Es war einmal ein Pferd

24. Juli 2012, 16:52
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Verona auf vier Hufen: Harald Fidler versucht's bodenständig und löffelweich, auch in einer Touristenfalle

Kann man Reiterinnen und Pferde mögen? Selbstverständlich, sage ich. Das Wie kann, ja es sollte sich womöglich unterscheiden. Wobei sich dieses Wie nicht gleich so radikal unterscheiden muss wie bei mir. Dann könnte es nämlich sein, dass vom Mögen in die eigene Richtung recht wenig übrig bleibt.

Hunde, wollt ihr?

Logisch, eigentlich: Der Hundeliebhaber ist nicht jeder Hundebesitzerin sympathisch, wenn er diese Liebhaberei kulinarisch meint. Selbst ich, der ich stets betone, dass ich dem Verzehr von Caniden aus persönlicher Erfahrung skeptisch gegenüberstehe, habe damit noch selten das Herz von Halterinnen gewinnen können. Strategisch betrachtet sind solche Aussagen eher unklug, kann ich berichten.

Ich darf mich also nicht wundern, wenn mir dieser kleine, schneckige Essblog beim Umgang mit Reiterinnen nicht gerade zupass kommt. Diese Woche wird mich da wieder schwer reinreiten, vermute ich. Aber die Wahrheit muss einfach ans Licht. Auch wenn das neue Medientransparenzgesetz Gastrointestinalblogs bisher nur ungenügend erfasst.

Stelle mich nicht so an

Zum Punkt, schön langsam halt: Dass ich Verona heimgesucht habe, wissen Sie ja schon, wenn Sie, verehrte Userin, geschätzter Reiter, öfter durch diese Rubrik galoppiert sind. Zwei Folgen anhand des Gastroführers von L'Espresso  und der kundigen Damen vom Gardasee mit rohen Freuden sowie des Guide Michelin mit, in Italien nicht gänzlich überraschend, kleinen gastrohistorischen Enttäuschungen. Also zurück zum Osteriaführer. Und zur Expertise des Herrn Hlavicka, der sich hierorts ja regelmäßig durch die Vinitaly trinken und also auch gelegentlich was essen muss. Aber der Reihe nach.

Der Osteriaführer beschneckt in Verona ein Wirtshaus, das diesen Namen definitiv verdient. Draußen Neon wie seit den Sechzigern, drinnen sowieso. Jedenfalls in einer Art improvisiertem Wintergarten mit Planendach, wo ich zu sitzen komme. Bodenständigkeit konnte mich ja noch selten abschrecken.

Pferdeknäuel, trocken

Nun scheint mir der Veronese gastronomisch schon sehr auf Einhufer zu setzen. Da wehrt sich der Fidler - siehe oben - nicht lange. Also: Sfilacci di Cavallo. Ein luftiges Knäuel rötlicher Fäden - getrocknetes Pferd, ultradünn aufgeschnitten. Sehr intensiv, sehr, sehr gut. Zitrone und anständiges Olivenöl dazu schaden trotzdem nicht. Der Punkt geht an Al Bersagliere. Genau, so heißt die Trattoria, in wenigen Hufschlägen von der Arena entlang der Cittadella Richtung Adige, aber die Etsch ist hier ja überall.

Der zweite Gang bekommt nicht die volle Punktezahl. ist ja auch kein Pferd: Tagliatelle in Brodo mit Fegatini, Hühnerleber, nach meiner Erinnerung jedenfalls. Weit entfernt von schlecht, das Süppchen, an einem sommerlich heißen Frühlingstag in Verona vielleicht einfach die falsche Wahl. So manchen Pokal verbockt der Reiter, nicht das Pferd.

Vier Hufe, ein Topf

Womit wir nahtlos wieder am Generalthema anschließen: Neben Baccalà, aber den hab ich ja schon länger durch, nennt die Karte (und der Osteriaführer) Pastissada als Spezialität des Hauses. Praktisch ein Eintopf vom Pferd. Mit Polenta, hier gebraten. Kräftig, üppig, intensiv - dreieinhalb Rufzeichen von drei Möglichen in der Schmeck's-Wertung. Mindestens.

