstaat ausgebaut wird, damit Integration funktioniert. Der Großteil, den FPÖ und ÖVP fordern, ist meineserachtens sadistisch.

auch ein brüller:

ganz pfui gack ist es seit neuestem ja auch "Menschen mit und Menschen ohne "Migrationshintergrund" aufzuspalten".

wie ist es denn jetzt genehm auszudrücken, wofür kurz zuständig ist?

lächerlich diese debatte um den migrationshintergrund als neues igitt-igitt-wort.

Man darf Menschen nicht spalten.
Das tut sehr weh und ist gegen die Menschenrechte.

Ha, ha, ... sehr lustig. Ich mache mich wohl über so ein ernstes Thema gerne lustig. Danke. Sehr super. Vor 70 Jahres fing es auch so an.

ermüdend... nicht mal der sprecher von sos mitmensch kennt den unterschied zwischen migration für die kurz zuständig ist und asyl.

der autor sollte sich erst mal mit den basics der materie beschäftigen bevor er oberklug in die tasten haut.

auf die integration kommt es selbstverständlich erst bei demjenigen an, der einen gültigen aufenthaltstitel hat. für diese leute ist kurz zuständig. für leute, deren aufenthaltstatus letztlich noch ungeklärt ist, wie asylwerber, ist er NICHT zuständig.

ist mir schleierhaft, weshalb so standhaft versucht wird, dies in einen topf zu werfen.

Wie sie selbst bemerkten: "noch ungeklärt"

Das impliziert, dass diejenigen aber möglicherweise nach der Klärung in den Zuständigkeitsbereich von Kurz fallen.

Und jetzt kritisiert der Autor richtigerweise, dass im Zuge dieser Klärung bei potentiell zu integrierenden Schäden angerichtet werden, die nicht mehr wirklich rückgängig zu machen sind.

Mir ist wiederum schleierhaft, das manche Leute dies nicht verstehen...

regeln für derstandard.at konformes schönsprech
religion ist böse – sofern es das christentum im allgemeinen und den katholischen glauben im speziellen betrifft
religion ist kültürell interessant und vielfältig wenn obige bestimmungen nicht zutreffen.
nationalismus ist schlecht – sofern er sich auf österreich bezieht
importierter nationalismus (zb aus der türkei) ist bereichernd und wünschenswert.
eigene kultur gibt es nicht - fremde kulturen gibt es

niemand wurde gezwungen in österreich einzureisen. nahezu 100% aller personen haben ganz gezielt österreich als bestimmungsort ihrer reise gewählt und manchmal sogar sehr viel aufwand betrieben, dass es genau österreich wird und nicht zb. ungarn oder die slowakei.

Für Grenzen und Nationalismus!

Selbstverständlich sind Grenzen nötig - wer will denn Kinderschänder und Betrüger in die Gesellschaft integrieren?

Und ein Nationalstaat braucht ein gewisses Minimum an Zusammengehörigkeitsgefühl der Mehrheit.

Es ist daher unsinnig zu fragen ob man ein Nationalgefühl braucht. Die viel bessere Frage ist wie dieses Nationalgefühl aussehen soll.
Bekennt man sich zum Rechtsstaat, zu Toleranz und zur positiven Mitgestaltung? Oder legt man Wert auf Hautfarbe, Staatsbürgerschaft der Großeltern, Scheinchristentum und gehässiges Herummeckern.

Posting 1 bis 25 von 51
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.