Moralischer auch noch?

Rezension18. April 2012, 07:00
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Das noch junge "Philosophie Magazin" fragt, ob Frauen von Natur aus gut sind - Das Heft liefert dennoch keinen Grund für Ärger, ganz im Gegenteil

Für PhilosophiestudentInnen ist das noch recht junge "Philosophie Magazin" wohl nicht gedacht, kostet es in Österreich doch stolze sechs Euro. Laut Eigenbeschreibung will das Magazin ohnehin eher ein "breites, nichtakademisches Publikum" erreichen, eines, das sich trotz Job mal gänzlich unpraktischen Dingen zuwenden will. 

Seit Ende letzten Jahres erscheint das Philosophie Magazin mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten, und die gewünschte "breite" LeserInnenschaft könnte sich durch das Ergebnis in den ersten Ausgaben durchaus angezogen fühlen: So braucht es zur Lektüre zwar einerseits keine Philosophie-Dissertation, andererseits schaffen es auch Geistes- und SozialwissenschafterInnen abseits der üblichen Verdächtigen ins Heft. Gut, das große Interview in Heft 2 mit Slavoj Žižek ist vielleicht nicht das beste Beispiel, obwohl es dank eines kleinen Rollentausches lesenswert ist: Žižek sorgte ganz allein für einen reißerischen Unterton, während sich die interviewenden JournalistInnen um Ernsthaftigkeit und Genauigkeit bemühten. Dass mal der Interviewte selbst verkürzt und überspitzt, und die JournalistInnen immer wieder um Differenzierung bitten - das gibt es auch nicht oft zu lesen.

Doch was die sonst im Philosophie Magazin vorkommenden Personen betrifft, ist das Heft immerhin schon drei Ausgaben lang ohne Peter Sloterdijk, Richard David Precht oder Konrad Paul Liessmann ausgekommen. Natürlich sind auch Axel Honneth, Ernst Tugendhat, Elisabeth Badinter oder Barbara Vinken keine Unbekannten, doch wenn sie medial auftreten, dann tun sie das immer in Zusammenhang mit spezifischen Themen und nicht als KommentatorInnen zu irgendwie allem. Diese Auswahl ist ein deutlicher Pluspunkt für das Heft.

Unmoralische Männer?

Der Themenschwerpunkt der aktuellen Ausgabe ließ es aber nochmal spannend werden, welche Richtung das noch junge Magazin im hart umkämpfen Zeitungsmarkt einschlagen wird. "Sind Frauen moralischer als Männer?" fragt der Schwerpunkt in der März/April Ausgabe. Mit Magazin-Titeln, die sich der Differenz der Geschlechter hingeben, haben Feministinnen so ihre Erfahrungen, denn nur äußerst selten stellen sich die dazu produzierten Artikel als differenziert und informiert heraus. Gerne werden Forschungsergebnisse - etwa aus der Hirnforschung - verkürzt und ohne jeglichen sozial- und geisteswissenschaftlichen Kontext präsentiert, um letztlich sensationslüstern festzustellen, dass Frauen eben doch anders sind. 

"Neurosexismus" nennt das die Psychologin Cordelia Fine im Philosophie Magazin Nr. 3, in dem sie die Kontra-Position zur Frage "Von Natur aus gut?" vertritt. Neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse würden oft dafür genutzt, traditionelle Geschlechterverhältnisse zu rechtfertigen, auch wenn viele dieser Forschungsergebnisse nicht haltbar seien. Etwa, wenn es um den Nachweis einer Kausalkette von Hormon-Gehirn-Verhalten geht, womit die Wissenschaft in größte Schwierigkeiten gerät, so Fine. Ihr Konterpart sieht das natürlich anders. Der Evolutionspsychologe Steven Pinker meint sehr wohl eine wissenschaftliche Basis dafür gefunden zu haben, dass Männer aggressiver wären. Ihm sagt die Evolutionsbiologie, dass die Fürsorge der Mütter für die Nachkommenschaft wesentlich ist, für Männer zähle hingegen - wie bei allen Säugetieren - die Multiplizierbarkeit seiner Nachkommenschaft, was ihnen ihr kompetitives Verhalten beschere.

Scharfe Konturen

Auch beim Streitgespräch zwischen der Kulturwissenschafterin Barbara Vinken und dem Theologen und Psychoanalytiker Eugen Drewermann schenken sich die Diskutierenden nichts. Zwei konträrere Meinungen zum Thema "Mutterliebe - angeboren oder kulturelles Konstrukt?" waren wohl nicht zu finden, was ihren Positionen scharfe Konturen verleiht und spannenden Lesestoff bietet. 

Sollte die LeserIn schon einmal die Befürchtung gehegt haben, sich für keine anderen Positionen als die eigenen mehr zu interessieren, wird sie durch Gespräche und Pro und Kontras wie diese eines Besseren belehrt. Ebenbürtige DiskutantInnen, die für die Argumentation ihrer Positionen die gleichen Mittel zur Verfügung haben, sowohl im Vorfeld durch ihre Arbeit, als auch in der medialen Verbreitung; unter diesen Bedingungen lassen sich nicht geteilte Einschätzungen gut aushalten. Wenn in anderen Medien Maskulinisten ausgewiesenen Fachleuten unter der Überschrift der Ausgewogenheit gegenübergestellt werden, fehlen genau diese Bedingungen.

Fürsorglichkeit

Das Interview mit der Politologin Joan Tronto beschäftigt sich mit der "Fürsorge". Sie müsse doch endlich auf alles angewandt werden, was tatsächlich fürsorglich ist, so Tronto. Warum wird männlich besetzten Berufsbildern das Etikett der Fürsorglichkeit entzogen? So sei zum Beispiel das Konzept "Polizei" ursprünglich eng mit Vorstellungen verbunden, für eine Gemeinschaft zu sorgen. Dennoch wird es maskulinisiert und militarisiert, kritisiert Tronto. Die Konsequenz sei, dass der Begriff der Fürsorge auf Bereiche eingeschränkt wird, die letztendlich nicht als Arbeit zählen. Sie werde nur noch auf einen persönlichen, privaten Bereich angewandt.

In den USA wird Fürsorge zudem von Konservativen stark dafür instrumentalisiert, auf Eigenverantwortung, auf die moralische Haltung innerhalb der Familie zu verweisen, also immer nur innerhalb des eigenen Lebens. Dieses Prinzip der Eigenverantwortung übersehe aber die gemeinschaftliche Arbeit über die eigene Familie hinaus, die für alle wesentlich, "fürsorglich" sei. Die Ideologien der Eigenverantwortung übersehen völlig, so Tronto, dass in unseren heutigen Gesellschaften niemand imstande ist, ganz auf sich selbst gestellt zu leben.

Die mühsamen Grundsatz-Fragen auf Magazin-Covers darüber, wie sich Männer von Frauen unterschieden, funktionierten bisher ganz gut als Kriterium zum Nichtkauf. Im Falle des Philosophie Magazins kann jedoch getrost zugegriffen werden. (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 18.4.2012)

  • Die Philosophie Magazin kostet 6 Euro und erscheint alle zwei Monate.
    foto: philosophie magazin

    Die Philosophie Magazin kostet 6 Euro und erscheint alle zwei Monate.

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