Und wenn ich dem Herrn Wirten mit etwas weniger Nachdruck erklärt hätte, dass ich gerne einen a) regionalen und b) schon recht guten Wein, und das c) zudem in meinem selbst für mich überschaubar verständlichem Italienisch, wär ich mit meinem Dreigänger glatt unter der magischen Osteriaführermenüpreismarke geblieben. So wurden es mit einem recht wuchtigen, aber für mich Dilettanten untadeligen Amarone Villa Arvedi 2006 von Bertani doch ein bisschen mehr.

Master of Löffelweich

Mein Master of Wine ist Herr Hlavicka ja schon lang, gewiss ist er's auch bald amtlich bescheinigt. Kein Wunder also, dass der Mann mich in eine Weinbar schickt. Nicht irgendeine: "Einen Abstecher sollte man unbedingt in die Bottega del Vino im Zentrum Veronas machen, ist eine Kultweinbar. Dort haben sie auch das ganz lange geschmorte, löffelweiche Pferdefleisch." Seine Lieblingslokale in Verona habe er ohnehin schon (jaja, nicht mal eine Ahnung, was in meinem Blog schon abging) in Schmeck's referiert.

Löffelweich hin oder her: Ein bisschen hart finde ich, dass hier sonntags erst ab 12 Uhr gekocht wird. Die örtlichen Weinbeisser scheint das nicht zu stören, aber Brut auf nüchternen Magen? Hätte doch davor sicherheitshalber im Bugiardo der Buglionis auf ein paar Brote mit Schinken, Mayo und allerei anderen vernünftigen Dingen zur Jause einkehren sollen. Wie gestern. Kein Fehler, soviel kann man sagen.

Weinen und reiten

Andererseits wäre ich dann schon recht fröhlich in der Bottega aufgeschlagen. In einer Bottega, die nicht nur Armagnac bis ins Jahr 1908 (oder hab ich da älteren übersehen?) auf ihren Regalen sammelt und ich weiß nicht was alles im Keller.

Zudem wäre weniger Platz für Pferd gewesen. Das wird hier eingangs als Tatare serviert - ich hatte definitiv schon besseres rohes Fleisch, aber schon okay. Für okay muss man halt keine Reittiere verwenden. Wobei man ja auch auf Kühen reiten kann, wie ich dem RONDO entnommen habe. Genau - auch da ist okay zuwenig.

Schwer okay ist da schon was anderes - und das war die Pastissada hier definitiv. Schon wegen der cremigen Polenta, die mir einen Hauch lieber ist als die ganz feste, angebratene. Höhere Zwiebeldichte, dickerer Saft, definitiv keine falsche Interpretation des Themas Veroneser Pferdeeintopf - für mich alten Einkocher jedenfalls. Dennoch: die Variante bei Bersagliere schien mir schlüssiger. 

Und wo gerade keine Reiterin in Sicht ist, schreibt sich's auch ganz freimütig über meine zweite Leidenschaft.

Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

  • Frühstücksweine: Bottega del Vino in Verona. Nicht vor zwölf hungrig kommen.
Zwei Gänge, Wein, Wasser, Kaffee: 48 Euro
    foto: harald fidler

    Frühstücksweine: Bottega del Vino in Verona. Nicht vor zwölf hungrig kommen.

    Zwei Gänge, Wein, Wasser, Kaffee: 48 Euro

  • Tatare, hier vom Pferd - reitet man das auch auf Pferden weich?
    foto: harald fidler

    Tatare, hier vom Pferd - reitet man das auch auf Pferden weich?

  • Pastissada im Gegenlicht: Pferdeeintopf mit weicher Polenta, sehr gut.
    foto: harald fidler

    Pastissada im Gegenlicht: Pferdeeintopf mit weicher Polenta, sehr gut.

  • Sfilacci di Cavallo im Bersagliere. Trocken und sehrsehr fein aufgeschnitten. Und sehrsehr gut.
Drei Gänge, Wein, Wasser, Kaffee: 54 Euro
    foto: harald fidler

    Sfilacci di Cavallo im Bersagliere. Trocken und sehrsehr fein aufgeschnitten. Und sehrsehr gut.

    Drei Gänge, Wein, Wasser, Kaffee: 54 Euro

  • Schon okay: Hühnerlebersuppe.
    foto: harald fidler

    Schon okay: Hühnerlebersuppe.

  • Schwer okay, schwere Portion: Pastissada im Bersagliere. Wieher.
    foto: harald fidler

    Schwer okay, schwere Portion: Pastissada im Bersagliere. Wieher.

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